altPurzelbaum in Richtung Schweinfurt

von Michael Laages

Heidelberg, 18. Februar 2012. Der Abend hat noch gar nicht begonnen, da sind schon die zauberhaftesten, verstörendsten Begegnungen möglich mit einem Maß von Fremde, das von nun an und für den Rest vom theatralischen Exkurs Thema bleiben wird. Sonderbare Typen begegnen der Theaterkundschaft – sauber, ordentlich, geradezu chic, freundlich und zuvorkommend in jeder Hinsicht; aber er redet wirklich vollkommen zusammenhangloses Zeug, der junge Mann, der sich da gerade auf dem Herrenklo erleichtert hat. Seine Worte sind durchaus zugänglich, ihr Sinn aber nie – oder verstehen wir nur nicht die (vielleicht) poetische Grammatik, die das Geplapper formt? Na, da müsse er ja wohl noch ein wenig Text lernen, pflaumt ihn ein Theatergänger an – und der Junge fängt mit größter Selbstverständlichkeit von vorne an, will offenkundig erklären, was und wie er spricht und denkt. Wir werden ihn nie verstehen – Hans Prinzhorn, 1886 im westfälischen Hewer geboren und 1933 an Typhus gestorben, hat Leute wie ihn verstanden. Ein bisschen wenigstens.

Mich spricht im oberen Foyer ein feiner sympathischer Herr an – und weil sein Vortrag einer Art Terminliste entspricht, falle ich auf ihn herein, nehme diese sonderbaren Ereignisse, die er mir ankündigt, halbwegs ernst; aber als er bei Rückfragen immer wieder nur in die eigenen Textschleifen zurückkehrt, ist klar: Auch er gehört dazu. So nett, so charmant ... vielleicht stammen die Texte ja von August Neter oder Franz Pohl, Peter Moog und Johann Knüpfer, August Klotz und Karl Brendel, den "Meistern", deren "Werke", Texte und Bilder Prinzhorn in Heidelberg gesammelt hatte. Hier forschte und schrieb Prinzhorn (privat unstet und darum ein leichtes Opfer für die offizielle Psychiatrie und all seine anderen Gegner) über "Das bildnerischen Schaffen der Geisteskranken"; eine große Studie wurde 1921 fertig und weltweit stark beachtet.

Karnevals- und Künstlerclub-Orgien

Vor gut zwanzig Jahren hatte der für Grenzgängereien über das Normale hinaus ebenfalls sehr empfängliche Schauspieler (und mittlerweise ja auch Regisseur) Herbert Fritsch eine Ausstellung der "Prinzhorn-Sammlung" mit einer CD begleitet, die unvergleichlich blieb – Fritsch las die Texte von Pohl und Moog und Klotz und Co. ohne jeden Anflug von Besserwisserei: "Sprachlöchersterne". Und auch der Choreograph und Regisseur Johann Kresnik, damals wie Fritsch am Heidelberger Theater engagiert, wirkte seinerzeit intensiv mit an der Wiederentdeckung des lange vergessenen Materials. Kresnik versucht nun, für Holger Schultzes neue Direktion in Heidelberg diesen lokalen Schatz auf die Bühne des Opernzelts zu stemmen. Das ist gar nicht einfach und geht auch nicht nur gut.

sammlungprinzhorn 560 klausfrohlich1 u"Sammlung Prinzhorn" © Klaus Fröhlich

Seit geraumer Zeit hat sich Kresnik ja gebunden an den mit eigenen dramatischen Texten eher nicht so erfolgreichen Dramaturgen Christoph Klimke. Auch in Heidelberg ist das so. Und führt zu beträchtlichen Fallhöhen – während das Publikum schier gefriert in Spannung vor den monströs-mäandernden Text-Zitaten von Prinzhorns "Meister"-Künstlern, macht sich ein wenig Bedauern breit, wann immer Klimke Prinzhorns eigene Analysen zu Werk und Person direkt hinter die originalen Texte klemmt. Andreas Seifert, wie so oft schon Kresniks und Klimkes unerhört leidensfähiger Partner in der Zentralpartie, ist dann zuweilen arg überfordert. Denn er muss ja auch noch einiges andere Brimborium mittragen: abstrakte musikalische Miniaturen von James Reynolds, Karnevals- und Künstlerclub-Orgien, mehrere Geliebte, unzählige stumme Patienten, und in diesem "Bewegungschor" entdecken wir übrigens unsere Freunde vom Beginn wieder! Eine achtköpfige Tanz-Truppe soll für vieles gut sein, wirkt aber manchmal auch ein bisschen beliebig.

Wie aus Stahlgewittern

Und Klimke erzählt (das ist der problematischste Punkt des Abends) in einer Art Rahmentext über Prinzhorns Leben, das in den letzten Tagen auf der Münchner Typhus-Station noch mal an seinem Bewusstsein vorbei zieht; und nun achtet er zwar sorgsam darauf, das noch der entlegenste Einfluss von Prinzhorns Gedanken bei prominenten anderen Denkern Erwähnung findet, irgendwie – aber dieser Text-Teil, der als Rahmen das Ganze zusammenhalten sollte, ist schlicht profillos, ja armselig.

Logisch: Faktenhuberei dieser Sorte hat keine Chance gegenüber den großen Wundern, die manchmal in unscheinbaren Ecken der Texte aus Prinzhorns Sammlung stecken. Oder wüsste hier jemand, was das bedeutet: Purzelbaum in Richtung Schweinfurt...

An solchen Momenten ist sich gut Festsaugen, und sie helfen über jedes momentane Mittelmaß hinweg. Der Zwei-Stunden-Abend vor Kulissen wie aus Stahlgewittern (auf die zum Glück ein paar Bilder projiziert werden; es dürften gern auch mehr sein!) hängt nicht oft durch, und die Mischung aus Schauspiel, Dokumentation und ein bisschen Tanz bekommt Kresnik auch gut. Klar: Kein Mitglied der Theatertreffen-Jury wird dafür in die Provinz aufbrechen – aber es tut angesichts der sonst überall grassierenden Langeweile ganz gut zu wissen, dass es so einen wie diesen Kresnik und seine Phantasien noch gibt.

 

Sammlung Prinzhorn
von Christoph Klimke
Regie und Choreographie: Johann Kresnik, Bühne: Marion Eisele, Kostüme: Erika Landertinger, Musik: James Reynolds, Video: Eduardo Serrano, Dramaturgie: Christoph Klimke, Jürgen Popig.
Mit: Benedikt Crisand, Steffen Gangloff, Michael Kamp, Daniela Lehmann, Florian Mania, Natalie Mukherjee, Christina Rubruck, Evamaria Salcher, Andreas Seifert, Olaf Weissenberg und vielen anderen.

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

"Es ist, in jeder Hinsicht, ein typischer Kresnik-Abend", stellt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (22.2.2012) fest. Kresnik schätze den "groben Theaterkeil", der sich durch klare politische und drastische Aussagen sowie Lautstärke auszeichne. In der "locker-halluzinatorischen Struktur" sei durch die Striche, Zuspitzungen und Über-Deutlichkeiten allerdings die Feinheit der "Kunst von 'Geisteskranken'" nicht sichtbar, so dass man Lust bekomme, sich die Original-Werke anzusehen.

Im Mannheimer Morgen (20.2.2012) schreibt Ralf-Carl Langhals: Tänzerinnen und Tänzer, ein furioser zehnköpfiger Bewegungschor, Bodypainting, ein Musikerquintett, neun Schauspieler sowie flächig projizierte Werke schizophrener Bildner demonstrierten eines: "Man ist sehr nah dran am Gesamtkunstwerk." Leider finde die "eindringliche, teils monumentale Bild- und Bewegungswelt Kresniks" textuell keinen adäquaten Sparringspartner. "Mit Oberprimaner-, allenfalls Proseminaristen-Charme hat Autor Klimke zusammengetragen, was man in Prinzhorns Buch teils buchstabengetreu nachlesen kann." Allein die acht Seiten von Thomas Röskes Vorwort zur siebenten Auflage brächten einen näher an Prinzhorns Werk und Person als Klimkes mit biografischen Recherchen angereicherter Text, der allein schon durch sein monotones Reihungs- und Einfügungs-, ja Abhakverfahren künstlerisch dünn gerate. "Vermutlich wäre man dem Wesen Prinzhorns näher gekommen, hätte man sich von der dokumentarischen Fülle entfernt." Ein "großer Abend für Heidelberg" sei es dennoch. "Wenn die Tänzer mit Steigeisen auf Metallplatten scharren, als Burschenschaftler steppend und buckelnd in Richtung Hitler-Gruß marschieren oder im Revueformat den Tanz auf dem Vulkan jener Zeit vollführen, sind Qualität und Kraft zu spüren, die Kresnik immer noch hat."

"Augen, Ohren, Grips und Gefühl werden knapp zwei pausenlose Stunden lang sinnlich attackiert", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (20.2.2012). Christoph Klimke habe dem Ensemble "ein schwieriges, teils auch sperriges Textkonstrukt in den Mund gelegt". Was Kresniks Inszenierung dieses Textkonstrukts angehe, so prägten sich viele kleine und kleinste Auftritte ein, "anderes verpufft im Radau und ausufernden Aktionismus".

Die Begeisterung des Premierenpublikums lasse sich vielleicht am besten mit Lokalpatriotismus erklären, schreibt Stefan Benz im Darmstädter Echo (20.2.2012). Als Schauspielregisseur fehle Kresnik "jene unbändige Kraft, die seinen Nimbus begründet hat und seine stärksten Tanz-Arbeiten auszeichnet". In Heidelberg sterbe Prinzhorn jedenfalls nicht an Typhus, sondern an Wortdurchfall. "Dass sich hier alle nach Kräften anstrengen, ist nicht zu leugnen." Doch fehle dem Irrwitz der Spielwitz. "Kresnik setzt den Kunstwerken der Prinzhorn-Sammlung sein Theater wie szenische Holzschnitte entgegen – frei nach der Spielanleitung 'Ist dies schon Tollheit, so hat es doch Methode'". Das probate Shakespeare-Zitat gelte allemal für diesen Abend, "doch wünschte man sich deutlich mehr Tollheit und weniger Methode".

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Kommentare

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#1 Sammlung Prinzhorn, Heidelberg: ZynismusZuschauer 2012-02-20 21:46
Mit großem Befremden lese ich die Nachtkritik - Rezension von Herrn Laages. Nicht genug, dass man vermisst, was eine Rezension eigentlich ausmacht - nämlich eine Beschreibung des Theaterabends, erwehrt man sich zudem nicht des Gefühls, dass hier persönliche Rechnungen beglichen werden und wundert sich zusehends, dass der Kritiker Schwierigkeiten hat Subjekt - Objekt Beziehungen in seinen Sätzen klar zu stellen. Dass eine "Mischung aus Schauspiel, Dokumentation und ein bisschen Tanz" Kresnik gut "bekommt" ist ja wohl in jeder Hinsicht Blödsinn, denn wer hat denn da gemischt? Wer ist der "unterhört (?) leidensfähige Partner in der Zentralpartie" von Kresnik und Klimke, der "noch einiges andere Brimborium" mittragen muß? Bei solchen verbalen Entgleisungen ist es zusätzlich fatal, wenn man den Namen des besagten Schauspielers noch nicht mal richtig schreibt.
Liest man den Schlußsatz, in dem Herr Laages seine Einschätzung der Jury des Theatertreffens anempfiehlt, rundet sich der Grundgestus des Artikels zu einer Form von Zynismus, die hier veröffentlicht zu lesen, an der Vernunft der Redaktion von Nachtkritik zweifeln lässt. Doch kommen wir beim Wort Vernunft zum eigentlichen Thema.
Ich erlebte einen szenisch und textlichen Furor der ungebändigten Kraft. Dem aufmerksamen Betrachter wird nicht entgangen sein, dass Kresnik mit dem Heidelberger Schauspielensemble eine Spielweise gefunden und etabliert hat, die sehr wohl eine gute Entsprechung in Klimkes Textkonvolut hat. Dass Prinzhorn selbst als ein Getriebener gezeigt wird, der am Ende auch sichtbar in der Bildwelt seiner Patienten verschwindet, ist die eine Leistung des Textes und der Inszenierung und des Prinzhorn Darstellers Andreas Seifert. Dass die Kraft sich aus der Energie der Originaltexte und Bilder speist, ist das eine. Andererseits werden durch philosophische Reflexionen - u.A. im Disput zwischen Ludwig Klages und Hans Prinzhorn, szenisch eindringlich unterstützt durch den Chor, die Dimensionen der gedanklichen Auseinandersetzungen bis in die Diskurse der Gegenwart verlängert. Ergänzt um biographische Stationen Prinzhorns und die realen Biographien der Patienten entwirft Klimke - natürlich kaleidoskopartig - ein Panorama, dessen Kunstgriff in der Verdichtung der Situation liegt: Prinzhorn selber findet sich, am Ende seines Lebens, schwerkrank auf der Seite der Patienten wieder. Genauer kann man die dünne durchlässige Grenze zwischen Vernunft und Unvernunft nicht zeigen. Aber die "Unvernünftigen sterben aus". Schade nur dass die Besserwisser an ihre Stelle treten.
#2 Sammlung Prinzhorn, Heidelberg: kein ZynismusGeorg Kasch 2012-02-20 22:44
Werter Zuschauer,

als verantwortlicher Redakteur für diesen Text kann ich Ihre Kritik nicht nachvollziehen. Die Subjekt-Objekt-Beziehungen gehen auf die Kappe meiner morgendlichen Eile; hier handelt es sich um Tippfehler (einmal fehlten drei Buchstaben bei HINbekommen, einmal war einer zu viel - das t -, einmal einer falsch gesetzt, bedauerlicherweise im Namen des Schauspielers). Das alles habe ich nun korrigiert.
Was Ihre grundsätzliche Kritik anbelangt: Ich war nicht bei der Premiere, habe aber nach wie vor den Eindruck, ein genaues Bild davon vermittelt zu bekommen, wie dieser Abend gewesen ist. Ein Vergleich mit den heute erschienenen Printkritiken bestätigt diesen Eindruck. Wer einen Abend wie gesehen hat, darüber lässt sich natürlich trefflich streiten. Zum Beispiel in dieser Kommentarspalte.
Wenn Sie allerdings nicht sehen wollen, dass in der Schlusswendung ein (freilich gemäßigtes, aber doch nachdrückliches) Lob steckt und die Erwähnung der TT-Jury eine rhetorische Figur ist, dann kann ich Ihnen nicht helfen.

MfG, Georg Kasch
#3 Sammlung Prinzhorn, Heidelberg: nicht überzeugtZuschauer 2012-02-20 22:57
Sehr geehrter Herr Kasch,
wenn Sie denn "Hinbekommen" besser finden als adäquates Wort für eine Regie - Leistung? Dann soll ich auch noch ein verstecktes Lob darin finden, dass - um zu loben - die "grassierende Langeweile" als Alibi dienen muss. Ich weiß nicht. Mich überzeugt das nicht.
#4 Sammlung Prinzhorn, Heidelberg: der Daumen der Kritikvicki 2012-02-21 04:26
sehr geehrter zuschauer! der zeitpunkt, an dem ich aus Ihrem text ausgestiegen bin, war der moment, als mir klar wurde, daß sich kein schwein darum scheren wird, was Sie an der Sache loben. Und es war nicht einmal die art, wie Sie versuchten eine rezension zu imitieren. es war eher das gefühl, daß Sie selbst während ihrer richtigstellung das handtuch warfen. weil Sie merkten, es geht nur um "gefällt mir" oder eben nicht, den daumen rauf oder runter. rezensionen sind daumen, zu keiner handlung mehr fähig. sie sind der rest, der lyrik ist.

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