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Fritz, der Klamottenkönig

von Hartmut Krug

Potsdam, 12. Januar 2012. Er kommt aus dem dröhnenden Nebeldunkel, den Dreispitz auf dem Kopf und den Stock in der Hand: Fritz, der tote König von Preußen. Gespielt von einer Frau, der famosen Rita Feldmeier, tritt er ans Mikro an der Rampe und singt sich sein fragendes "Happy Birthday" zum 300. Geburtstag selbst. Und stellt die Frage, die immer noch aufs Neue gestellt wird: Wer war Friedrich der Große? Also: "Verächter der Frauen, Räuber Schlesiens, Brudermörder, Verschwender, fürstlicher Ausbeuter, kranker Geist, Wegbereiter Hitlers, zerstörte Seele." Oder: "Ruhmreicher Schlachtenlenker, Retter des Oderbruchs, Philosoph auf dem Thron, der Folter und Zensur abschafft, der mit Voltaire debattiert, sogar Johann Sebastian Bach inspiriert. Komponist, Dichter, Architekt."

Eine klare Antwort gibt das Stück von Uwe Wilhelm bewusst nicht. Der vor allem als Drehbuchautor bekannt gewordene Autor stellt seinem Auftragswerk zur 300. Wiederkehr des Geburtstags von Friedrich II. eine eigene, selbstbewusste Charakterisierung voran: "Das Spiel Fritz! ist eine derbe Komödie voller Sex, Betrug und Dekadenz, wenn es die Intrigen im Berliner Schloss zeigt, ein tragikomisches bürgerliches Drama, wenn es Henri und Ulrike de Catt zuhause vorführt, und eine surrealistische Tragödie, wenn es in Sanssouci in Friedrichs Seele eintaucht."

Jawoll, meine Herrn

Bei der Lektüre erweist sich das Stück allerdings vor allem als auftrumpfend derbe Klamotte, und als solche hat sie Regisseur Tobias Wellemeyer auch inszeniert. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass die Komödie, mehr noch die Klamotte, sehr schwer zu machen ist. Denn Wellemeyer haut mit derber Regiehand auf den schlichten Text und schlägt ihn dabei ziemlich breit. Mit Schauspielern wie Raphael Rubino in der Rolle des Schreibers Henri de Catt, der den dramatischen Druck auf seine Figur mit Spielgeschrei und mimisch-gestischer Hampelei weitergibt, dass es dem Zuschauer schier körperliche Schmerzen bereitet.

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"Fritz!" und der Gummiadler. © HL Böhme

Der frühere Hofschreiber Friedrichs, der an einer Biographie Friedrichs bastelt, soll im Auftrag der ihn mit dem Tod seiner Frau drohenden drei Mätressen des Thronfolgers Friedrich Wilhelm den kranken König vergiften. Der König aber beauftragt ihn mit einer Oper über seine Regentschaft, und auch de Catts Frau Ulrike, eine Opernsängerin, darf auf eine Rolle hoffen. Welches Bild können wir uns von Friedrich machen, ist die Kernfrage des wilden Spiels. Das uns mit Liedern der 30er Jahre wie "Jawoll, meine Herrn, so haben wir es gern" und einem Thronfolger in schwarzen Stiefeln und Uniform deutlich sagt, wann und wie Friedrich am meisten wahrgenommen wurde: in Ufa- und Nazizeit. Auch die drei Mätressen, die zunächst in hautengen, bodenlangen Kleidern als nervende Lachtauben durch die Inszenierung schrillen, treten am Ende als böse Nazissen in Schwarz auf.

Mit dem Gummiadler

Während sich das Stück mit Friedrich II. durch dessen (wahre) Geschichte und (erfundene) Geschichten spielt, scheitert de Catt als Diener zweier Herren und verliert seine Frau. Doch erst einmal sehen wir den Thronfolger bei erotischem Spiel mit Frau und Flöte in einem Gitterkasten voller Kissen. Dann erleben wir das Ehepaar de Catt in ihrer explodierenden Küche. Friedrich zeigt uns mit zwei halbnackten, hündisch herumkrabbelnden jungen Männern einige seiner Lebensstationen, wobei der junge König mit einem Freund auf Videos beim turtelnden Schwimmen oder bei hartem Kampftraining zu sehen ist. Da wird seine Schwester, durch einen preußischen Adler schauend, bös geprügelt, während Friedrichs Vater in roter, fedriger Lederkleidung wie ein Gummiadler durch die Gegend hüpft, worauf seinem Sohn das Mordschwert aus der Hand fällt, – wohl nicht wegen des albernen Kostüms.

Ein zweistöckiges offenes Gebäude aus Gestänge dreht sich auf der leeren Bühne: Auf der einen Seite die Leuchtschrift Sans Souci, zu der sich ein Kronleuchter herabsenkt, auf der anderen Seite die Wohnküche der de Cattes. Bei der Premiere verletzte sich die Darstellerin der Frau de Catte, sie musste geschient und verbunden werden, während die Aufführung für längere Zeit unterbrochen war. Später humpelte sie durch die Szenerie, oder sie fuhr im Rollstuhl herum und trug so unfreiwillig dazu bei, dass der ungeschlachte Komikstil der Inszenierung verschwand.

Plötzlich wich der Überdruck aus der Inszenierung und das Theater begann. Auch, weil jetzt Friedrich in Gestalt seiner Darstellerin Rita Feldmeier öfter auf der Szene war. Wunderbar, wie diese mit Gesang und Spiel als Diva die Szene beherrschte. Beeindruckend und bedrückend, wie sie die Janusköpfigkeit des Königs zwischen scheinbarem Verständnis gegenüber de Catte und brutalem Machtspiel ausstellte und wie sie ihren König sich zwischen Leid und Stolz im Nachspiel der Katte-Verurteilungsszenen bewegen lässt. Das Stück wurde dadurch nicht besser, aber die Inszenierung gewann insgesamt an Kraft, zeigte ernsthafte Komik und schauspielerische Souveränität. Zum Schluss verkündet Friedrich selbst die Opferzahlen seiner Schlachten, zitiert seinen angeblichen Spruch "Hunde, wollt ihr ewig Leben" und steigt zum Choral "Nun danket alle Gott" zurück in seine Gruft, das heißt: hinauf auf das Stangengebäude.

 

Fritz! Ein Theaterspiel für den König von Preußen (UA)
von Uwe Wilhelm
Regie: Tobias Wellemeyer, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ines Burisch, Musik: Gundolf Nandico, Video: Marc Eisenschink, Choreographie: Marita Erxleben, Dramaturgie: Remsi Al Khalisi.
Mit: Rita Feldmeier, Raphael Rubino, Patrizia Carlucci, Eddie Irle, Melanie Straub, Marianna Linden, Charlotte Sieglin, Michael Schrodt, Friedemann Eckert, Dennis Herrmann, Roland Kuchenbuch.

www.hansottotheater.de

 

Alles über Tobias Wellemeyer auf nachtkritik.de im Lexikon.


Kritikenrundschau

Dieser "Fritz!" lade nur zum Wegschauen ein, schreibt Karim Saab in der Märkischen Allgemeine (14.1.2012). Zwar beeindruckt ihn der Anfangsmonolog von Rita Feldmeier. Aber ach, seufzt er dann, "hätte sich doch der Eingangsmonolog zu einer abendfüllenden Veranstaltung ausgewachsen! Rita Feldmeier als der Alte Fritz – anderthalb Stunden auf großer Bühne." Doch die Titelrolle sei keine echte Hauptrolle gewesen. Denn die "deftige Historienkomödie von Uwe Wilhelm" verwende viel mehr Aktionismus darauf, den Charakter des Thronfolgers Friedrich-Wilhelm und anderer Nenenfiguren zu umkreisen. Regisseur Tobias Wellemeyer versuche, "mit harter, schwerer, manchmal auch verzweifelter Hand die in der Sphäre des Banalen angesiedelten Figuren und Dialoge ins Klamottige, Farceartige zu prügeln. Die fernsehspielhafte Vorlage soll in jeder Szene wie echtes Theater wirken. Doch wenn die Ursachen für Friedrichs Hang zur Gewalt erklärt werden, mit Szenen, die in seiner Kindheit und Jugend liegen, werden bewegte Bilder eingespielt." Hier werde mit ganz grobem Zeigefinger gearbeitet, fast alle Regieeinfälle wirkten willkürlich und unmotiviert.

"Es wurde der Abend von Rita Feldmeier," schreibt Dirk Becker in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (14.1.2012). "Ihr Auftritt, zum Niederknien! Was Theater kann, was Theater soll, was Theater muss, das zeigte diese Schauspielerin in der Rolle des "Alten Fritz".

Bereits Uwe Wilhelms sprachlich konventionelles Stück versammelt aus Sicht von Christian Thomas von der Berliner Zeitung (14.1.2012) "Anspielung auf Anspielung". Wellemeyers Regie balle "Fingerzeig auf Fingerzeig". Wilhelms Drama sei "Rokokonummernrevue und Nazivarieté." Alle Darsteller hätten unter de "Klamottenknute der Regie" zu exerzieren, "so dass, keine Zeit fürs Timing, selbst die Slapsticknummer" leiden würde.

Esther Slevogt findet in der Berliner taz (14.12.2012) zwar den Anfang stark und den Transport des Friedrich-Stoffs über das Medium Marlene Dietrich in die Ufa-Glamourwelt der 30er Jahre "ebenso naheliegend wie unterhaltungstauglich." Allersdings vertraut Regisseur Tobias Wellemeyer aus ihrer Sicht seinem "bös angelegten Vexierspiel der Friedrich-Bilder" nicht. "Und auch nicht der Verfasser der Spielvorlage, der Berliner Drehbuchautor und Schriftsteller Uwe Wilhelm. Denn drum herum hat er eine vollkommen überflüssige Rahmenhandlung gebaut." Im Gewirr sinnloser wie uninteressanter Erzählstränge gehe der Abend am Ende unter.

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