Rot ist der Mond über Augsburg

von Willibald Spatz

Augsburg, 25. Januar 2009. Wahnsinnig außergewöhnlich ist es nicht, wenn eine Stadt den 111. Geburtstag ihres bekanntesten Dichters feiern will. Im Fall von Augsburg und Bert Brecht ist die Sache allerdings etwas verzwickt: Hier gab es bis vor einem Jahr ein sogenanntes "abc-Festival", das Brecht würdigte, überregional großes Interesse erregte und dessen Programm der Schriftsteller Albert Ostermaier zusammenstellte. Dann kamen Kommunalwahlen, danach zog ein neuer Bürgermeister und mit ihm ein neuer Kulturreferent ins Rathaus ein.

Dieser Kulturreferent, Peter Grab, rechnete nach und fand, dass beim "abc-Festival" das Verhältnis von Aufwand und Ertrag nicht stimme. Albert Ostermaier war sauer, gab sein Amt auf, und Augsburg stand pünktlich zum 111. Geburtstag Brechts ohne Festival da. Damit die Schelte der Kulturkommentatoren nicht allzu hart ausfällt, stellte man jetzt noch schnell für zwei Wochen im Februar eine Reihe von Veranstaltungen zusammen, die irgendwie etwas mit Brecht zu tun haben und sich flott organisieren ließen.

Da trifft es sich gut, dass das Theater Augsburg im Januar sowieso eine Premiere von "Trommeln in der Nacht" auf dem Spielplan hat. Das Stück stammt von 1919 und wurde tatsächlich noch in Augsburg geschrieben; die Uraufführung 1922 war dann schon in München, wohin es Brecht gezogen hatte.

Nachtgestalten
In den Regieanweisungen steht, dass in der Handlungsnacht am Himmel ein roter Mond hängt, der alle auftreibt. Dieses Rot hat auch die Regisseurin Anne Lenk und den Bühnenbildner Mark Bausback inspiriert. Man bekommt als Zuschauer noch am Eingang eine Brille mit roten Gläsern ausgehändigt, die man dann nach Belieben während der Vorstellung aufsetzen kann. Alles wird rot dadurch und manchmal kann man etwas entdecken, was vorher nicht zu sehen war: Da stand eben noch "Enjoy Romance" und dann mit Brille "Enjoy Revolte".

Die anderen Regieanweisungen am Anfang jeden Akts spricht der bei Klaus Müller ziemlich durchgeknallte Journalist Babusch. Er führt durch diese Nacht voller unheimlicher Gestalten und Ereignisse. Es beginnt im Wohnzimmer der Familie Balicke, die hier besonders schön gelungen ist. Die hysterische Mutter, gespielt von Eva Maria Keller, stößt jedes Mal, wenn eine Situation sie ein wenig überfordert, Grunzlaute aus. Ihre Tochter Anna (Christine Diensberg) stiert leicht irre in die Gegend, als ob sie sich aus dieser Welt, in der zwei Männer um sie ringen, längst verabschiedet hätte. Die beiden Frauen suchen immer wieder Zuflucht am Bauch Eberhard Peikers als Vater Balicke; es ist der einzige Ort, der noch einen Funken Geborgenheit enthält auf dieser kalten Bühne.

Anna soll endlich Murk heiraten, weil ihr Geliebter Kragler wahrscheinlich nach vier Jahren Gefangenschaft nicht mehr aus dem Krieg heimkehrt. Außerdem erwartet sie von Murk ein Kind. André Willmund spielt ihn als gutherzigen Trottel, den das Mädchen nimmt, weil sich objektiv keine Aussicht auf irgendetwas Besseres mehr einstellt. Kaum verlobt taucht natürlich Kragler aus dem Krieg auf, ganz in weiß geschminkt und in einem Pelzmantel. Er starrt auf dieses eben verlorene Glück und macht das Naheliegende: Mit der Prostituierten Marie (Franziska Arndt) stolpert er saufend durch Berlin, wo gerade eine Revolution ausbricht. Da geht er mit, hat ja nichts Besseres zu tun.

Ein Neuanfang ohne Revolution
In Augsburg nun verläuft dieser Trip durch einen Teppich aus halb ausgetrunkenen Coca-Cola-Flaschen, mit denen sich wunderbar trommeln lässt; die Silhouette der Stadt wird nachgebaut aus leeren, roten Cola-Kästen, in denen sich traumhafte Szenen abspielen zwischen Huren und Säufern, die, nur ein bisschen angeheizt, gerne mitrevoltieren. Das Ende kommt schnell und undramatisch. Bevor's richtig auf die Barrikaden geht und Kriegsheimkehrerblut vergossen werden könnte, findet Anna, die sich mit Babusch auf die Suche gemacht hat, ihren Kragler.

Sie schlägt ihm einen Neuanfang vor, auch wenn sie nicht mehr sauber ist. Kragler findet die Idee gut und zieht mit Anna ab, keine Revolution. Michael Stange – der Kragler – wendet sich noch mal ans Augsburger Publikum, sagt ihm, dass er sich nicht für sie und für keine Idee im 21 Jahrhundert erschießen lassen würde, dann lässt er sich von der Souffleuse seinen letzten Satz geben: "Leckt mich am Arsch." Nein, hier geht's keine Sekunde um große Ideen wie Revolution oder Familiengründung, hier sind nur reichlich desillusionierte Menschen ausgestellt, denen am meisten daran gelegen ist, ohne große Anstrengungen durch ein eh schon zu umständliches Leben zu kommen. Reichlich leere Kost für einen Theaterabend.

 

Trommeln in der Nacht
von Bertolt Brecht
Regie: Anne Lenk, Bühnenbild: Mark Bausback, Kostüme: Eva Martin.
Mit: Michael Stange, Christine Diensberg, Eberhard Peiker, André Willmund, Klaus Müller, Eva Maria Keller, Franziska Arndt.

www.theater.augsburg.de

 

Kritikenrundschau

Ein "kraftvolles, rasantes, schrilles und frisches Ereignis" hat Michael Schreiner (Augsburger Allgemeine, 27.1.2009) gesehen. "Kein déjà vu, kein Körnchen Staub, nirgends." Brechts "derbe, farbige Sprache" besteche in dieser Unmittelbarkeit und verliere bis zum Ende ("Leckt mich am Arsch!") nichts von ihrer Intensität. Das Ensemble "geizt nicht mit Theatralik von pantomimischer Erstarrung über lautstarken Krawall bis zur Ohnmacht". Das Team um die junge Regisseurin Anne Lenk habe beherzt zugegriffen. "Nie spürt man ehrfürchtige Beschränkung oder B.B.-Verkrampfung. Wunderbar, wie das Getrampel der durch die Gassen tobenden Revolution auf der Bühne als Stepptanz dargestellt ist." Der Rezensent mochte auch die ausgeteilten 3-D-Pappbrillen: "Sie ermöglichen Perspektivenwechsel, sie lassen eine andere Sicht auf die Dinge zu."

 

 
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