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Und blieben keene Narben

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 28. September 2011. Die Endfünfzigerin Mechthild Huschke steht noch ganz unter dem atemberaubenden Eindruck einer wilden Liebesnacht mit einem jungen Studenten, den sie über eine "Annongse" kennengelernt hat. Dabei törnte sie die gestelzte Ausdrucksweise des Akademikers in spe eigentlich zunächst ziemlich ab: "Ich war so trocken, dass er mir aufn Hintern hätt klatschen könn, und ich hätt gestaubt!", frotzelt sie. Der Student hat ihr ein Liebesgedicht dagelassen. "Wo du bist, öffnen sich Muscheln", heißt es darin. Mechthild lacht sich kaputt. Das Publikum auch.

Ein Horrorleben in Lausitzer Mundart

Das geht erst einmal so weiter in Oliver Bukowskis Theater-Monolog "Nichts Schöneres" aus dem Jahr 1998, der jetzt am Stuttgarter Staatsschauspiel, im "Klub", dem kleinsten Aufführungsort der Interimsspielstätte in der Türlenstraße, in einer Inszenierung des Intendanten Hasko Weber Premiere hatte. Von der hassgeliebten Nachbarin Gretschke etwa ist die Rede, die "mitm Wasserglas am Ohr in die Privatsphäre von andere Leut hineinoperiert".

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Rahel Ohm als Mechtild Huschke.
Foto: Matthias Dreher

In bester Comedy-Manier und mit rasantem Sprachwitz reiht sich eine Pointe an die andere, bis es plötzlich knallt im Gebälk der Bretter, die die Welt bedeuten, und einem das sprichwörtliche Lachen im Halse stecken bleibt: Da ist in Mechthilds Schwall der Worte auf einmal die Rede vom Mord am Gatten Dieter, weil der sie krankenhausreif geschlagen und sie vor seinen Freunden gedemütigt hat. Sie hat den Besoffenen einfach in die Häckselmaschine im Hof fallen lassen und ist dann dafür in den Knast und später in die Psychiatrie gegangen. Kinder hat sie keine, weil ihr einst die Gebärmutter herausoperiert wurde. Krebs.

Ja, Mechthilds Leben ist ein Horror. Und dass der Student, auf den sie im Stück sehnsüchtig wartet, niemals wiederkommen wird, ist auch jedem klar im Saal. Mechthild schminkt sich umsonst. Aber Bukowski lässt seine Protagonisten nicht verstummen in all ihrem Elend, ihrem Scheitern und ihrer Ausweglosigkeit und Einsamkeit, wie einst Franz Xaver Kroetz in seinen Volksstücken.

"Bolero" in der Plattenbauwohnung

Nein, Bukowskis kleine Leute quellen über vor Sprech- und Mitteilungslust. Das tun sie in einem Kunstdialekt, angelehnt an die Lausitzer Mundart. "Warn witziger Kerl, der Doktor", sagt Mechthild über den Arzt, der ihr Gesicht behandelte, das Dieter zerschlagen hatte. "Und blieben keene Narben. Hatter auch noch nich erlebt, sagter, das nächste Mal, sagter, können se sich mit ne Kettensäge die Zähne putzen, und hinterher sehn se immer noch aus wien Babyhintern".

Mechthild Huschke besitzt eine derbe, die Realität knallhart sezierende Sprache, bei aller Gewitztheit. So scheint sie über den Dingen zu schweben, während sie gleichzeitig an ihnen zugrunde geht. Das ist die hohe Kunst Bukowskis, der seine Stücke "Boulevardkomödien" nennt. Aber sie sind es natürlich nur in dem Maße, wie Kroetzens Volksstück Komödienstadl ist.

In der Regie von Hasko Weber gelingt Rahel Ohm eine authentische, glaubwürdige Darstellung der Mechthild. Man kann sie sich eins zu eins in der Realität vorstellen, wie sie in ihrer Plattenbauwohnung werkelt und vor Sehnsucht fast zerplatzt. Janina Thiels Bühne ist so eng wie eine Gefängniszelle. Eine winzige Einraumwohnung mit Schrankwändchen, Bettsofachen, Tischchen, Stuhl, Kaffeemaschine und Radio, aus dem immer wieder Hits wie "Sailing" oder "Bolero" dröhnen.

Die "blanke ungefickte Einsamkeit"

Man könnte die Mechthild auch mehrschichtiger anlegen, mit stärkeren Augenblicken der Schwäche, gläserneren Einblicken in die Ängste und Verletztheiten. Ohms Mechthild ist eine prollige Wuchtbrumme, aus der es laut und pausenlos herauspoltert, die lustvoll lästert über die anderen und ihre eigene Blödheit, die sich über Sex und Gewalt in hemmungslos deftigen Worten auslässt. Das Ehemann-Meucheln wirkt so weniger als die verzweifelte Tat eines Opfers denn die zwangsläufige Erweckung eines gediegenen Gewaltpotentials.

Und ob sie für den Studenten wirklich Gefühle hegt, oder ob er nur da war, um den Geruch nach "Pisse und Schimmel" aus der Wohnung zu vertreiben, den die "blanke ungefickte Einsamkeit" nun mal eben mit sich bringe, geht auch unter im gewaltigen, Zwischentöne überdeckenden Wortrausch. Aber das ist am Ende gar nicht so wichtig. Da hat sich die derbe Diktion längst ins Gedächtnis gehämmert und sich geoutet als der einzige verzweifelte Weg der Selbstvergewisserung von einer, die sterben wird, wenn sie nicht mehr spricht. Nein, diese Mechthild wird man so schnell nicht vergessen.


Nichts Schöneres
von Oliver Bukowski
Regie: Hasko Weber, Ausstattung: Janina Thiel
Mit: Rahel Ohm.

www.schauspiel-stuttgart.de


Mehr zum Dramatiker Oliver Bukowski gibt's im Lexikon. Ebenso zum Regisseur Hasko Weber.

 

Kritikenrundschau

Hasko Weber müsse "starke Akzente setzen gegen die Goldlametta-Vorhänge an den Seitenwänden", schreibt Armin Friedl in den Stuttgarter Nachrichten (30.9.2011). "Der Zuschauer bemerkt dies schon beim Eintreten:
Gebrauchte Stühle der verschiedensten Art warten auf ihn. Und die Wohlzimmerwand mit integrierter Minimalstküche auf der Spiellläche ist auch nicht gerade vom Feinsten." Der Trost komme aus dem Radio als Schmachtlieder von Rod Steward und Elton John. Vor allem aber sei es Rahel Ohm, die hier Akzente setze. 

Einem "schönen, großen Einsamkeitskeitsmonolog" hat Adrienne Braun von der Stuttgarter Zeitung (30.9.2011) beigewohnt: "Rahel Ohm rifft den Tonfall perfekt, schafft die Gratwanderung zwischen Aggression und Zartheit."

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