Junges Theater wachgeblieben

16. November 2021. Der Rückblick auf das "Fast Forward"-Festival für junge Regie, das 2021 analog in Dresden und mit digitalen Streams im Internet stattfand, fällt ermutigend aus. Stücke wie Jaz Woodcock-Stewarts preisgekrönte Inszenierung "Civilisation" machen Hoffnung: Die internationale junge Regie hat die Coronaflaute wach überstanden!

Von Michael Bartsch

Dresden, 15. November 2021. Die Preisverleihung am Sonntagabend im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels fiel knapper und weniger opulent aus, als vor der Pandemie gewohnt. Im Sachsenlande der Rekord-Infektionszahlen ist halt auch 2021 keine Ungezwungenheit möglich, obschon "Fast Forward" zumindest wieder hybrid, also mit immerhin vier direkten Bühnenbeiträgen und einer partizipativen Wandertheaterperformance aufwarten konnte. Dafür flossen nach Verkündung des Jurypreises Freudentränen bei der britischen Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart. Die Fachleute entschieden sich für ihre ebenfalls hybride Kombination von Tanz und weitgehend stillem Solo "Civilisation". Ein Publikumspreis wurde in diesem Jahr nicht vergeben. Wie hätte man bei vier Onlinebeiträgen auch für eine faire Abstimmung sorgen können?

Jaz Woodcock-Stewart hat sich in den vergangenen fünf Jahren in England und auf dem Festlandseuropa wie etwa in Salzburg ein beachtliches Renommee erarbeitet. Die Preisvergabe an sie ist gewiss verdient und mehr als eine Konzession an die "sehr harten Theaterbedingungen" auf der Insel, wie Festivalleiterin Charlotte Orti von Havranek schon bei Vorstellungs-Pressekonferenz vorausschickte. Der Lockdown traf auch dort die vielen freien Theater besonders, internationale Kontakte mussten reduziert werden. Gleichwohl bleibt festzustellen, dass sich in diesem Wiederauferstehungsjahrgang nach dem rein digitalen Intermezzo 2020 keine überragende Inszenierung spontan als Preisanwärterin aufgedrängt hätte.

Trauer und Kulturkritik

 "Civilisation" zählte zu den Festivalbeiträgen von aktueller gesellschaftskritischer Relevanz und bot in der Kombination mit dem Tanz außerdem einen ästhetischen Anreiz. Englische Kritiken und Ankündigungen beschreiben ebenso wie die Jury den Tag im Leben einer jungen Frau als Reaktion auf einen Schicksalsschlag, einen tragischen Verlust. Titel und Inszenierung legen aber nahe, dass es um Kulturkritik einer Lebensart, um den Verlust des Tradierten überhaupt geht. In den Mikrokosmos eines spießig eingerichteten Zimmers dringt nur sporadisch über die heute üblichen Kommunikationskanäle die Außenwelt ein und beherrscht dennoch das Verhalten der hier lebenden Solistin. Die ist, wie sich erst gegen Ende herausstellt, irgendwo im Big Business tätig. Wie verwandelt wirkt sie dann am Telefon, ein Kontrast zur Armseligkeit ihres Privatlebens.

 jaz woodcock stewart portraet1Preisträgerin und Regisseurin des Stücks "Civilisation" Jaz Woodcock-Stewart © Richard Perryman

Da ist sie getrieben von Moden der Zeit, von Fitness- und pseudoalternativen Lifestyleangeboten, lavierend zwischen Pornos und dem Kleiderständer. Mit Blumen, seien es Geburtstags- oder Trauerblumen, kann sie nichts anfangen und zerschneidet sie. Gesprochen wird kaum, die Texte kommen vom Mobiltelefon, einem Spielzeug oder vom Laptop. Mit einer kurzzeitig auftauchenden zweiten Person, möglicherweise ihre Mutter, scheitert jeder Dialogansatz. Vorgeführt wird aber nicht eine einsame Leidende, parodistisch schimmert sogar manchmal britischer Humor durch. Den vitalen Kontrapunkt setzen zwei Tänzerinnen und ein Tänzer, sehr eigenständig und nicht nur illustrierend. Manchmal Showtanz, manchmal Hiphop, immer raumgreifend erliegen aber auch sie zwischendurch dem Sog des Passiven. Am Ende ist die Bühne leer, kommentarlos hat die Solistin alle neuzeitlichen Errungenschaften abgeräumt.

Recht auf Widerstand gleich Recht auf Verbrechen?

Hier drängt sich eine Verwandtschaft zum Onlinebeitrag "Fuck you, Eu.Ro.Pa!" von Nicoleta Esinencu und délit B-Malthet auf. Auch in diesem Monolog über die versuchte osteuropäische Adaption westlicher Segnungen steht am Ende der ratlose Blick auf all das Wohlstandsgerümpel auf dem Teppich-Spielfeld.

Auf ein dem Theater verwandtes Milieu übertragen, zielte der erstaunlich selbstironische türkische Beitrag "Ama" in eine ähnliche Richtung. Eine Parodie auf die heutige Künstlerszene, die man früher einmal "Bohème" genannt hätte. Es geht vor allem um Erfolg, auch beim Sex, nicht mehr darum, "aus aller Erfahrung positive Lehren zu ziehen". Warum nicht soziale Pornos drehen? Flott und freizügig lässt Regisseur Nadir Sönmez seine fünf Mitspieler reden und vertraut im kahlen Proszenium dabei ausschließlich der Tragfähigkeit seines Textes und der Ausdrucksfähigkeit seiner ausgezeichneten Darsteller.

ravachol axel cornil szene 011Szene aus "Ravachol" © Alice Piemme

Über die Demonstration gewohnter Absurditäten hinaus ging der belgische Beitrag über den 1892 hingerichteten französischen Anarchisten Koenigstein, genannt "Ravachol". Wann schlägt das Arrangement mit dem eigentlich nicht Hinnehmbaren in offene Empörung, ja Gewalt um? Gibt es ein moralisches "Recht auf Verbrechen", wie es Dostojewskis Raskolnikow postuliert, wenn dadurch Tausende, ja Millionen verschont werden? Schillers Räuber fragen es, am Hitler-Attentäter Georg Elser entzündet sich diese Debatte. In seiner Apologie empfindet Ravachol "keine Reue in einer Gesellschaft, die den Kampf zwischen Menschen organisiert".

Auch diese belgischen Gäste hatten mit Pandemiefolgen zu kämpfen. Die während der Zwangsschließung eingelagerten Kulissen nahmen dabei Schaden. Als szenische Lesung gelang die Dresdner Aufführung aber erstaunlich lebendig.

fastforward ravachol fotosebastianhoppe1Schlussapplaus für "Ravachol" © Sebastian Hoppe

Festivalthema Rassismus

Ein zweiter Themenstrang ließ sich in der Ansprache von Multikulturalität und Rassismus verfolgen. Der in der "nachtkritik" bereits zitierte polnische Beitrag "Serce" hätte wegen seiner ästhetischen Qualitäten gewiss auch einen Preis verdient gehabt. Mit etwas Abstand betrachtet, wirft die Inszenierung des BIPOC Wiktor Baginski sogar die provokante Frage unserer Idealisierung aus Afrika stammender Geflüchteter und Mitbürger auf. Denn auch sie sind in kulturell geprägten Rollen gefangen, können wie Vater und Sohn im Stück schuldig an Frauen werden.

In diesem Zusammenhang wären die 30 Interviews mit BIPOC-Kulturleuten interessant gewesen, die Ayse Güvendirens geführt hat. Nach der Stückeinführung durch die rührige und omnipräsente Charlotte Orti aber blieb der eigentliche Stream auf der nicht immer bedienfreundlichen Festivalseite unauffindbar.

Kommunikativ, aber nicht gesellig

Eine zumindest über die Dresdner Festivaljahre seit 2017 beobachtete Erstaunlichkeit setzte sich auch in diesem Jahr fort. Junge Stücke und Inszenierungen mögen ambitioniert und originell angelegt sein, aber die Bühnenbilder, soweit verwendet, sind es kaum. Sie fallen meist konservativ, ja naturalistisch aus, auch die Möblierung des Zimmers im preisgekrönten "Civilisation". In der Vergangenheit traten ja schon "echte" Mammuts in nachgebauten Höhlen auf! Beim Nachwuchs also keine Spur von den Abstraktionen eines Olaf Altmann oder Johannes Schütz.

Lärmend, tanzend und feiernd klang der Fast-Forward Jahrgang 2021 nicht aus. Er blieb kontaktreduziert, auch wenn viel mehr möglich war als im streng reglementierten Vorjahr. Das wegen der Infektionsgefahr halbierte Platzangebot schöpften die auf 2G-Zertifikate geprüften Zuschauer immerhin weitgehend aus.

der verlauf studio beisel 0111Die dreistündige Landschaftsdurchwanderung "Der Verlauf" © Studio Beisel

Am kommunikativsten wirkte das Wanderangebot "Der Verlauf" von Studio Beisel. Zweimal sechs Kilometer Schnitzeljagd oder neudeutsch Geocaching entlang gelber Markierungen. Unterwegs blieb viel Zeit zum Austausch. Aber am Ziel, einem riesigen Baustoffkrater in der Dresdner Heide, wurde die mit manchen Sinnsprüchen am Wege aufgebaute Spannung von den beiden Künstlern nicht aufgelöst.

 

Fast Forward
Europäisches Festival für junge Regie

Civilisation
von Jaz Woodcock-Stewart
Regie: Jaz Woodcock-Stewart, Choreografie: Morgann Runacre-Temple & Ensemble, Produktion: Antler, Bühnenbild & Kostüm: Charlotte Espiner, Licht Design: Alex Fernandes, Produktionsassistenz: Eve Allin, Technische Leitung: Fergus Waldron, Abendspielleitung: Bryony Byrne, Produktionsvideo: Richard Perryman,
Produktionsfotos: Alex Brenner.
Mit: Imogen Alvares, Sophie Steer, Stefania Pinato, Brannon Yau, Seda Yildiz.
Dauer 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.jazwoodcockstewart.com

Ravachol
von Axel Cornil
Regie: Axel Cornil, Dramaturgie: Meryl Moens, Bühne: Marc Defrise, Kostüm: Rose Alenne & Charlotte Lippinois, Licht Design & Video: Emily Brassier, Musikalisches Coaching: Muriel Legrand & Ségolène Neyroud, Inhaltliche Unterstützung: Valentin Demarcin & Corentin Lahouste, Produktionsfotos: Alice Piemme, Regieassistenz: Olmo Missaglia, Bühnenbildassistenz: Baptiste Leclere, Produktionsmanagement: Meryl Moens.
Mit: Adrien Drumel, Gwendoline Gauthier, Héloïse Jadoul, Pierre Verplancken.
Dauer 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.modulable.be

Der Verlauf
von Studio Beisel
Konzept: Laurenz Raschke, Kajetan Skurski.
Mit: Laurenz Raschke, Kajetan Skurski.
Dauer 3 Stunden, keine Pause

www.studiobeisel.com

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Fast Forward, Dresden: noch zwei ArbeitenKonrad Kögler 2021-11-16 10:14
Zwei interessante Arbeiten, die hier noch nicht erwähnt wurden, gab es von den Schauspielschulen: „Rise like a virus, die nicht abgeschlossene Biografie einer Krankheit“ von Joachim Gottfried Goller, Mozarteum Salzburg, ist eine dokumentarische Collage und Zeitreise in die 80er, ästhetisch dabei ganz auf der Höhe des Januar 2021. Via Zoom erzählen die Studierenden, wie AIDS für millionenfaches Leid sorgte. In kurzen Szenen werden klassische Übertragungswege geschildert: ungeschützter Gruppensex in der Sauna, infizierte Nadeln und Blutkonserven in einem Krankenhaus oder die Spritzen, die Junkies austauschen.

Auf spielerische Art zeichnet die kurze Theaterarbeit nach, wie HIV die unbeschwerte Party-Stimmung zerstörte. Trotz des düsteren Themas bleibt die Inszenierung angenehm leichtfüßig zu 80er Jahre-Soundtrack.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/11/14/rise-like-a-virus-fast-forward-kritik/

"R-Faktor. Das Unfassbare“ von Ayse Güvendirenn (Falckenberg Schule München) wurde beim Körber Studio Junge Regie ausgezeichnet. Die Inszenierung macht in karikierender Überzeichnung rassistische Stereotype in den Köpfen der Auswahljurys der Schauspielschulen kenntlich und referiert Erlebnisse von migrantischen Künstlerinnen wie Pinar Karabulut, die sich zur Hausregisseurin der Münchner Kammerspiele hochkämpfte.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/06/06/koerber-studio-junge-regie-doppel-edition-2020-21-hamburg-kritik/
#2 Fast Foward: AufmerksamkeitsökonomieWolfram Sander 2021-11-22 17:49
Liebes Nachtkritikteam,

für wichtig, richtig und löblich halte ich Eure regelmäßige Berichterstattung vom "Fast Forward"-Festival. Oft genug habe ich es selbst besucht, heuer mit Eurer Hilfe immerhin von fern verfolgen können. Danke hierfür. Und Ihr seid ja, wie ein Blick auf die Historie der nk-Beiträge verrät, tatsächlich seit der Geburtsstunde 2011 dabei: "Fast Forward" hat einen festen Platz auf Eurem "Radar". So soll es doch gern auch bleiben.
Bass erstaunt hat mich jedoch, dass ein anderes, weitaus größeres und internationaleres Festival wie das SPIELART in München, das im übrigen nur biennal stattfindet, seit einiger Zeit gänzlich unter Eurem Radar läuft, gemeint ist das SPIELART Festival, das vom 22.10.-6.11. in München zu erleben war.
Für mich offen gestanden schwer nachvollziehbar, dass ein derart dichtes, vielschichtiges, internationales Programm, das etliche noch wenig bekannte künstlerische Positionen erstmalig (oder erstmals seit langer Zeit wieder) vor Publikum präsentiert, ohne auch nur einen Wimpernschlag seitens nk stattfindet.
Eure "Theaterbriefe" aus den verschiedenen Ländern der Welt sind toll und wertvoll. Sie geben mir wichtige Einblicke, für die ich dankbar bin. Aber wenn es kürzlich in München für 16 rasch vorüberziehende Tage die seltene Möglichkeit gab, die Arbeiten von Künstler*innen aus dem Tschad, aus Mosambik, Brasilien, Chile, Indien, Südafrika, Zimbabwe (und aus noch so vielen anderen Teilen der Welt) tatsächlich live zu erleben, im selben physischen Raum zu erfahren, zu bezeugen, frage ich mich schon, warum all dies so sehr unter Ausschluss Eurer Aufmerksamkeit geschah?

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