Neuigkeiten aus der vernebelten Realität

22. Januar 2022. Toshiki Okada ist ein Meister der zarten Bühnenpoesie, der moderne Arbeits- und Lebenswelten in entschleunigter, traditioneller Theatersprache zeichnet. Am Hamburger Thalia in der Gaußstraße zeigt er Business-Menschen, die in einem Hotel feststecken, während draußen die Welt im Chaos versinkt.

Von Stefan Forth

22. Januar 2022. Die Welt liegt im Nebel. In einer Stadt wie Hamburg ist das an sich kein besonders bemerkenswerter Zustand. Allerdings hat dieses Naturschauspiel an der Elbe wohl schon lange niemand mehr so poetisch umspielt wie jetzt der japanische Regisseur Toshiki Okada. Die Uraufführung seiner neuesten Produktion "Doughnuts" auf der kleinen Bühne des Thalia Theaters an der Gaußstraße gerät zum Totentanz im Paralleluniversum der ahnungslosen Experten.

In einer Hotellobby wartet eine Konferenzdelegation auf ein Taxi zur Tagung. Auf den ersten Blick scheint an diesem durchgestylten Durchgangsort nichts schiefgehen zu können: Die Sakkos sitzen ebenso adrett wie die Hosenanzüge, und die Lage der kühl gekachelten Rezeption im 21. oder 22. Stock sollte eigentlich für den nötigen Überblick sorgen. Wenn da nicht der Nebel wäre, der die Außenwelt verhüllt und der außerdem für Massenkarambolagen und ein Verkehrschaos auf den Straßen sorgt. Das jedenfalls berichtet der Hotelangestellte Herr Kimidori, und die grellweißen LED-Displays der Smartphones lassen ähnliche Nachrichten aufblitzen.

Wie eine moderne Version von "Warten auf Godot"

Überprüfen können das die versammelten Fachleute aber natürlich nicht. Dafür müssten sie es wagen, die Lobby trotz der unvorhergesehen Abweichung von der Konferenzroutine auf eigene Faust und Verantwortung zu verlassen. Stattdessen machen sie das, wozu sie sich berufen fühlen: Sie diskutieren, argumentieren und theoretisieren in Dauerschleife – ohne je zu irgendeinem Ergebnis zu kommen. So ziellos wie hier der vermeintlich beklagenswerte Zustand der Welt umkreist wird, könnte es sich fast um eine zeitgenössische Fortsetzung von Samuel Becketts "Warten auf Godot" handeln. Hier wie da erodiert nach und nach jede Gewissheit, und eine diffuse Angst kommt ins Spiel – auch weil nicht mal einfach jemand losgeht und etwas tut statt immer nur schlau daherzureden.

Doughnuts1 Fabian Hammerl uDie Konferenzteilnehmer hängen im Hotel fest, während die Stadt im Nebel versinkt © Fabian Hammerl

Die eigentliche Stärke von "Doughnuts" liegt aber in der Choreografie und im Rhythmus des Abends: Der Musikteppich von Kazuhisa Uchihashi gibt den Takt und den Ton vor, nach dem das Ensemble in ausladenden, weichen Bewegungen voller Dauerkörperspannung über die Drehbühne zuckt und tanzt. Wenn der schlaksige Rezeptionist Neuigkeiten aus der vernebelten Realität verbreitet, erinnern seine großen Gesten manchmal an verirrte Relikte einer unübersetzbaren Gebärdensprache – und manchmal scheint der Mann auch einfach nur an einem Wisch- und Putztick zu leiden.

Johannes Hegemann spielt das ganz wunderbar, mit einer lässigen Selbstverständlichkeit, so dass in der zauberhaften Komik oft eine etwas unheimliche Melancholie mitschwingt. Wer ist dieser vermeintlich hilfsbereite Herr Kimidori eigentlich wirklich? Warum beobachtet er als einziger die Szenerie hin und wieder von außen? Lenkt er gar das Geschehen? Vielleicht ein Geist aus dem japanischen Nō-Theater? Einer, der mehr weiß über Vergangenheit und Zukunft als die anderen Schlauberger?

Unter Sesselakrobaten

Auch denen kann man mit großem Spaß und vergnüglichem Befremden bei allerhand verbalen wie körperlichen Verrenkungen zuschauen: Toini Ruhnke versucht sich (als Konferenzteilnehmerin Frau Sazazuka) an einem Seiltanz auf dem Sofa, ihr Schauspielkollege André Szymanski ist ein begnadeter Sesselakrobat, und wenn Steffen Siegmund nicht gerade den Rezeptionstresen als Ballettstange missbraucht, überzeugt er durch ausdrucksstarke Meditationsgesten. Letztlich ist sein Herr Funabori der Wagemutige unter den Experten im Nebel. Er traut sich zu sagen, dass er die reale Welt bei gelegentlichen Begegnungen als gar nicht so bedrohlich empfunden habe, wie es die Fachleute gemeinhin annehmen. Alles halb so wild also? Wenn da dann aber nicht mal irgendwann das Budget für die Konferenzen zusammengestrichen wird!

Ein besonderes Theatererlebnis

Mit einigem Augenzwinkern wirft "Doughnuts" einen unbekannten Blick auf Bekanntes. Ein fast durchweg hochkonzentriertes Ensemble, ein ausgetüfteltes Lichtkonzept zwischen Eidottergelb und Giftgrün, eine überzeugende rhythmische Partitur und ein wahnsinnig gutes Zusammenspiel der Körper ergeben zusammengefügt eine außergewöhnliche Bühnenpoesie. Ein wirklich schöner Abend, ein besonderes Theatererlebnis. Ebenso ausdrucksstark wie zart, ebenso komisch wie klug. Und ein kleines bisschen geheimnisvoll, wie es Nebel in Hamburg sonst nur noch selten ist.

 

 

Doughnuts
von Toshiki Okada
aus dem Japanischen von Andreas Regelsberger
Regie: Toshiki Okada, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: Tutia Schaad, Musik: Kazuhisa Uchihashi, Dramaturgie: Julia Lochte, Makiko Yamaguchi
Mit: Johannes Hegemann, Maike Knirsch, Björn Meyer, Toini Ruhnke, Steffen Siegmund, André Szymanski
Premiere am 21. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.thalia-theater.de

 Kritikenrundschau

Tshiki Okade gehe es vor allem um das Loch im Doughnut, also die Leerstelle, schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (24.1.22). Oder anders gesagt: "Um die Überforderung des Menschen im Angesicht des hypermodernen Lebens", um eine "unbestimmte Angst" vor der Außenwelt. Theatral erinnere das Ganze an "Warten auf Godot" - was vorgetragen wird ist nebensächlicher als das wie - "in einer eigenwilligen Choreografie, die mal wie Ballet, mal wie Gebärdensprache anmutet." Alles scheine "einer unsichtbaren, kunstvollen Partitur" zu folgen und verbinde sich mit Jazz-Klängen zu "zarter Bühnenpoesie", während der sich mehr und mehr das "Doughnut-Gefühl" einschleiche. Mit dieser hochkonzentriert gespielten und "konsequent durchchoreografierten" Arbeit erweise sich Okada als "kluger, lebensphilosophischer Formexperte".

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Kommentare

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#1 Doughnuts, Hamburg: epigonalKonrad Kögler 2022-03-04 18:47
Die Welt draußen scheint im Chaos versunken und der für den Hamburger Herbst und Winter so charakteristische Nebel hat sich über die Stadt gelegt. Gleichmütig palavert das Quintett weiter, sinkt tiefer in die Sessel und redet ebenso unermüdlich wie sich die Bühne dreht und Steffen Siegmund durch den Abend hustet.

Mehr passiert nicht in diesen 75 Minuten auf der Thalia-Nebenspielstätte in der Gaußstraße: eine traumverlorene, skurrile Fingerübung hat Intendant Joachim Lux bei dem japanischen Regisseur Toshiki Okada eingekauft. In Hamburg ist seine Art der storchenhaft-staksenden Körperchoreographien, die Hegemann am besten beherrscht, zum ersten Mal zu sehen. Matthias Lilienthal hat Okada, als er noch die Münchner Kammerspiele leitete, für die deutsche Theaterszene entdeckt. Seine dritte Münchner Arbeit „No Sex", ein Abend über gestrandete, lebensuntüchtige junge Männer in einer Karaoke-Bar, war damals aufregend, neu und wirklich bemerkenswert, schaffte es aber 2019 nur auf die Longlist des Theatertreffens. Dass Okada ein Jahr später mit „Vacuum cleaner“ zum Theatertreffen eingeladen wurde, war eine klassische Wiedergutmachungs-Entscheidung: die neuere Inszenierung war sehr epigonal, der Regisseur kopierte seinen erfolgreichen Stil, aber der besondere Charme der „No Sex“-Produktion fehlte hier bereits.

Okada hat für seine ungewöhnliche Regie- und Choreographie-Handschrift durchaus eine Theatertreffen-Einladung verdient, aber den richtigen Zeitpunkt für die Einladung hat die Jury 2019 verpasst. Stattdessen wurde er nun zwei Mal mit epigonalen, schwächeren Arbeiten eingeladen, denen das entscheidende Kriterium fehlt: Bemerkenswert ist an „Vacuum Cleaner“ und „Dougnuts“ vor allem, dass Okada seinen Regie-Stil nicht weiterentwickelte, sondern ein bis zwei Schritte hinter seiner stärkeren Arbeit zurückblieb.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2022/03/04/doughnuts-toshiki-okada-thalia-theater-kritik/

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