altMoral in Multiperspektive

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 12. Mai 2012. Für Dennis Kelly ist Wahrheit eine verzwickte Sache. Das sagte der britische Dramatiker vor ein paar Tagen in seiner Eröffnungsrede des Theatertreffen-Stückemarkts. Als Autor empfiehlt er die Suche nach Wahrheit. Seine Stücke demonstrieren, wie holprig dieser Weg, wie stockend diese Suche ist. Seine Figuren schlagen Haken oder stecken wie die Leser immer mal wieder in Lügen-Sackgassen fest. Gorge Mastromas zum Beispiel, Kellys jüngste Dramenfigur, stellt irgendwann fest, dass es in einem erfolgreichen Leben vor allem auf absoluten Willen und die Fähigkeit ankomme, aus tiefstem Herzen zu lügen.

Vor dieser Erkenntnis war Gorge Mastromas Durchschnitt. Gezeugt in einem nicht besonders genussreichen Liebesakt. Befreundet mit Paul, der erst zu den Besten, dann zum Bodensatz gehörte. Liiert mit einem Mädchen, das er nicht so sehr liebte wie Vanessa. Bei Entscheidungen tendierte Gorge zur Moral, "auch wenn es ihm meistens schaden würde". Kelly lässt die ersten 30 Jahre im Leben des Gorge Mastromas von einem Erzähler zusammenfassen, deuten, polemisch kommentieren.

Gesten, die Manipulation verraten
Torben Kessler ist in Christoph Mehlers Uraufführung von "Die Opferung des Gorge Mastromas", eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Schauspiel Frankfurt, dieser Erzähler. Ein großartiger Erzähler. Er spricht zu uns, seinem Publikum, das sich der Teilhabe dank Spiegelwand auf der Bühne auch bewusst zu sein hat. Kessler ist ein Marketing-Guru aus dem Geiste des Neoliberalismus. Ein Coach mit federnden Schritten und einer Gestik, die immer etwas zu groß gerät, die Manipulation verrät. Aber: "Entscheiden Sie selbst!" dieopferungvon1 280h birgit hupfeld uEin Fall von Schmutzigen Händen mit Sandra Gerling, Isaak Dentler © Birgit Hupfeld

Fingerschnipsend switcht dieser Erzähler in die nächste Szene. Bei einem Wirtschaftsvortrag würde jetzt die Powerpoint-Präsentation plus Videofilm gestartet. Auf der kleinen Bühne des Recklinghauser Festspielhauses beginnt hinter der nun durchsichtigen Spiegelwand ein Kammerspiel, atmosphärisch gedämpft durch schwarze Vorhänge, akustisch verstärkt durch Mikroports.

Gorges Wahlmöglichkeit

Gorge (Isaak Dentler) arbeitet mittlerweile in einem Unternehmen, das vor der Insolvenz steht. Wieder muss er abwägen zwischen "Güte oder Feigheit". Zum ersten Mal wählt er die Seite der Gewinner, und die stehen eben nicht gleich neben Anstand und Moral. Was nun folgt, ist beispielhafte Gegenwart, wenn auch mit überspitzten Zügen. Karriere, Geld, Sex, Lügen. Mastromas geht über Leichen, über metaphorische und die echte seines Bruders. Für Gorge ist Erfolg eine Wahlmöglichkeit, sein Wille zur Macht eine Frage der Ideologie.

Kellys Stück beschreibt die Brüchigkeit von Moral, wenn der bedingungslose Mensch sich über sie hermacht. Die Regie stellt das Drama um Glück und Gerechtigkeit, Liebe und Lüge schnörkellos und präzise dar. Businessfrau A (Katja Uffelmann), Firmen(ex)chef M (Till Weinheimer), Gorges Frau Louisa (Sandra Gerling) und sein Bruder Sol (Thomas Huber) sind klare Charaktere, Spielfiguren des Erzählers, die auf Kommando einfrieren können.

Die Gene wollen lügen

Kelly tauscht raffiniert die Perspektiven, erzählende und dramatische Szenen wechseln sich ab, die Geschichte von Gorge wird so von mehreren Seiten ausgeleuchtet, überbelichtet. Das hemmt das Pathos, aber nicht die Wirkung. Warum, das erklärt auch ein Dreh der Inszenierung. Der Erzähler ist bei Mehler auch Pete. Pete ist Gorges Enkel, von dem dieser nichts weiß, auf den er zum ersten Mal als alter, faltiger Mann trifft. Pete ist politischer Aktivist. Er ist gekommen, um den egoistischen Kapitalisten kennenzulernen. Und weil bei Mehler Pete und Erzähler von einem Schauspieler gespielt werden, vermischen sich am Ende die Ebenen. Oder um es mit dem Bühnenbild (von Jochen Schmitt) zu beschreiben: Das Vor- und das Hinter-der-Spiegelwand prallen aufeinander.

Der Regisseur wendet das Stilmittel des Autors auch für die Bühne an. Die Multiperspektive eröffnet diese Lesart: Der Kämpfer gegen den Kapitalismus ist ein Marketing-Genie. Gorge Mastromas ist grau, verlassen, kaputt. Aber das Problem von Wahrheit, Wille und Macht ist damit nicht gelöst. Gorges Gene lügen noch. Und damit geht auch die Suche nach Wahrheit weiter. Zum Glück.

Die Opferung von Gorge Mastromas (UA)
von Dennis Kelly, Deutsch von John Birke
Regie: Christoph Mehler, Bühne: Jochen Schmitt, Kostüm: Anne Hölzinger, Musik: Alexander Britting, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Isaak Dentler, Torben Kessler, Katja Uffelmann, Till Weinheimer, Sandra Gerling, Arash Marandi, Thomas Huber.

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Arnold Hohmann schreibt für das WAZ-Portal Der Westen (13.5.2012): Eine "aufregende Monolog-Performance" biete Torben Kessler in diesem neuen Stück von Dennis Kelly: "Er ist weniger Erzähler denn Verführer, der mit federnden Schritten und heuchelnder Anteilname die vermeintliche Menschlichkeit von Gorge als pure Feigheit entlarven will. Mephisto könnte eine Präsentation nicht besser leiten." Über "die Brüchigkeit von Moral schreibt kaum einer so mitreißend wie" Kelly, und wahrscheinlich könne man sein Stück "gar nicht besser inszenieren, als es Christoph Mehler hier gelungen ist".

Kelly "pflegt punktgenau den Finger in Wunden zu legen", schreibt Carmen Möller-Sendler für den Westfälischen Anzeiger (13.5.2012). Mehler inszeniere "Kellys hintergründigen Humor mit bewusster Schlichtheit, die die großartige Textvorlage in den Mittelpunkt rückt". Dabei gebe Torben Kessler "den Erzähler mit beweglicher Lebendigkeit; man merkt kaum, dass weite Strecken des neuen Dennis Kelly-Stückes 'Die Opferung von Gorge Mastromas' ein reiner, überaus unterhaltsamer Monolog sind".

Für die Sendung "Kultur heute" im Deutschlandfunk sagt Karin Fischer: "Das Stück von Dennis Kelly setzt gleichzeitig hellste Schlaglichter auf die Verfasstheit gerade unserer Gesellschaft, macht das Privateste politisch. Im Mittelpunkt steht Gorge, der sich im Verlauf seines Lebens zum unmoralischen Übermenschen wandelt." Das Stück sei "spannend wie ein Krimi. Und versehen mit einer Psychologie, die einem geschliffenen Diamanten gleicht: hart und glitzernd." Auch Fischer ist überaus angetan von dem "großartigen Schauspieler" Torben Kessler, der "in fröhlich-neugierigem bis neutral-distanzierten Ton" den Erzähler "facettenreich und perfekt" spiele.

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