Klassische Exotik – politisiert und gesampelt

oder

Wie Ulrich Rasche einmal so lange in den Mozart hineinschaute, bis ihm die Aktualität ins Gesicht sprang

von Wolfgang Behrens

Berlin, 10. Februar 2010. Schon gleich zu Beginn, wenn die Zuschauer in den sogenannten Hochzeitssaal der Sophiensaele hineingeführt werden, ahnt man, um was für eine Art Veranstaltung es sich handelt: Fein säuberlich aufgereiht stehen da sechs Hocker mit ausreichendem Abstand nebeneinander auf der Bühnenfläche, auf denen hocken die sechs Mitwirkenden – eine Schauspielerin, drei Sänger, zwei Musiker – vor sechs Mikrofonständern mit sechs Mikrofonen.

Und sofort ist klar, dass hier artifizieller Minimalismus betrieben wird: Es werden keine Farbbeutel geworfen werden, kein Deus ex machina wird aus einer Falltür oder einer Deckenluke hervorspritzen, ja, die Mitwirkenden werden nicht einmal ihre Positionen vor den Mikrofonen aufgeben oder wechseln. Derart vor Überraschungen gefeit, könnte man sich getrost zurücklehnen und sich kontemplativ in die Kunstproduktion vertiefen – wenn denn die Sitze der Zuschauer Rückenlehnen hätten.

Es ist eigentlich gar nicht viel zu sagen gegen eine solche freiwillige Beschränkung der künstlerischen Mittel, die immerhin eine spezifische Form der Konzentration zu erzeugen vermag. Eben die Tatsache indes, dass man nicht viel dagegen sagen kann, reizt denn doch zur Widerrede: Ein formales Korsett dieser Art bürgt immer für ästhetische Geschlossenheit und somit für ein wohlfeiles Sicherungsnetz. Unter der Wahrung eines (zumindest scheinbar) radikalen Ansatzes wird so jedes Risiko vermieden: Scheitern kann ein solcher Abend nicht; er kann höchstens langweilen.

Entführung 2005

Genug der Vorrede – worum geht's? Der Regisseur Ulrich Rasche, dessen Projekte sich immer auf der Grenze von Musik- und Sprechtheater bewegen, hat sich einen alten Stoff – Mozarts "Entführung aus dem Serail" – hergenommen, um ihn mit einem Entführungsfall der jüngeren Geschichte zu kontern, mit der Verschleppung der deutschen Orientalistin Susanne Osthoff 2005 im Irak. Rasche pickt hierzu einzelne Momente aus der Oper heraus und stellt ihnen Interviewaussagen Susanne Osthoffs gegenüber.

Was einfach klingt, erweist sich in der ästhetischen Realität als ziemlich ausgetüftelt. Um die kurzen Augenblicke aus der "Entführung aus dem Serail", um die es Rasche geht, einzufangen und stillzustellen, hat der Komponist Hannes Strobl mit elektronischen Mitteln Mozart in den Geist der minimal music eines Steve Reich oder John Adams gehüllt. Und das geht so: Die Instrumentalisten (Cello und Klarinette) und Sänger spielen bzw. singen gewissermaßen in Zeitlupe kurze Phrasen aus Mozarts Partitur ins Mikrofon, gerne beginnend mit wenig prägnanten Bass- oder Mittelstimmenpatterns, und werden dann gesampelt und geloopt, sodass sich der zeitweise wie gefroren wirkende Gesamtklang erst langsam aufbaut. Würde die Tontechnik die Regler nicht mitunter etwas sehr weit aufziehen, könnte sich hier eine in der Tat berückende Sogwirkung einstellen.

Kontrapunktik mit Zittern und Beben

Die Texte von Susanne Osthoff (auch sie werden fallweise geloopt) spricht Kornelia Lüdorff, und sie macht das auf beeindruckende Weise. Die der Mündlichkeit entstammenden und hier in protokollarischer Genauigkeit wiedergegebenen Sätze Osthoffs verlaufen und verheddern sich schon einmal, ihr füllwortreicher Duktus wirkt nervös und zerstreut. Kornelia Lüdorff nimmt diesen Gestus jedoch nicht auf, und wenn doch, dann verfremdet sie ihn durch gespannte Konzentration. Es gelingt ihr so der seltsame Spagat, auf gesammelte Weise fahrig zu wirken – in aller Ruhe und Gefasstheit stochert sie nach Worten. Was einen schönen Kontrapunkt zu dem Mozart-Strobl'schen Soundenvironment ergibt.

70 Minuten lang lädt die so beschaffene ästhetische Oberfläche zur Versenkung ein, und wie erwartet ändert sich nichts. Ehe man sich aber zu langweilen beginnt, kann man der Frage nachhängen, wohin das Ganze denn führe. Und hier muss man einräumen, dass Rasche und sein Team in ihrer Parallelisierung tatsächlich einen verblüffenden Punkt aufzeigen: das offenbar durch die Jahrhunderte hindurch konstante Misstrauen dem Entführungsopfer gegenüber, ob es sich nicht doch selbst zu weit mit dem Entführer eingelassen habe. Minutenlang wird die "zitternde, bebende" Frage Belmontes an seine Konstanze in den Raum gestellt, "ob du den Bassa liebst". Die enervierende Wiederholung macht sinnfällig, wie viele Ängste in dieser Frage mitschwingen: Hat Konstanze sich der anderen Kultur etwa bereits anverwandelt? Hat sie sich verändert? Ist sie überhaupt würdig, befreit zu werden?

Über 200 Jahre später lauteten die Frage vor allem der Medien an Susanne Osthoff ganz ähnlich: War sie nicht selbst schuld an dem, was ihr widerfuhr, da sie sich der fremden Kultur zu weit genähert hatte? Durfte sie ihre westliche Identität aufs Spiel setzen, indem sie zum Islam konvertierte? Und war es nach der Befreiung nicht ihre verdammte Pflicht, dem Irak auf immer zu entsagen (was sie nicht tat)? Das immerhin also leistet Ulrich Rasches minimalistisches Verfahren: Wenn man lange genug in das oft belächelte Libretto der "Entführung aus dem Serail" hineinschaut, dann springen plötzlich unvermutete Aktualitäten heraus.


Die Entführung aus dem Serail
Ein Monolog nach Wolfgang Amadeus Mozart von Ulrich Rasche
Regie: Ulrich Rasche, Musikalisches Arrangement: Michael Emanuel Bauer, Ton: Norman Duncan Thörel, Technische Leitung: Stefan Neumann, Produktionsleitung: Carolin Kiel.
Mit: Kornelia Lüdorff, Norma Nahoun, Till Schulze, Guillaume Francois, Pablo Bercellini (Violoncello), Miguel Pérez Inesta (Klarinette/Bassklarinette), Hannes Strobl (elektronische Komposition).

www.sophiensaele.com


Mehr zu Ulrich Rasche: von Stuttgarts berühmten Chören und einer eisigen Salome kommend, nahm er Kurs auf Berlin, wo er an der Volksbühne nach einem Schiller-Fragment die Seestücke 1 inszenierte.


Kritikenrundschau

Konstanze als Susanne Osthoff, Belmonte als "Vertreter der irritierten deutschen Öffentlichkeit", ließe sich das nicht machen, hätten sich, laut Carsten Niemann im Berliner Tagesspiegel (12.2.2010), Regisseur Ulrich Rasche, Arrangeur Michael Emanuel Bauer und Elektrokomponist Hannes Strobl wohl gefragt. Um dann eine Stunde lang "Worte Susanne Osthoffs" sowie "musikalische Splitter aus Mozarts Oper" in einer Nachtmusik zu kombinieren. Sie animierten die Zuhörer, die "Erinnerungen an den Entführungsfall Osthoff differenzierter zu betrachten". Rasche sei eine "eindringliche Studie" gelungen, man vermisse lediglich "eine Auseinandersetzung mit Mozarts subversivem Humor".

In der Berliner Zeitung (12.2.2010) schreibt Dirk Pilz: Der ideale Zuschauer für das "rituelle Theater" Ulrich Rasches sei der "dank geduldig praktizierter Schweige- und Enthaltsamkeitsexerzitien in Versenkung" geübte "Mönch". Das Grundprinzip von Hannes Strobls Komposition, aus "Loops werden komplexe Klangformationen" und der "dichte Diskurs" aus "Gegen- und Miteinander der Tonlinien", entspreche in der Form dem inhaltlichen Anliegen – die Überblendung der "Entführung" von Mozart mit der Entführung Susanne Osthoffs 2005 im Irak. Rasche interessiere der Vorwurf, Osthoff "habe mit ihren Entführern mehr gemein als mit ihren (westlichen) Befreiern". "Hat sie, die Entführte, die Seiten gewechselt?" Was Belmonte einst ängstigte, sei, so Pilz, "unsere Angst geblieben: Es ist die Angst vor der Stärke und Attraktivität einer dem Westen zumeist fremden Kultur". Rasches "konzentrierte Ernsthaftigkeit" huldige keinem "selbstgefälligen Ästhetizismus". Er lasse die Zuschauer vielmehr "gesellschaftliche, moralische und ästhetische Dilemmata" erfahren.

 

 

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