Äffchenwesen Mensch

26. Juni 2022. Was haben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschheit gemeinsam? In allen dreien erstrahlt das Deppentum. Mit ihrem Stück "(R)Evolution" haben Yael Ronen und Dimitrij Schaad eine "Anleitung fürs Überleben" in der lachhaft düsteren KI-Welt von morgen geschrieben. Elina Finkel inszeniert es als dystopische Nummernrevue.

Von Christian Muggenthaler

26. Juni 2022. Es gibt da diese eine berühmte Stelle in Yuval Noah Hariris berühmt gewordenem Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit", in der der Geschichtsprofessor aus Jerusalem einen spektakulären Perspektiv-Wechsel unternimmt: Nicht etwa die Menschheit habe den Weizen domestiziert, wie er es sich als homo sapiens so gerne einbildet, sondern stattdessen habe dieser sich den Menschen zum Diener herangezüchtet, der ihn hegt, pflegt, schützt, verteidigt – und so gut wie nur Nachteile davon hat. Ackerbau, Viehzucht und die Sesshaftigkeit gelten vielen Menschheitstheoretikern sowieso als wildeste Verschlimmbesserung in der Geschichte; und jetzt, im Erlanger Markgrafentheater, wird daraus eine Wutrede des Weizen-Knechts René im Stück "(R)Evolution" von Yael Ronen und Dimitrij Schaad.

Zorn und Verzweiflung  

Der Schauspieler Justin Mühlenhardt ackert und turnt sich da ansehnlich durch diese Solo-Nummer des im Kern gut und naturnah gebliebenen Äffchenwesens Mensch. Wobei ein bisschen schleierhaft bleibt, wieso er dazu zu Beginn einen angetrunkenen Mann mimen muss, was er voraussehbar bei der folgenden Textmenge ohnehin nicht durchziehen kann. Sei’s drum. Jedenfalls blitzt hier einmal so etwas wie Zorn und Verzweiflung auf in einem Spiel um ein Thema, das sich um nichts Geringeres dreht als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Menschen. Ansonsten sind diese knapp zwei Stunden Bühnengeschehen, die sich an Hariris anderem Buch entlang ranken, den 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert, ein mühsam zusammengehäkeltes Thesenpapier, dem eine wirkliche Geschichte fehlt und als dystopische Nummernfolge über potentiell Schrecken erregende Möglichkeiten der Zukunft daherkommt.

Im Wesen nichts Neues 

Gentechnisch optimierter Nachwuchs, eine Gesundheitsdiktatur, der Verkauf der Individualität an die Überwachung durch die Künstliche Intelligenz aus Bequemlichkeitsgründen, ein sich Verselbstständigen jener KI zu einem Totalitarismus des immerwährenden Fortschritts: eine inhaltsreich angerührte Suppe von Themen, die alle an-, aber an keinem Ende wirklich auserzählt werden. Und die allesamt ganz anders treffsicher ja auch schon bühnentauglich bearbeitet worden sind von Autor:innen wie Konstantin Küspert, Juli Zeh, Dietmar Dath, Ella Road, Philipp Löhle, Svenja Viola Bungarten, ja selbst schon Rainer Werner Fassbinder. Insofern begegnet einem hier in Erlangen nichts Neues über das Neue, und das ist um so beklagenswerter, als längst schon Herausforderungen in der und für die Zukunft dräuen, die das visionäre Erzählen so wesentlich und wichtig machen.

REvolution FotoJQuast 3Totalitarismus des immerwährenden Fortschritts © Jochen Quast

"(R)Evolution" jedenfalls wirkt im Starren auf Biotechnologie und KI sogar irgendwie wohlgefällig antiquiert, was zur Folge hat, dass zumindest in der Erlanger Inszenierung durch Elina Finkel eher eine spottlustige Sketch-Show über das menschliche Deppentum angesichts der von ihm selbst angerührten Zukunft herauskommt. Es muss ja nicht, aber wenn in dem Abend eine Warnung stecken sollte, ist sie in etwa so beängstigend wie ein Kindergeburtstag mit Zwerg Nase in Geiselhöring. Und so haben wir dann wieder beispielsweise jenen René, der von seinen eigenen Haushaltsgeräten unterjocht wird und Teil einer in sich hilflosen Opposition gegen einer Art Technokratie-Diktatur wird, die alles verfolgt und bekämpft, was sich in den Weg des Optimierens von Mensch und Technik stellt: Da schaut er dann ganz narrisch verzweifelt, der René. 

Bei den Menschenabhör-Monstern

In Erlangen ist das alles narrisch harmlos, lieb und mild. Die Bühne (Ausstattung: Elena Bulochnikowa) ist eine Art liturgischem Raum mit Stromstecker-Glasfenstern, am Ende rasseln dann so viele von diesen Steckern vom Schnürboden herab, dass man sich unwillkürlich fragt, wo eigentlich der ganze Strom für diese KI-Zukunft dereinst herkommen soll: Wäre ja auch so ein Thema. Zwischen den – noch – natürlichen Menschen wuseln die Schauspieler:innen auch herum als Darsteller:innen von "Alecto", einer Art Figur gewordener "Alexa" oder ähnlicher Menschenabhör-Monster, die man sich freiwillig ins Wohnzimmer pflanzt. Hier sind sie, in putzige, glitzernde Ganzkörper-Anzüge gesteckt, gar nicht so weit weg von den Teletubbies.

REvolution FotoJQuast 4Revue für eine lachhaft düstere Zukunft © Jochen Quast

Die Schauspieler:innen tun ihr Möglichstes, eingezwängt in ein Konzept der Dystopie als Schlossgespenst-Arena. Wie da etwa Hermann Große-Berg als Dr. Stefan Frank und Oliver Jaksch als Ricky Martin als Paar agieren, das über den virtuellen Sex all ihre Körperlichkeit und Liebe verloren haben, zeigt das Potenzial von Figuren, das durch eine permanente Redundanz des Erzählten jedoch nahezu völlig verschluckt wird. Fein ist, wie Alissa Snagowski als Tatjana radikal klar wird, dass auch privateste Aussagen in einer Welt der unbegrenzten Speichersysteme in einem verdachtsgesteuerten Überwachungssystem zu Vorwürfen werden können. Oder wie Juliane Böttger als eben jene(r) "Alecto" zeigt, wie die/der gelernt hat, menschliche Zuwendung zumindest zu imitieren. Aber bevor diese Figuren auch nur ansatzweise Raum gewinnen, rauschen Szenenhatz und hibbelige Regie schon mit dem nächsten Trara daher.

 

(R)Evolution
Von Yael Ronen und Dimitrij Schaad
Regie: Elina Finkel, Bühne und Kostüme: Elena Bulochnikova, Dramaturgie: Karoline Felsmann, Licht: Simon Bachtik.
Mit: Juliane Böttger, Hermann Große-Berg, Oliver Jaksch, Justin Mühlenhardt, Alissa Snagowski.
Premiere am 25. Juni 2022
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

www.theater-erlangen.de

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