Warum Nscho-Tschi sterben muss

von Peter Hartwig 

Bad Segeberg, 1. Juli 2007. Tyll hat es gewollt und Karl natürlich auch. Wir fahren zu den Indianern. Ein Stündchen im Auto und schon sind wir da. Ohne Zweifel: zu Bad Segeberg gehören die Karl-May-Spiele wie das Old zu Shatterhand. Schon zum 56. Mal geht in der norddeutschen Kreisstadt ein dramatisiertes Werk des phantasiereichen Sachsen über die malerische Naturbühne. 

"Winnetou I" ist dieses Jahr dran. (Das ist, für die drei Jungs und alle Mädchen, die es zufällig gerade nicht wissen, die Geschichte, wie aus Winnetou, dem Häuptlingssohn der Apachen und Karl, dem Vermessungsingenieur der Eisenbahngesellschaft, seine Freunde nennen ihn wegen seiner harten Faust zärtlich Old Shatterhand, das erste multikulturelle Traumpaar der sehr frühen Postmoderne wird.)

Karl May hat mit Shakespeare gemeinsam, dass auch er unkaputtbar ist. Man kann also eigentlich nicht viel falsch machen, wenn man sich an die Geschichte hält. Und das tut die Inszenierung von Norbert Schulze jr. in Bad Segeberg dann auch. Die Guten, sprich natürlich Indianer, haben ihre Hütten links unterhalb des mächtigen Kalkfelsens, und die bösen Weißen kommen mit ihrer Eisenbahn von rechts. Dazwischen: die Spielarena auf der optisch geboten wird, was sich für ein Freilufttheaterereignis gehört.

Heile Welt über dem Kalkberg
Es wird geritten, geschossen, geknallt und gerummst, Winnetou wirft Old Shatterhand in den Staub (natürlich bevor sie zu Freunden werden), Indianertänze werden von einsatzfreudigen Laien zelebriert, Stuntmänner fliegen von Kutschen und Felsen, ein echter Raubvogel streicht mit seinen Schwingen über die Köpfe der Zuschauer, ein komischer Sachse und ein noch albernerer Franzose sorgen für den notwendig einfachen Humor.

Und wenn Old Shatterhand Nscho-Tschi küsst, die Schwester von Winnetou, hängen tausend Geigen im Himmel über dem alten Kalkbergwerk von Segeberg. Den Leuten gefällt es. In der Sonntagnachmittagvorstellung, die wir besucht haben, war zwar nicht mal ein Viertel der über viertausend Plätze besetzt, aber noch haben ja die Sommerferien nicht begonnen und uns wurde glaubhaft versichert, wenn die Ränge erst voll sind, verfolgt das Publikum die Handlung wie die Fankurve einen Angriff des Hamburger Sportvereins. 

Weil es ja unter den immer zahlreicher werdenden Sommertheater- unternehmungen inzwischen zunehmend anspruchsvolle Projekte gibt, sei hier vermerkt, dass im Segeberger Spiel nicht die Absicht zu erkennen ist, sich von der Formel des unterhaltsamen Familientheaters auch nur einen Millimeter wegzubewegen. Einziges Zugeständnisse an den Zeitgeist sind die sonor raunende Onkel-Stimme aus dem Erzähler-Off, die dramatische Lücken der Handlung mit politisch korrekten Kommentaren über den frühen Clash der Kulturen füllt, und die gehörige Portion Selbstironie, die Stückvorlage (Michael Stamp) und Darsteller zum Amüsement des Publikums verbreiten. Wir wissen ja, dass die Persiflage immer die letzte Möglichkeit ist, einen lieb gewordenen Anachronismus trotzdem zu präsentieren.

Großes Zugeschmiere der Differenzen
Ja, was macht der Rezensent, der sich eigentlich nicht zur Zielgruppe des Nachmittags rechnet, beim Betrachten der unterhaltsamen Szenerie? Als erstes überprüft er seine dramaturgischen Fähigkeiten, indem er versucht, Tyll und Karl bevorstehendes Schießen und Krachen so rechtzeitig vorherzusagen, dass ihnen noch genug Zeit bleibt, ihre Finger in die Ohren zu stecken. Das klappte leidlich.

Und dann fängt er an, darüber nachzudenken, was es eigentlich ist, das diese Geschichte einer großen Männerfreundschaft in seinen Augen für alle Zeiten zu einem B-Movie-Plot macht? Erst auf der Rückfahrt im Auto, die Jungs zeigen sich im Fond ihre im Indianer-Fanshop erworbenen Waffen und legen fest, wer Winnetou und wer Old Shatterhand ist, fällt ihm eine mögliche Erklärung ein.

Ist es nicht diese unerhörte Wucht des Happy Ends, die uns so auf Distanz hält? Am Ende überwindet Winnetou die berechtigten Vorurteile seines Stammes gegenüber den weißen Kolonisatoren und erkennt in Karl, dem Vermessungsingenieur, den Guten, der dieser von Anfang an war. Es ist das große Zugeschmiere der Differenzen, das Karl May am Herzen lag. Und wenn dann schließlich auch noch das Blut freundschaftlich getauscht wird, weiß man, dass alle Kämpfe und Intrigen vorher nur dazu gut waren, die billige Utopie einer ewigen Männerfreundschaft auf den höchst möglichen Sockel zu heben.

Tugend der Intoleranz
Aus dem Autoradio ertönt die Dankesrede zum Börne-Preis des Henryk M. Broder. Er trägt seine derzeitige, bedenklich leicht misszuverstehende Lieblingsthese von der Tugend der Intoleranz vor. Uns fällt dabei ein, das Nscho-Tschi, die Schwester von Winnetou, doch eigentlich nur sterben musste, weil Frauen in großen Männerfreundschaften sowieso nur stören. Und schon sind wir bei dem Punkt angelangt, Henryk M. Broder im Falle Karl Mays ausnahmsweise einmal zu folgen. Ja, so lustig und geschickt der alte Sachse seine romantischen Geschichten auch verpackt hat, in unserem tiefsten Inneren, finden wir sie nicht zulässig. Nicht mal Sonntagnachmittag. Karl und Tyll, bzw. Winnetou und Old Shatterhand, sind inzwischen glücklich über ihren Waffen eingeschlafen. 

 

Winnetou I (Karl-May-Spiele Bad Segeberg)
Buch: Michael Stamp; Regie: Norbert Schultze jr.
Mit: Erol Sander (Winnetou); Thorsten Nindel (Old Shatterhand); Vanida Karun (Nscho-Tschi), Ulli Kinalzik (Sam Hawkens) u.a.

www.karl-may-spiele.de

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