Ein Treppenwitz

9. Oktober 2022. So viel kann man verraten: Tschechows "Platonow" tritt bei in der Version von Regisseur und Residenz-Hausautor Thom Luz ebenso wenig auf wie Godot bei Beckett. Entstanden ist ein eigenständiges Stück, eine Fantasie über Tschechow – mit Besonderheiten, die ihre Fans finden könnten.

Von Thomas Rothschild

9. Oktober 2022. Als Ivan Nagel 1985 die Intendanz des Stuttgarter Schauspiels übernahm, überraschte er mit einem Stück, das niemand kannte: "Wilder Honig". Es war ein Jahr zuvor uraufgeführt worden, sein Autor war der Engländer Michael Frayn, und in der Hauptrolle glänzte ein Schauspieler, dessen steile Karriere gerade an einem Wendepunkt stand: Gert Voss. Hinter dem rätselhaften Titel aber verbarg sich Anton Tschechows erster dramatischer Versuch, der in Deutschland unter dem Titel "Platonow", auch als "Werk ohne Titel" oder "Die Vaterlosen" bekannt ist. Den Begriff der "Überschreibung" gab es damals, jedenfalls auf dem Theater, noch nicht. Man sprach von Bearbeitungen und fühlte sich dem Text, den man adaptierte, in einer Weise verpflichtet, die einem heute wohl nur noch Spott einbrächte.

Verweigerung von Rede und Gegenrede

In München, im Cuvilliéstheater, heißt das Stück des Hausregisseurs am Residenztheater Thom Luz "nach Motiven von Anton Tschechow", bedeutsam verschmitzt, "Warten auf Platonow". Und das sollte man beim Wort nehmen. Denn Platonow tritt bei Luz ebenso wenig auf wie Godot bei Beckett. Zwar sind Zitate von Tschechow über den gesamten Text verteilt, aber der Autor jongliert mit ihnen nicht mehr als mit Anspielungen auf den irischen Franzosen, den die Literatur- und Theaterwissenschaft seit langem als legitimen Erben des genialen russischen Schriftstellers und Neuerers der dramatischen Form ausgemacht hat. "Warten auf Platonow" ist alles in einem: ein eigenständiges Stück von Thom Luz, eine Fantasie über Tschechow, wie es in der Musik analog Fantasien über ein Thema von Paganini oder Brahms sind, und eine Kontrafaktur von Beckett.

Dabei ist Luz nicht zimperlich. Er paraphrasiert nicht nur Formulierungen aus "Platonow", sondern auch aus anderen Werken Tschechows oder, im Vorübergehen, von Lermontow. Aus dem Zusammenhang gerissen, bestärken sie den Eindruck des Absurden und somit die Nähe zu Beckett. Von Tschechow übernimmt Thom Luz die Verweigerung der Ökonomie von Rede und Gegenrede, das Aneinander-Vorbeireden, das Luz durch Geschwätzigkeit verstärkt.

Platonow1 Sandra Then uIn der Gemeinschaftswarteschleife: Nicola Kirsch, Nicola Mastroberardino, Delschad Numan Khorschid, Linda Blümchen, Vincent Glander, Christoph Franken, Cathrin Störmer, Evelyne Gugolz, Barbara Melzl, Florian Jahr © Sandra Then

Von Tschechows Psychologismus ist bei Thom Luz nichts übrig geblieben. Deshalb benötigt er keinen Platonow. Auf ihn dürfen die Anwesenden ruhig vergeblich warten. Luz interessiert, wie die Tschechow-Dramen gemacht sind, ihre Dialogtechnik. Bei ihm kommt nichts und niemand mehr aus Gogols Mantel. Der ist weit entfernt. Dafür reduziert Luz die Distanz zwischen Tschechow auf der einen und Charms oder Chlebnikov auf der anderen Seite. Was an Tschechow, diesseits des Naturalismus, modern ist, wird bei Luz ins 21. Jahrhundert verlängert.

Tschechow-Verächter bekritteln den Mangel an Spannung in seinen Stücken. In dieser Hinsicht entpuppt sich Thom Luz als ein kompromissloser Tschechow-Apologet. "Warten auf Platonow" strömt dahin wie ein ungestauter Fluss. Die Reihenfolge seiner Teile ließe sich ohne Verlust austauschen. Und auch darin ähneln Tschechow, Beckett und Luz einander. Warten auf Agatha Christie? Vergebens. Eher schon kommt Godot. Oder Platonow. Einige Zuschauer wollten dem unorthodoxen Theatermann dabei allerdings offenkundig nicht folgen. Nach der Pause blieben halbe Reihen leer.

Nationale Eigenart

Szenisch liefert Thom Luz seinen Beitrag zu den andauernden Versuchen, Gestik und (sparsame) Mimik die Emanzipation vom Wort zu ermöglichen. Es hat den Anschein, dass die Schweiz dabei eine gewichtige Rolle spielt. Zwischen Luz, Christoph Marthaler und, mehr noch, Ruedi Häussermann, gibt es unübersehbare Querverbindungen, die es erlauben, von einer "nationalen" Eigenart zu sprechen.

Das Bühnenbild, wie das Sounddesign vom Autor und Regisseur beigesteuert, besteht aus zwei oben aufeinander zulaufenden Treppen, über die sich alsbald weiße Stoffwände herabsenken. Auf den A-cappella-Gesang der in schwarz-weiße Kostüme gekleideten Darsteller:innen folgen Geräusche bei jedem Schritt. Wie einst Danny Kaye, tanzen Schauspieler:innen zur Musik treppauf, treppab, während andere frontal an der Rampe sprechen. Szenisch wie sprachlich, zeitlich und räumlich exploitiert Thom Luz die Techniken der Repetition, der Permutation, der Variation. Auch Pina Bauschs "Reihen" haben Spuren hinterlassen. Die Arrangements sind bis ins Detail durchgearbeitet. Kaum sichtbar wiederholt ein Quartett im Hintergrund eine Folge von Gesten, oder ein Mann schleppt eine Frau im Kreis, die sich an ihn klammert wie eine Figur von Edward Gorey.

Grenzen sprengen

Der Hausautor hat dem Residenztheater eine Inszenierung der besonderen Art beschert, die manche Abonnenten verschrecken mag, die aber auch das Zeug hat, ihre Fans zu finden wie, auf ihre Weise, die Projekte von René Pollesch, von Herbert Fritsch oder Claudia Bauers humanistää! am Wiener Volkstheater. "Warten auf Platonow" stellt die falsche Alternative von Literaturtheater und Performance in Zweifel. Ohne Kenntnis der Tradition – hier Tschechows und Backetts – bleibt der Ansatz von Thom Luz unverständlich. Zugleich aber sprengt er deren Grenzen. Eigentlich kein schlechter Befund für das so häufig totgesagte Theater. Umso mehr, als die Veranstaltung an einem gut ausgestatteten Haus stattfindet mit einem hervorragenden, offensichtlich motivierten Ensemble. Derlei hat also Platz neben Euripides und Schimmelpfennig. Es muss nicht in die Schmuddelecke.

 

Warten auf Platonow
von Thom Luz nach Motiven von Anton Tschechow
Regie und Bühne: Thom Luz, Musikalische Leitung: Mathias Weibel, Kostüme: Tina Bleuler, Licht: Tina Bleuler, Verena Mayr, Choreografie: Javier Rodríguez Cobos, Dramaturgie: Katrin Michaels.
Mit: Linda Blümchen, Christoph Franken, Vincent Glander, Evelyne Gugolz, Florian Jahr, Nicola Kirsch, Delschad Numan Khorschid, Nicola Mastroberardino, Barbara Melzl, Cathrin Störmer.
Premiere am 8. Oktober 2022
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Thom Luz schaffe eine meditative Stimmung, ein stilles Klangspiel, bei dem man die linke Wange in die Handfläche lege und sich am ruhigen, unbedingt verlangsamten Stil dieses mu­sikalischen Theaterabends erfreue. "Und doch wirkt das Ganze trotz seiner Vielstimmigkeit mitunter eintönig, droht Tschechow zum Treppenwitz zu werden", schreibt Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (10.10.2022).

Es sei die Musik, "die dann doch zur Gemeinsamkeit führt, zu einem Zueinanderfinden und einem Miteinanderspielen", so Sven Ricklefs vom Bayerischen Rundfunk (9.10.2022). "Vielleicht sind es nur kurze Augenblicke, Momente in all dem Aneinander vorbeireden, in all dem Sich-wegsehnen und nirgendwo ankommen, in all dem Missverstehen und einander nicht zuhören, aber sie versöhnen zumindest ein wenig mit all der Verlorenheit und Vergeblichkeit. Und so ist es diese feinfühlig subtile Ambivalenz, die "Warten auf Platonow" von Thom Luz seine besondere Qualität verleiht."

Thom Luz habe die Tschechow-Dramen "in ihre Einzelteile" zerlegt und zu einem "Sätze-Konzert neu arrangiert", schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (10.10.22).  Heraus komme dabei "allerschönster poetischer Nonsens”. Das "Auf- und Absteigen und das Reden um des Wörterloswerdens willen" bleibe "die einzige Beschäftigung dieser Wartenden - und Sinn und Zweck der ganzen Inszenierung". Luz' "Theaterzauber" schnurre "also wieder zuverlässig" und mit "Mit Politik, gar mit russischer Politik" habe der Abend nichts zu tun. Um "zu richten" sei es dann doch "ein wenig zu muckelig im Cuvilliéstheater".

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