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Galadinner im Weltinnenraum des Kapitals

von Tobias Prüwer

Weimar, 7. Mai 2011. Krisen-Klassiker mit Konjunktur: Nein, originell kann man die Stückauswahl am DNT Weimar nicht nennen. Bertholt Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" hat Konjunktur immer dann, wenn das ökonomische Rad mit Unwucht läuft, sich der Kapitalismus als gar nicht so krisenfest erweist, wie seine Apologeten behaupten. Selbst zur Krisenzeit 1929/30 geschrieben, erlebt Brechts antikapitalistisches Lehrstück aktuell eine Boomphase und steht seit zwei Jahren an zahlreichen Häusern auf dem Speilplan. Nun hat Michael von zur Mühlen sich das sozio-ökonomische Lehrstück in Weimar vorgenommen.

Dem Kapitalismus fehlt die Moral, der Kritik hier jedoch der Motor – zumindest fällt sie in Form dieser Inszenierung schleppend aus und sieht sich auf die Dauer von drei Stunden etwas antriebslos an. Das mag am Sujet Kapitalismuskritik liegen – wer will sich schon die Schelte "verkürzt" einhandeln. Gleichwohl braucht es Ausdauer, sich dieser Züge einer Installation tragenden Inszenierung hinzugeben. Denn als lineares Narrativ kommt diese "Johanna" nicht daher.

Kapital aus der Verelendung schlagen

"Arbeiter, hilf dir selbst, dann hilft dir Gott", lässt sich Brechts Lehrformel zusammenfassend auf den Punkt bringen. Die sozial motivierte Johanna Dark will die entlassenen Arbeiter einer Fleischfabrik unterstützen. Zunächst setzt sie auf christlichen Glauben und das Gewissen der Fleischfabrikanten, bis die Wahl ihrer Mittel drastischer wird. Weder Heilsarmee noch Chefetage werden die Krise abwenden und die Arbeitermassen mit angemessenem Lohn und Brot versorgen. Im Gegenteil, auch hieraus wird noch so mancher unter Verelendung vieler Kapital schlagen, so die Moral von der Geschichte.

 

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© Candy Welz

In Weimar wird dieses Stück epischen Brecht-Theaters auf den Prüfstein gesetzt: Zuschauer und Schauspieler befinden sich den ganzen Abend über auf einem Galadinner. Auf der vollends weiß-getäfelten Bühne umrahmen sechs Esstische ein kleines Podium, auf dem immer mal wieder rüstige Reden und alberne Acts wie auf einer Betriebsfeier zu sehen sind. Das Licht im Saal wird nie verdunkelt, alle Anwesenden sind in diesem "Weltinnenraum des Kapitals" (Peter Sloterdijk) entrinnungslos eingeschlossen.

Jedermann Mauler

Jeder ist ins System verstrickt, weshalb Mauler als chorisches Männer-Kollektiv erscheint. Ein einziges Individuum schließlich kann nicht für alles Übel verantwortlich sein. Zerrissen zwischen Utopie und Pragmatismus wird Johanna von zwei Darstellerinnen gegeben. Der bei Brecht monolithische Arbeiterblock wird aufgesprengt und als vereinzelte Malocher bedienen Amateurdarsteller den über mehrere Personen verteilten Mauler – und finden sich mit Brosamen ab. Immerhin sind sie noch drinnen in der so genannten ersten Welt, dürfen um Arbeit noch betteln.

Dann naht die revoltierende Johanna-Doublette mit der Axt und schlägt in den Bühnenhintergrund eine Bresche. Nun bricht das zuvor nur mittels Kamera auf eine Leinwand projizierte Draußen ins Figuren-Geflecht. Eine Gruppe Migranten – auch hier sind Laien am Werk – begehrt Einlass und nimmt nach mehreren Abwehrversuchen durch die "westlichen" Proletarier auch am Bankett einen randständigen Platz. Ohne explizite Thematisierung wird auf diese Weise auch bei den anhaltenden Debatten wie um Zuwanderung und Rassismus, Wohlstandkriege und die Festung Europa der Finger auf die Wunde gelegt.

Die letzte Kommunistin

Das illusionslose Lehrstück kann man zynisch finden. So, wie es nun in Weimar auf die Bühne gebracht ist, kann man darin auch eine grundehrliche Zustandbeschreibung gegenwärtiger postdemiokratischer Verhältnisse sehen. Jenseits des Glaubens an die Allmacht des Marktes spielen Politik und Ideologie keine Rolle mehr. Und wenn die verwitwete Frau Luckerniddle wie die aus dem Landwehrkanal gezogene Rosa Luxemburg zombiehaft als letzte Kommunistin über die Bühne streift, dann ist auch dies klar: Unter ihrer roten Fahne ist kein Heil (mehr) zu finden.

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Kleine Geschenke erhalten die Sehfreude: Trotz mitunter zäh fließendem Bühnenverkehrs umgeht Regisseur von zur Mühlen komplette Staumeldungen durch so manchen ironischen Moment und überraschenden Kniff. Nebenbei teilen das amateurhafte Spiel und einige Sprechtheater-Übertreibungen auch kleine Stiche an eine arbeiter-heroische Aufführungspraxis aus. Leider tragen solche Einfälle nicht die ganze Inszenierung. Aber die leichtfüßig-tänzelnden Momente, sicher: ein Tocotronic-Song ist bei diesem Thema nicht überraschend, putschen die Aufmerksamkeitsfähigkeit gegen die unterschwellige Ermüdung des Abends.

Vielleicht keine schlechte Übung. Denn Durchhaltevermögen ist nicht nur hier gefragt: Kapitalismus und Krise werden uns noch einiges abverlangen – und der brechtsche Krisen-Klassiker anhaltende Konjunktur besitzen.

 

Die heilige Johanna der Schlachthöfe
von Bertolt Brecht
Regie: Michael von zur Mühlen, Ausstattung: Christoph Ernst, Dramaturgie: Angelika Rösser, Video: Bahadir Hamdemir, Musik: Clemens Rynkowski.
Mit: Rosemarie Deibel, Jeanne Devos, Petra Hartung, Nico Delpy, Markus Fennert, Hagen Ritschel, Johannes Schmidt, Michael Wächter u.a.

www.nationaltheater-weimar.de


Andere Johannas wurden in der letzten Zeit u.a. von Michael Thalheimer und Nicolas Stemann inszeniert, nämlich im Oktober 2010 am Wiener Burgtheater bzw. Dezember 2009 im Berliner Deutschen Theater. Der Regisseur der Weimarer Johanna, Michael von zur Mühlen, ist Jahrgang 1979 und studierter Musiktheaterregisseur.

 

Kritikenrundschau

"Das fängt lang an und es hört selten auf, zu lang zu bleiben", hebt Henryk Goldbergs Kritik in der Thüringer Allgemeinen (9.5.2011) an. "Und dennoch … Und dennoch ist das ein Abend, vor dem man die einen warnen und zu dem man die anderen einladen möchte." Michael von zur Mühlen wisse, dass der Aufruf zur Systemänderung keinen Resonanzraum mehr finde, daher zeige er nicht, "wie das System sich ändern lässt: Er zeigt, wie es funktioniert, wie wir funktionieren." Er erzähle "keine Geschichte, er erzählt einen Zustand, unseren. Erzählt ihn mit einer offenen, sich im kunstvollen Chaos auflösenden Struktur. Nur, dass ein Publikum Struktur nicht als Erzählung wahrnimmt, sondern als mitunter quälende Länge, der Berichterstatter nimmt sich nicht aus." Von zur Mühlen gehe "seinem Publikum gehörig auf die Nerven" und belohne es "als Gegenleistung für die Belastungsprobe mit Momenten, die mehr Intensität haben als ein branchenübliches Sein-oder-nicht-Sein-Erlebnis." Es sei ein "schwieriger, ein in Teilen quälender Abend, dessen Ende auch Erlösung ist. Und einer, der auch eine Intensität hat, eine Aura von Ernsthaftigkeit, die es lang nicht mehr gab in Weimar. Diesen Widerspruch kann man nur aushalten oder verweigern."

Von zur Mühlens Inszenierung beginne "wie ein absurder Varietee-Abend und wächst sich aus zu einem Gesellschafts-Check", schreibt Frank Quilitzsch in der Thüringischen Landeszeitung (9.5.2011). "Das Deckenlicht bleibt an, und die acht Schauspieler, verstärkt durch anderthalb Dutzend Statisten, halten dem Publikum den Spiegel vor. Nicht alle halten, was sie zu sehen bekommen, drei Stunden lang aus." Es gebe "drastische Bilder, klare Botschaften, ungeschminkte Wahrheiten und ironische Kommentare. Regisseur von zur Mühlen spitzt zu, ohne den Brechtschen Kontext zu verlassen. Wie nebenbei wird die Geschichte von Johannas Scheitern neu erzählt – in der heutigen, globalisierten Welt. Manchmal subtil, manchmal plakativ, mitunter wie mit der Brechstange." Fazit: "Die Brecht-Suppe dampft und ist nicht leicht bekömmlich. Klar, dass nicht jeder sie auslöffeln mag."


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