Wenn nichts mehr hilft: Magie!

von Felizitas Ammann

Zürich, 27. November 2008. "Ich hatte mit dem physischen Kram gar nichts zu tun", erinnert sich einer, "ich hab in meinem ganzen Leben nie ein Schiff gechartert". Dafür konnte er ganz gut Bilder lesen, Statistiken, Charts, Patterns, Auf- und Abwärtstrends, Kaufsignale. Stolz präsentieren drei ehemalige Broker Diagramme mit schwankenden Kursen, erklären die unterschiedlichen Zackenlinien und ihre komplizierten Deutungsmuster. Wobei die Hauptschwierigkeit darin besteht, dass die Muster immer erst im Nachhinein erkennbar sind.

Es trifft auch auf die aktuelle Krise zu, dass man sich ein umfassendes Bild erst im Nachhinein wird machen können. Im Zürcher Theater Neumarkt hat man sich das Thema trotzdem schon einmal vorgenommen. Wobei es nicht das erste Mal ist, dass sich Videokünstler Chris Kondek mit Geld beschäftigt. In seinem preisgekrönten Aktienhandel-Stück "Dead Cat Bounce" (2005) und in "Loan Shark" (2008) hat er den internationalen Finanzmarkt auf die Bühne geholt, indem live Geld angelegt wurde. Diesmal versucht er es nicht mit Realität, sondern mit Magie.

Was unsere Welt im Äußeren zusammenhält

Die drei Broker nämlich konstatieren einen Bruch: Wurde der Markt früher durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sind es heute Gier und Angst, die über das Steigen und Fallen bestimmen. So kommt es, dass sich der Preis verändert, auch wenn immer gleich viel Öl da ist. Der Wert der Dinge und ihr Preis sind entkoppelt. Die Welt ist zweigeteilt in eine Finanzwelt und in die Welt der Dinge. Und diese Welt wieder zu einen, haben sich die drei Banker und Assistent Satoshi Ito vorgenommen. Sie versuchen es mit Alchemie – denn bei der Alchemie ging es wie beim heutigen Finanzsystem darum, Dinge zu verwandeln. Und nebenbei gesagt auch darum, Geld aus dem Nichts zu zaubern.

Die selbsternannten Chemiker pröbeln mit den vier Elementen, die hier natürlich nicht mehr Feuer oder Luft sind, sondern Rohstoffe. Reis, Öl, Gold und Schokolade ist es, was die heutige Welt in ihrem Äußeren zusammenhält. An den vielen Tischen, welche Frieda Schneider zu einer Mischung aus Labor und Werkstatt aneinander gereiht hat, wird wacker gewerkelt: Die gelernte Goldschmiedin Rahel Hubacher bohrt kleine Löcher ins Gold, Satoshi Ito sucht dazu passende Reiskörner aus und Matthias Breitenbach schmilzt Schokolade. Thiemo Strutzenberger übt sich derweil in Lyrik. Das ist nicht ohne Charme und erinnert manchmal fast an die Hobbythek. Überhaupt ist die Stimmung entspannt – auch wenn es auf den Videos im Hintergrund brennt.

Alchemistischer Spuk mit Lehrwert

Erwartungsgemäß geht der Versuch schief. Man probiert es stattdessen mit ehrlicher Hände Arbeit (genauer gesagt damit, anderen dabei zuzusehen), aber geht sich nur gegenseitig mit Besserwisserei auf die Nerven. Satoshi Ito erzählt seine Kindheitserinnerungen an das Embargo gegen das rohstoffarme Japan – und wie er ausgerechnet dadurch zum ersten Mal in seinem Leben Schokolade kosten durfte. Man erfährt auch, wo der Kakao herkommt und wer daran verdient.

Halb parodistisches Lehrstück, halb alchemistischer Spuk ist dieser Abend, der nach einer guten Stunde etwas abrupt endet. Das reichlich orientierungslose und erstaunlich heitere Treiben aber spiegelt durchaus die heutige Situation, wo Verantwortliche fassungslos dreinschauen, sich manche heimlich freuen und keiner weiß, wie wir da wieder rauskommen. Die schönen Statistiken gibt's eben erst im Nachhinein. Das muss aber nicht vom Geschäft abhalten – oder wie der Kapitalist gern sagt: "Was soll ich denn machen? Soll ich das Öl in der Erde lassen?"

 

Stuff
Regie: Chris Kondek, Bühne/Kostüme: Frieda Schneider, Musik: Marcel Blatti, Dramaturgie: Martin Bieri. Mit: Matthias Breitenbach, Rahel Hubacher, Satoshi Ito, Thiemo Strutzenberger.

www.theaterneumarkt.ch

 

Lesen sie auch, was wir über Chris Kondeks Geldhandel-Performance Loan Shark schrieben. Als Videokünstler ist Kondek unter anderem an vielen Inszenierungen Stefan Puchers beteiligt: z.B. am Münchner Sturm, an Der Kaufmann in Venedig aus Zürich und an M – Eine Stadt sucht einen Mörder in Berlin.

 

Kritikenrundschau

"Vor ihren Augen geht die Finanzwelt in Flammen auf, und der Markt zerfällt in Schutt und Asche. Die Börsianer sind fassungslos. Wie konnte es so weit kommen?" Chris Kondeks "Stuff" nähere sich dieser "frustvollen Frage auf lustvolle Weise" und liefere gleichfalls einen Rettungsplan mit. Das sei "bei aller Ernsthaftigkeit bisweilen höchst amüsant und lohnt sowohl für Kapitalisten wie für Globalisierungsgegner einen Besuch", findet Sabine Schulthess von der Neuen Zürcher Zeitung (29.11.). "Herrlich" findet sie etwa, wie "die Grimassen verzweifelter Börsianer (...) von den drei Schauspielern nachgeahmt werden". Kondek gelinge es, das scheinbar "schon bis aufs Äusserste ausgeschlachtete" Thema Finanzkrise "frisch, ohne Bitterkeit und unterhaltsam auf die Bühne zu bringen". Er suche keine Schuldigen, prangere nicht an, moralisiere und belehre nicht, sondern gehe die Sache "mit einer gesunden Portion Humor", "feiner Selbstironie" und "Liebe zu den menschlichen Schwächen" Gier und Angst an. Dabei werde es "keine Sekunde" langweilig, "und immer wieder gibt es etwas zu schmunzeln".

 
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