Nicht ohne meine Katze

31. Mai 2022. Der Band "Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre" schaut auf die kaum bekannten Ursprünge schwulen und lesbischen Theaters in Deutschland – und queert mit seinen unkonventionellen Methoden die Wissenschaft.

Von Georg Kasch

31. Mai 2022. Manchmal fragt man sich ja schon: Muss man sich überhaupt noch äußern zu Queerness und Theater, wenn gefühlt ein Drittel aller freien Produktionen queere Inhalte und queeres Personal besitzen und selbst auf den Stadttheaterbühnen sich längst queere Erzählungen und Ästhetiken durchgesetzt haben? Nicht überall, klar. Aber schaut man sich die Inszenierungen von Pinar Karabulut, Leonie Böhm und Lucia Bihler an, von Ersan Mondtag und Bastian Kraft, zuletzt auch von Karin Henkel (mit ihrem alle Geschlechtszuschreibungen sprengenden Richard the Kid & the King), hat man schon den Eindruck, dass da queer geprägte Handschriften und Narrative im Theater-Mainstream angekommen sind mit ihren offenen Gendergrenzen, künstlich leuchtenden Farben und Bildern, die wirken wie von Pierre et Gilles, David LaChapelle und dem späten Rainer Werner Fassbinder inspiriert.

In your face

Im von Jenny Schrödl und Eike Wittrock herausgegebenen Band "Theater* in queerem Alltag und Aktivismus der 1970er und 1980er Jahre" erfährt man viel von den politischen Wurzeln dieses Theaters, das ausging von den homosexuellen Emanzipationsbewegungen. "Lesbentheater war eine Möglichkeit, erstmal sich selbst zu vergewissern über das, was ist, sich Räume zu schaffen, in denen wir 'unter uns' waren, ohne irgendwem gefallen zu müssen", erzählt Sigrid Grajek in einem Interview. Auch, dass es natürlich Lesben und Schwule an den Theatern gegeben habe, aber sexuelle Identität – wie Sexualität insgesamt – kein Thema gewesen sei (etwas, woran sich bis zur #actout-Initiative offenbar nicht viel geändert hatte).

Man muss sich diese frühen Theaterformen als krachernes In-your-face-Laientheater vorstellen, wie man es heute noch in vielen Berliner Drag-Performances erleben kann, bei Ades Zabel alias Edith Schröder im BKA-Theater oder auch bei manchen Lesungen Ralf Königs. Humor wird da eher mit dem gröberen Besteck angepackt. Oder wie Jenny Schrödl zum Lesbentheater schreibt: "Einen künstlerischen oder ästhetischen Anspruch gab es nicht." Die – oft kurzlebigen – Beispiele zeigen auch, welchen langen Weg das queere Theater seitdem gegangen ist vom fröhlichen Polit-Dilettantismus zum (Hochglanz-)Profitheater, in dem sich das Politische im Ästhetischen manifestiert (und oft auch auflöst).

Der Band zeigt zudem, welche Widerstände es zu überwinden galt. Einmal berichtet Renate Klett davon, dass die (männlichen) Geldgeber ihres 1. Internationalen Frauentheaterfestivals 1980 in Köln (bei dem auch Lesbentheater zu sehen war) die Finanzierung kippen wollten, als sie erfuhren, dass es Veranstaltungen ausschließlich für Zuschauerinnen geben sollte. (Die Lösung: Für alle Performances nur für Frauen gewann sie eine andere Veranstalterin.)

Skandal!

Aber auch die Szene selbst musste sich erst lockermachen. Mit seinem erweiterten Theater-Begriff (deshalb das Sternchen im Band-Titel) berichtet Dorna Safaians Beitrag zum Beispiel davon, wie schwule Aktivisten den Rosa Winkel – einst KZ-Pariazeichen unter den Nazis – überhaupt erst wiederentdeckten und zum selbstbewussten Demo-Symbol umdeuteten (das später vom sechsfarbigen Regenbogen abgelöst wurde). Ausgelöst wurde diese Wiederentdeckung eines Zeichens durch den "Tuntenstreit" bei der Pfingstdemonstration der Homosexuellenaktion West (HAW) 1973. Die frühe Homobewegung war so stark von den Vorbildern der studentischen Linken geprägt, die bei ihren Demos erstaunlich unkritisch in Reih und Glied marschierte, dass sich die aus Italien und Frankreich dazustoßenden, "feminin gekleideten" Aktivisten über den "preußischen Stechschritt" lustig machten und aus der Reihe tanzten, was wiederum die deutschen Homos gar nicht witzig fanden. Skandal! Und der Beginn eines fröhlichen Individualismus.

Die Lücke 

Die Interviews und Zeitzeug:innenberichte – aus der Not geboren, weil es über viele Ereignisse und Entwicklungen kaum archivierte Dokumente gibt – gehören zu den Stärken des Bandes, gerade weil sie in ihrer Subjektivität und manchmal fehlenden Reflexionsebene Wissenschaft queeren. Oft ist das sehr lustig – etwa wenn sich der / die ehemalige Striptease-Künstler:in JohJac Kamermans im Interview mit Lea-Sophie Schiel nicht auf künstlerische Strategien festnageln lassen möchte, sondern im Zweifelsfall die Devise verteidigt: Geld stinkt nicht.

Oder wenn Jayrôme C. Robinet im hochwissenschaftlichen Ton davon berichtet, wie er eine Spoken-Word-Performance von und mit Bernd Gaiser über Klappen-Sex reenacted hat – coronabedingt im eigenen Wohnzimmer. Einzige Zuschauende: er selbst und seine Katze. Wenn letztere das Zimmer verlässt, wird das sorgfältig notiert. Selten habe ich so viel bei einer wissenschaftlichen Lektüre gelacht.

Ein bisschen schade ist, dass der Band die AIDS-Krise zwar benennt, die daraus folgenden theatralen Strategien – ziemlich kreative Demos und Polittunten-Shows – nicht weiter untersucht. Aber klar: Die Lücke ist umrissen. Jetzt können andere sie füllen. 

Zuletzt schrieb Georg Kasch über den Konflikt zwischen trans Menschen und TERFs

 

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