Zeigefingerspiel

20. Februar 2022. Politische Satire ist gemeinhin die Domäne des klassischen Kabaretts. Aber da seit dem Ableben ihrer Nachkriegsstars einst namhafte Spötterbühnen eher ein Schattendasein fristen, springt hier und da das Theater in die Bresche. Zum Beispiel in Trier, wo sich der designierte Intendant Lajos Wenzel eines brandaktuellen Themas annimmt.

Von Rainer Nolden

20. Februar 2022. "Fracked or Please don't use the F-Word" von Alistair Beaton, einem in Großbritannien äußerst populären Journalisten, Satiriker und Dramatiker, wurde 2016 beim Chichester Theatre Festival uraufgeführt; ein Jahr später fand die deutsche Erstaufführung in Nürnberg unter dem Titel "Abgefrackt" statt. Dass das Theater Trier dennoch mit einer Uraufführung wirbt, liegt daran, dass es eine eigene, sehr lokalbezogene Version aus dem Original gemacht und den Titel noch eine Drehung weiter aktualisiert hat: "Fracking for Future".

Goldene Zement-Zukunft

Im fiktiven Eifeldorf Weidlingen, das wie die meisten Dörfer mit Einwohnerschwund und Ladenschließungen zu kämpfen hat, soll eine Gasförderanlage den Weg in eine goldene Zukunft pflastern. Als PR-Profi für die geplante Fracking-Anlage agi(ti)ert der ebenso smarte wie schmierige Chris Wiedemann (ebenso smart wie schmierig: Raphael Christoph Grosch), ein eloquenter, meist in teuflisches Pink gekleideter Verführer, der in der Tat jedes Klischee bedient, das man von Menschen seiner Lobbyisten-Profession vor Augen hat. Frank Schulze, Geschäftsführer eines Energiekonzerns (Martin Geisen als mit Spurenelementen von Skrupeln behafteter Spießer) ist längst Wachs in Wiedemanns Händen, und die Bürgermeisterin des Ortes (resolut gewinnorientiert: Tamara Theisen) ebenso.

Fracking for future Kaufhold uSmart und schmierig in Pink: Raphael Christoph Grosch als Chris Wiedemann. An den Seiten das Ehepaar Reinsbach: Klaus-Michael Nix und Barbara Ullmann © Kaufhold

Doch sie haben die Rechnung ohne die Anti-Fracking-Fraktion gemacht, angeführt von der emeritierten Professorin Petra Reinsbach, ernsthaft engagiert gespielt von Barbara Ullmann, die gutmenschelt, was die Rolle hergibt. Neben Reinsbach: ihre notorisch gutgelaunte Spät-Hippie-Freundin Jenny (Stephanie Theiß), die sich zwecks Perfektionierung ihres zweiten oder dritten Frühlings einen 19-jährigen ansehnlichen Toyboy (Lennart Hillmann) geangelt hat, der spirituell-meditativ unterwegs ist. Die beiden haben ihr Basiscamp im Garten der Reinsbachs aufgeschlagen. Wolfgang Reinsbach, engelsgeduldig und gutmütig verkörpert von Klaus-Michael Nix, passt das überhaupt nicht in den Kram: Er möchte sein stressfreies Rentnerleben genießen, ist allerdings auch nicht blind für die finanziellen Vorteile, die die Umweltzerstörung für seinen Wohnort bedeutet. Dass im Übrigen jeder käuflich ist, beweist Manfred Paul Hänig körperlich grandios umfänglich und überzeugend klein-kapitalistisch als Baumarkt-Besitzer Uwe Schröter. PR-Profi Wiedemann zieht ihn mit einem beim Himbeersoufflee versprochenen Millionengeschäft auf seine Seite.

Klare Fronten voller Zeigefinger

Die Fronten sind mithin mehr oder weniger klar umrissen, und damit beginnt auch die Problematik des Stücks: So viel Zeigefinger war nie – oder zumindest schon lange nicht mehr auf einer Bühne zu sehen. Regisseur Lajos Wenzel lässt seine Protagonisten ihre jeweiligen Anliegen allzu bierernst und sehr engagiert vortragen, da gibt es, weder auf der einen noch auf der anderen Seite, auch nur den geringsten Erkenntnisgewinn.

Fracking for future 4 Kaufhold uDer Jugendchor des Theater Triers auf der Bühne protestiert singend für den Umweltschutz © Kaufhold

Dass Malik, Wiedemanns willfähriger Assistent (Nima Bazrafkan), am Ende die Seiten und zu den Protestierenden wechselt, passiert aus ziemlich heiterem Himmel. Da jedoch im Übrigen von vornherein klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind, zieht der Abend relativ überraschungsarm am Publikum vorüber, das sich bisweilen wie auf einer studentischen Agit-Pop-Veranstaltung fühlen kann – vor allem, wenn am Ende der Jugendchor des Theaters Plakate schwenkend heranzieht und sich statt auf die Schulbank auf den Boden setzt, um umweltrettende Lieder anzustimmen, die die letzte Predigt von Petra Reinsbach kurz vor ihrer Verhaftung untermalen. Wenigstens kann sie sich auf den Gatten verlassen: Er filmt den Vorgang mit dem Handy und verspricht seiner Frau, das Video auf Youtube zu setzen, damit es "vital" geht.

Keine Überraschung

Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht: Wie skrupellos die Großindustrie zu Werk geht, wenn sie sich goldene Nasen verdienen kann, und wie engagiert die Umweltschützer unterwegs sind, das kann man tagtäglich in der Zeitung lesen oder in der Tagesschau sehen. Ebenso, dass da mancher, egal auf welcher Seite, weit übers Ziel hinausschießt. Da darf man doch vom Theater schon ein bisschen mehr erwarten als ein paar vorhersehbare Pointen.

Fracking for Future
Von Alistair Beaton, basierend auf der Übersetzung von Michael für Deutschland adaptiert von Lara Fritz, Lajos Wenzel und Manfred Langer
Regie: Lajos Wenzel, Ausstattung: Tom Grasshof, Kostüme: Monika Seidl, Dramaturgie: Lara Fritz, Chorleitung: Martin Folz.
Mit: Barbara Ullmann, Klaus-Michael Nix, Raphael-Christoph Grosch, Nima Bazrafkan, Martin Geisen, Luise Harder, Tamara Theisen, Lennart Hillmann, Manfred-Paul Hänig, Harald Pilar von Pilchau, Ernst Wilhelm Lenik, Statisterie: Anne Harden, Leonard Junkes, Ida Kassen, Christian Niegl, Tayo Scholz, Mitglieder des Jugendchors des Theaters Trier.
Premiere am 19. Februar 2022
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-trier.de

 

Kritikenrundschau

Anne Heucher vom Trierischen Volksfreund (20.2.2022) freut sich über zwei Stunden "Kurzweil und ein sprachliches Feuerwerk an Pointen". Dann wechsele die Satire ins ernsthafte Bildungstheater. "Jugendliche des Trierer Jugendchors beschwören auf Englisch Mutter Erde, auf die wir aufpassen müssen. Eine Botschaft, die politisch korrekt, jedoch allzu brav und belehrend daherkommt. Und unterstreicht, dass dies nicht nur ein unterhaltsamer Theaterabend war."

Alexander Scheidweiler schreibt auf lokalo.de (20.2.2022), er habe eine "äußerst unterhaltsame Satire" gesehen. "Dass die Figuren insgesamt etwas holzschnittartig wirken, ist der Gattung geschuldet: Die Satire lebt nun einmal davon zuzuspitzen, zu überzeichnen, zu karikieren." Das Stück biete einen humorvollen Blick auf ein Thema von hoher politischer Relevanz. "Unbedingt sehenswert, nicht zuletzt wegen der überzeugenden schauspielerischen Leistung des Ensembles."

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