Vom Immer-weiter-so-Leben

23. September 2022. Lebenslügen legt Tschechow in seinen Texten bloß wie ein Anatom die Nervenbahnen. Auch "Onkel Wanja" ist ein Reigen mild abgetönter Verzweiflungen. Regisseur Jan Bosse liest den Text etwas dunkler als üblich. In den Herbst verlegt, sind die im Stück prophezeiten Natur-Katastrophen nun Klimawandelfolgen. Und das Anwesen, um dessen Verkauf gestritten wird, versinkt im Schnee.

Von Michael Laages

23. September 2022. "Na Remont", wie es auf Russisch heißt, ist dieses Haus vermutlich schon recht lange, seit ewigen Zeiten wird es renoviert; kaum jemand mag sich jemals drinnen aufhalten in diesem unbehausten Baustellen-Raum. Von halb durchsichtigen Planen verhängt, ist die Welt innen hier genau so wenig bewohnbar wie mittlerweile die Welt außen – anhand statistischer Daten analysiert das ja Anton Tschechows früher Chef-Ökologe Astrow, dieser Arzt und Wald-Schützer, der auch gut in Thomas Köcks "Solastalgia"-Stück zu Hause sein könnte, das gerade parallel mit Tschechow zur Frankfurter Premiere kommt.

Jan Bosse hat den 125 Jahre alten Klassiker gemeinsam mit Dramaturgin Gabriella Bußacker kraftvoll gestrafft und auf zwei pausenlose Stunden verdichtet; das ist dem Stück ganz gut bekommen. Und eine neue Zeitschiene hat das Inszenierungsteam der Fabel auch unterlegt – vom langweiligen Landleben im Sommer reicht es jetzt über den Herbst, dessen Stürme alles durcheinander wirbeln, bis in den eiskalten Winter im Schnee. Das stimmt zwar nicht recht mit den Geschehnissen überein nach dem misslungenen Attentat der gedemütigten Titelfigur auf den ewigen Peiniger, den eitlen Kunst-Professor im Ruhestand (der Serebrjakow heißt, in Frankfurt aber sonderbarerweise gar keinen Namen trägt), das gibt der Aufführung aber ein beunruhigendes Finale.

Verzweifeltes Stück über das Versagen

Der mittelalte Wanja (47 sei er, sagt er), Onkel von Sonja, der Haus und Gut eigentlich gehören, hat sich lebenslang aufgerieben für diesen unerträglich professoralen Parasiten, der Sonjas Vater ist – als der Alte eines Morgens entscheiden will, das Anwesen (das ihm gar nicht gehört) zu verkaufen, reißt Wanjas Geduldsfaden: und er holt die Waffe aus dem Schrank. Vier Schüsse, und keiner trifft – wieder einmal hat Wanja versagt.

OnkelWanja3 Thomas Aurin uEinsame in schneeiger Einöde: Wolfram Koch, Melanie Straub und Lotte Schubert © Thomas Aurin

Unablässig aber versagen halt alle in diesem Stück, deshalb ist es so verzweifelt (und zum Verzweifeln) komisch. Der alte Kunst-Professor bringt die hohle Langeweile durcheinander, als er sich einnistet für die Sommerfrische – mit der noch recht frisch angetrauten zweiten (und jungen) Gattin. Sie vor allem bringt in immer neuen Klamotten zwischen schräger Mode und Model-Chic (kreiert von Kathrin Plath) die Herren und die Herzen durcheinander – der leicht versoffene Arzt verliebt sich in sie (und ergeht sich am Schluss und im Schnee selbst dann noch in Liebeserklärungen, als die schöne Helena längst abgereist ist), auch der traurige Onkel macht sich ein paar kleine Hoffnungen, wenn er sich der jungen Frau nähert; und die geschundene Sonja, die sich immer nur für hässlich hält (und hoffnungslos den Arzt liebt), wird zur guten Freundin der Professoren-Gattin. Aber niemandem kann die kühle Blonde wirklich helfen…

Waldschrat mit Hippie-Haar und Tröte

Jan Bosses Blick auf Tschechow ist deutlich härter und hoffnungsloser als üblich. Onkel Wanja, optisch hier eine Art übrig gebliebener Hippie mit Zottelhaar, ist kein sanfter Verlierer, sondern ein Polterjan, emotional immer unter Strom – beim Abendessen im dritten Akt (wenn der Professor den Verkaufsplan präsentiert) haut Heiko Raulin derbe auf den Tisch; und hält sich hinterher die schmerzende Hand – solche Kraftausbrüche ist er dann doch nicht gewöhnt, wie ruppig er sich zuvor auch schon gab. Den Part vom freundlich verzweifelten Nichtsnutz übernimmt in Frankfurt eher Wolfram Koch als Arzt – die Maskenbildnerei hat ihn mit weit herab hängenden Schnurrbart-Enden verziert, er wirkt wie das Klischee vom weisen alten Chinesen. Und wenn er mit dem Fahrrad angerauscht kommt, brummelt er dazu in eine Kazoo-Tröte, als säße er auf einem Motorrad – ein ulkiger Aufschneider. Wenn er sich plötzlich sehr rabiat an die schöne Helena heran macht, ist das sogar ein bisschen überraschend.

OnkelWanja1 Thomas Aurin uZagender Zausel mit Gattin des Gegenspieler: Wolfram Koch, Melanie Straub © Thomas Aurin

Obendrein ist Wolfram Koch natürlich immer Wolfram Koch – und angemessen schlüssig ist dessen lustvoll-raumgreifendes Spiel auch mit Blick auf die Geschichte des Tschechow-Textes selbst: der ja in einer früheren Fassung „Der Waldschrat" übertitelt war und die Figur, diesen Arzt, zum Titelhelden hatte.

Hoffnungslos hoffende Endzeit-Passagen

Torsten Flassig passt als verarmter Nachbar an Wanjas Seite ganz gut zu dessen Hippie-Optik, Peter Schröder als alternder Professor, immer in absichtsvoll überkandidelten Klamotten, dürfte gern auch ein bisschen rabiater sein. Neben all diesen aus der Zeit gefallenen Mannsbildern wandelt derweil Melanie Straub durch das Stück wie ein Wesen aus fernen, fremden Welten – hier, wo sie alle und alles durcheinander bringt, ist sie wirklich nicht zu Hause. Auf die unterschiedlichen Wirkungen dieser Zauber-Frau in immer neuer Verpackung verwendet die Inszenierung extrem viel Energie; während sie eher stiefmütterlich umgeht mit "Maman", also Christina Geiße als Wanjas (im Original ja gut 70-jähriger) Mutter Maria. Und auch Lotte Schubert als verzweifelt liebende junge Sonja bleibt im Spiel eher auf der Suche – bis sie am Ende aller Katastrophen (und im Angesicht der letzten und schlimmsten, der des Immer-weiter-so-Lebens) ganz beim brüderlichen Onkel ankommt. Das sind ja immer die schönsten und melancholischsten, die hoffnungslos hoffenden Endzeit-Passagen im Text; auch hier, in der ohnehin schon sehr zeitgenössischen, vom Team zuweilen noch weiter in die Gegenwart verlängerten Übersetzung von Angela Schanelec.

OnkelWanja3 Thomas Aurin uTschechows heiter traurige Tischgesellschaft © Thomas Aurin

Schön und gut also – was aber Jan Bosses Inszenierung mit zunehmender Spieldauer unübersehbar abgeht, ist ein zentraler Grundgedanke; auch die Wald- und Natur-Katastrophen, die Arzt Astrow herauf beschwört, sind ja nur ein episodischer Aspekt. Natürlich ist dieser ganze "Onkel Wanja" ein schmerzhaftes Endspiel der Untergeher, dafür braucht’s den Winterschnee am Ende eigentlich nicht, durch den das Ensemble wie auf Schlittschuhen laufen soll … das ist dann leider auch ein bisschen albern.

Aber der rauschende Beifall ist gewiss. Und auch dies war eine Premiere am Beginn der Saison, die für’s erste kein Gejammer rechtfertigt über das Publikum, das angeblich wegbleibt.

Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Carolina Bigge & Arno Kraehahn, Dramaturgie: Gabriella Bußacker, Licht: Marcel Heyde/Jan Walther.
Mit: Torsten Flassig, Christina Geiße, Wolfram Koch, Heiko Raulin, Peter Schröder, Lotte Schubert, Melanie Straub. Live-Musik: Carolina Bigge, Ralf Göbel.
Premiere am 22. September 2022
Dauer: zwei Stunden ohne Pause

www.schauspielfrankfurt.de


Kritikenrundschau

Jan Bosse und das Ensemble zeigen und spielen Tschechow, "wie heute Theater gezeigt und gespielt wird, auf Draht, elastisch, diesmal aber nicht manieriert, sondern entspannt und wie mit einer Spur von Abstand", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (online am 23.9.2022). Überzeugend findet sie, "dass hier nicht-existenzielle Probleme auch als nicht-existenzielle Probleme behandelt werden". "Merkwürdig" dann aber, "Charkow/Charkiw so undramatisch erwähnt zu hören, merkwürdig noch mehr das russische Lamento der Passivität".

Bosse inszeniere Onkel Wanja "als Dialogdrama, das auf der Stelle kreist", schreibt Kerstin Holm in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (online am 24.9.2022). Die vielleicht stärkste Schauspielerin des Abends sei Lotte Schubert als Halbwaise Sonja: "Wie Schubert, die mit Lockenperücke und Blumenkleidchen als linkische Provinznelke auftritt, ihren Angebeteten bewirten will, mit stummer Lippenbewegung seine Worte antizipiert, um dann wieder bekümmert vor sich hin zu brüten, ist ein rührender Ausdruck naiver Totalhingabe." Ansonsten biete lediglich das Ende "ein wenig russische Wintertristesse".

"Kein schlechter Beginn für eine Spielzeit in Krisenzeiten, aber wie der Handlungsort (eine Baustelle) ausbaufähig", urteilt Katja Sturm in der Frankfurter Neuen Presse (26.9.2022) und schüttelt den Kopf über die Bemühung, mittels diverser Ausraster der Protagonisten, "von theatralisch übertrieben bis ebenso aufgesetzt", die Tristesse "zwanghaft" aufzulockern und zu beleben. "Am Ende fällt Schnee, wie in einer dieser Glaskugeln, die man dafür schütteln muss. Der Eindruck einer Blase verstärkt sich."

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