Ehekrieg im Wohnmobil

von Susann Oberacker

Hamburg, 14. Januar 2009. Kollege Stephan Kimmig hatte es an den Münchner Kammerspiele vorgemacht: Hatte dort eine fulminante Inszenierung von Tom Lanoyes Stück "Mamma Medea" hingelegt, die auch bei den Autorentheatertagen im Hamburger Thalia Theater gezeigt wurde. Besser geht's nimmer, dachte der geneigte Zuschauer damals. Nicht besser, aber auch nicht schlechter und vor allem ganz anders hat nun Jorinde Dröse dasselbe Stück auf der Studiobühne, dem Thalia in der Gaußstraße, inszeniert. Während bei Kimmig Sandra Hüller als Medea im Mittelpunkt der Inszenierung stand, serviert uns Jorinde Dröse Szenen einer Ehe.


Das tut sie im witzig-funktionalen Bühnenbild (vom Argonauten-Schiff bis zum korinthischen Wohnwagen) von Anne Ehrlich – mit einem starken Alexander Simon und einer etwas schwächeren Leila Abdullah, die als Jason und Medea aber ein gutes, überzeugendes Doppel abgeben. Das Besondere an Dröses Inszenierung ist der Humor – ein Resultat genauer Beobachtungen und großer Menschenliebe.

"Sailing"-Song und Möwenschiss

So fängt das Stück auch gleich mit einer slapstickartigen Nummer an: Während das Publikum sich als Masse in Richtung Studiobühne schiebt, spielen die "Argonauten" Alexander Simon, Andreas Döhler und Moritz Grove im Foyer große Überfahrt mit Paddel und Papp-Boot. Dabei werden sie gefilmt. Die Bilder werden auf die Bühnenleinwand gebeamt. Und das Ergebnis ist ein Heim-Video im Stile der großen Stummfilm-Abenteuer – inklusive "Sailing"-Song und Möwenschiss. Ergötzlich! Dem munteren Geschehen könnte man noch eine Weile zuschauen, doch schließlich müssen die drei zum Fortgang der Handlung landen.

Sie tun dies in Kolchis. Hier sind die griechischen Argonauten Fremde. Simon & Co. verteilen Baseball-Caps als Gastgeschenke, knipsen Fotos und versuchen sich mehr schlecht als recht in der fremden Landessprache. Kurz: Sie benehmen sich so dämlich wie Touristen. Landesvater Aietes (prima: Helmut Mooshammer) reagiert rigoros: "Jeder Unbekannte bringt nur Unheil." Dieser Starrsinn wird ihn schließlich um alles bringen: um seine Kinder und um das Goldene Vlies. Das zu holen, ist Jason gekommen.

Das kann er Aietes trotz Sprachschwierigkeiten vermitteln. Der fordert dafür eine übermenschliche Probe, die Jason nur mit Hilfe Medeas besteht. Die Helferin ist pikanterweise die Tochter dieses Despoten Aietes. Die einzige Chance der Verräterin: Jason muss sie mitnehmen in seine Heimat Jolkos. Das tut der dann auch. Die Folgen sind bekannt: Medea wird auf der Flucht zur Mitmöderin ihres Bruder Apsyrtos und schließlich zur Mörderin ihrer Kinder. Aber ob diese Geschichte nun von Euripides oder von Lanoye erzählt wird – die Frage aller Fragen ist: Wie konnte es dazu kommen?

Ein fataler Irrtum

Bei Lanoye und Dröse ist das klar: Die Frau Medea hat sich in den Mann Jason verguckt. Groß erscheint sein Bildnis auf der Leinwand, klein steht Medea davor. Keine Frage: Sie himmelt ihn an. Ein fataler Irrtum – wie sich am Ende der Geschichte herausstellen wird. Denn Medea hat sich von Jason ein falsches Bild gemacht. Der ist einfach nur ein normaler Mann. Er nimmt Medea mit, weil sie ihm das Vlies beschafft, und auch, weil er bei all seiner Männlichkeit ein Weichei ist: Er hat Mitleid mit dieser Fremden, die ihm so mühelos zugefallen ist. Wenn Medea eine Schuld trifft, dann die einer falschen Projektion. Und wenn Jason eine Schuld trifft, dann die eines falschen Mitfühlens. Diese zwei Fremden kommen nun also zusammen. Und man ahnt nichts Gutes.

Im zweiten Teil wird's offenbar: Medea und Jason hausen in einem heruntergekommenen Wohnwagen. Kumpan Telamon bringt es in der Rolle der Dienerin (Andreas Döhler) auf den Punkt: "Es stellt sich heraus, dass von seinen (Jasons) Versprechungen kein Wort wahr ist. (…) Und wieder geht ein Plan in die Hose." Das Paar hat inzwischen zwei Jungs bekommen und lebt in Korinth. Doch die Ehe ist kaputt. Jasons neuer Plan: Er will die hiesige Prinzessin Kreusa (hinreißend naiv: Christiane Boehlke) heiraten und seine Söhne somit zu Prinzen machen. Er findet die Idee genial. Medea sieht das irgendwie anders. In einem Bilderbuch-Ehestreit im Wohnwagen macht sie Jason ihren Standpunkt deutlich. Man wirft sich das Übliche an den Kopf. Von: "Ich hab mein Leben für dich aufgegeben." Bis: "Du bist hysterisch".

Kampf mit allen Mittel

Doch eigentlich ist die Sache ganz einfach: Jason will Medea einfach nur loswerden, und sie will ihn einfach nur zurückgewinnen. Beide kämpfen mit allen Mitteln: Die Zauberin Medea schickt Jasons neuer Braut ein Kleid, in dem die stirbt. Jason tobt daraufhin vor Medeas Wohnwagen. Daraus entwickelt sich erneut ein Ehestreit, den die zwei Jungs im Schlafanzug rührend unterbrechen. Dröse zeigt beklemmend: Medea und Jason können nicht miteinander leben.

Vielleicht haben sie sich nie geliebt. Vielleicht waren sie voneinander fasziniert. Vielleicht aber waren sie nur voneinander abhängig. Jedenfalls hätten sie nie gemeinsam Kinder bekommen sollen. Am Ende fallen drei Schüsse für zwei Jungs. Geschossen haben Medea (einmal) und Jason (zweimal). Das Paar, das sich immer fremd blieb, bringt seine eigenen Kinder um. Die werden zu unschuldigen Opfern einer unmöglichen Beziehung. Das ist erschütternd. Das nimmt einen mit. Und das ist bestes Theater.



Mamma Medea
von Tom Lanoye
Deutsch von Rainer Kersten
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Bettina Schürmann. Mit: Leila Abdullah, Christiane Boehlke, Andreas Döhler, Moritz Grove, Vincent Heppner, Judith Hofmann, Helmut Mooshammer, Alexander Simon. 

www.lanoye.be

www.thalia-theater.de


Zuletzt sahen wir von Jorine Dröse im September 2008 im Leipziger Centraltheater Die Schock-Strategie. Hamlet, einen Versuch, Shakespeare durch die Brille von Naomi Klein zu lesen.

 

Kritikenrundschau

Monika Nellissen (Die Welt, 16.1.2009) ist begeistert: "Wer glaubte, nach Stephan Kimmigs überwältigender Inszenierung von Tom Lanoyes "Mamma Medea" aus den Münchner Kammerspielen (...), könne es kaum noch vergleichbar Bewegendes geben, irrt." Denn Jorinde Dröse habe das Stück "mit einem Tiefenblick voller Empathie und erstaunlicher Reife" und "gepaart mit verspieltem Witz" "zwingend umgesetzt" – ihre Inszenierung sei "nichts weniger als einen großer Theaterabend". Medea und Jason begegnen sich an ihm, dass "er, das große Kind, der liebenswerte Hallodri" ist und sie eine, "die nicht weiß, wie ihr geschieht und ihn beschnüffelt wie ein Tier". Auf den ersten Blick scheint Leila Abdullah noch zu "begrenzt in ihren sprachlichen und mimischen Mitteln", doch Dröse macht sich nicht zur "Furie", sodern zeigt eine Frau, "deren Ende am Anfang bereits vorgezeichnet ist". Und in dieser "Verhaltenheit und Konzentration" erzielt sie "große Wirkung". Alexander Simon dagegen spielt "überragend" einen "sich keiner Schuld bewussten, großmäuligen, dann wieder zart oder kleinlaut sich zeigenden "feigen Drecksack"". So zeichnet Dröse "mit wenigen Mitteln" "tragische, komische, verzweifelte Charaktere, die im Gedächtnis bleiben".

Auch Armgard Seegers hat einen "bewegenden, mitreißenden Theaterabend" gesehen (Hamburger Abendblatt, 16.1.2009). Denn Dröse und ihren Darstellern, "allen voran Alexander Simon als Jason", ist ein "vitaler, witziger und äußerst gefühlskluger Abend über unsere Gesellschaft gelungen", einer Gesellschaft, "in der scheinbar alles möglich ist, aber vieles eben doch nicht geht". Alexander Simons Jason trifft dabei "den Mann von heute punktgenau als Weichei mit Macho-Gehabe". Leila Abdullahs Medea ist "dagegen farblos, verkniffen". Und "am Ende sind Jason und Medea einander wieder nahe. Sie haben alles gegeben, haben nur noch sich."

Ulrich Fischer berichtete für Fazit auf Deutschlandradio (14.1.2009), dass Dröse die "kulturpessimistische Deutung Lanoyes" unterstreiche. Denn sie zeige Menschen, die "von "Euripides bis heute" "immer rücksichtsloser" werden: "Unsere Sphäre erscheint bei Lanoye wie in der Inszenierung von Jorinde Dröse als wesentlich barbarischer als die Epoche, die Euripides beschrieb." Leila Abdullah spielt im ersten Akt "eine Prinzessin", im zweiten Akt trägt sie "einen Bademantel über dem Unterrock: "Wir sehen eine Frau, die ihren Status verloren hat." Jason ist ein Mann der "Mittelschicht – ein Zeitgenosse von heute. Ihm fehlt Tiefe, Leidenschaft." Dröse und ihrem Ensemble ist soe "eine Inszenierung aus einem Guss gelungen. Nur bei den Exaltationen fehlt es an Handwerk."

Für Anke Dürr (Frankfurter Rundschau, 16.1.2009) sind jene Welten, die Dröse aufeinander treffen lässt, vor allem die von Mann und Frau, "oder vielmehr: Die einer Erwachsenen und die eines unreifen Jungen, der alles will - Abenteuer, Karriere, Spaß – nur eins nicht: sich festlegen." Genau das aber velange Medea von ihr, doch war es wiederum "eigentlich sein Leichtsinn, in den sie sich verliebt hat. Das ist die Tragik von heute." Lanoyes Dialoge seien "schön nah am Alltag" und "Dröse inszeniert das mit Witz und Ironie, in dem Wissen, dass in jedem Klischee auch Wahrheit steckt". Das mache den Abend zur "bisher besten Inszenierung der verhalten gestarteten Thalia-Saison".

Till Briegleb zeigt sich in der Süddeutschen Zeitung (17.1.2009) tendenziell eher gedämpft. Jorinde Dröses Entscheidung, das von Tom Lanoye bereits heruntergedimmte Tragödienpotenzial des Stoffes noch weiter abzuschwächen, leuchtet ihm zwar ein. Auch freut er sich an den "vielen unterhaltsamen Einfällen" und besonders der starken "Akzentuierung der Nebenfiguren", der die Inszenierung aus seiner Sicht "ihre besten Momente" verdankt - in dem Ausreizen der Komik, die Lanoye angelegt hatte, um die lockeren Umgangsformen der "Griechen" von den strengen Sitten der "Kolcher" abzugrenzen. Doch bleibe "das tragische Zentrum der Erzählung" dagegen relativ schweigsam, was für ihn speziell mit der "nölenden, monotonen Liebessehnsucht" zu tun hat, mit sich Leila Abdullah als Medea "jeder Komplexität ihrer Figur" entledigen würde. Ihr frustriertes Gezänk entstammt aus Brieglebs Sicht allerdings dem Vorwurfsjargon sexloser Langzeitbeziehungen, ihre Verstrickung in eine andere Normkultur sei nie präsent, eine spürbare Verwandlung von skeptischer Sehnsucht zur rasender Verzweiflung findet für Briegleb ebenfalls nicht statt.


 
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