alt

Nebeneinander ist auch nicht zusammen

von Sarah Heppekausen

Recklinghausen, 26. Mai 2012. Kevin Rittberger ist ein Sammler. Seine Stücke sind Konvolute literarisch zusammengefügter Dokumentationen. Sie sind dramatische Textverarbeitung von Theorien und politischen Phänomenen. Schon der Titel seines neuen Stücks "Lasst euch nicht umschlingen, ihr 150 000 000!" ist ein Verweis, und zwar auf ein Gedicht Majakowskis von 1919 zur russischen Revolution. Und dem Programmheft hat der Autor eine DVD beigefügt, eine zwanzigminütige Videodokumentation aus Tunis, offensichtlich Teil seiner Recherchearbeit.

lasst euch nicht umschlingen2 280 birgit hupfeld uWer hat die Kokusnuss geklaut? © Birgit Hupfeld

Um die Aufführung geht es nicht

Raja Ben Ammar zum Beispiel wird im Film interviewt. Im Theaterstück sagt die tunesische Schauspielerin und Theaterleiterin in Karthago dann: "Es geht gar nicht um die Aufführung, sondern um ein Theaterprojekt, das im positiven Sinne auffordert, Gesellschaft alternativ zu denken." Kevin Rittbergers Stückthema ist die Gesellschaft, genauer gesagt verschiedene Gesellschaftszustände. Drei Teile, drei Gesellschaften: Es gibt die kapitalistisch-gesättigte, die sich an Protest als historische Bewegung erinnert und für einwöchige Revolutionsausflüge wirbt. Teil II zeigt das Leben in der vollendeten kommunistischen Gesellschaft nach William Morris' utopischem Roman "Kunde von Nirgendwo". Und im dritten Teil geht es um das Volk im Aufbruch, eine Gesellschaft am demokratischen Neuanfang: Tunesien im August 2011.

Rittbergers soziologisches Triptychon beackert Anarchie und Kommunismus, spanischen Bürgerkrieg und arabischen Frühling. Es wird zitiert, angedeutet und gelegentlich auch sprachgespielt, mit anarchistischen Zellen zum Beispiel: "Man muss es untermengen, nicht aufheben, das 'Ich'. Man ahnt gar nicht, wie viele Zellen mit 'Ich' kontaminiert sind. Und es sind immer die falschen. Wenn wenigstens Kleinerzeh- und Hüftknochenzellen in der ersten Person von sich Reden machten, aber so... Das ist keine soziale Kompetenz!" Das sagt der steinalte Mann (Andreas Uhse), der in einer Lotterie-Bude der spanischen Blindenorganisation ONCE sitzt. In seinem Fenster steht eine Ausgabe von Marcel Mauss' ethnografischem Essay "Die Gabe". Der Mann liest Lenin, wenn er nicht über den Kommunismus für Molche oder eine bessere, weil lachende Gesellschaft nachdenkt.

Klischees statt Charaktere

Kevin Rittberger hat die Uraufführung seines neuen Stücks, eine Koproduktion der Ruhrfestspiele und dem Schauspiel Frankfurt, selbst inszeniert. Seine Figuren bleiben auch auf der Bühne mehr Klischee als Charakter. Den Fotografen aus Teil I gibt Oliver Kraushaar als nervösen Möchtegernmacho, aktiv und aufbrausend wie unter Dauerdroge. Als "fleischgewordene Großmachtsphantasie" scheut er für das richtige Motiv kein Kettensägenmassaker im spanischen Palmenwald und keine faulen Sprüche: "Wir lassen die anderen machen. Saisonarbeiter aller Länder vereinigen sich!" Dann gibt es die modelnde junge Frau, die mit ihren Kurven, aber nicht mit dem Gewehr umgehen kann (Franziska Junge). Die Assistentin ("ich habe keine Ahnung"), die in der Sprinkleranlage Agent Orange vermutet (Lisa Stiegler). Einen Anarchisten im schwarzen Kapuzenpulli, säuselnd hauchende Utopisten im Barden-Outfit und mit Pilzkopf-Frisuren und eine skeptisch-beeindruckt dreinblickende Tagebuch-Sprecherin in Tunis (ebenfalls Lisa Stiegler).lasst euch nicht umschlingen3 560 birgit hupfeld uFunktionale Repräsentanten einer Gesellschaftsform   © Birgit Hupfeld

Am Ende stehen alle nebeneinander

Allesamt Repräsentanten einer Gesellschaftsform, allesamt funktional auf der Bühne ausgestellt. Das beugt zwar Sozialkitsch und Betroffenheitstheater vor, lässt allerdings auch völlig kalt. In den stärkeren, aber seltenen Momenten führt diese Vorführung von Typen zum ironischen Kommentar. Am Ende stehen die Schauspieler – auch Live-Musiker und -Geräuschemacher Volker Zander – nebeneinander in einer Reihe. Es ist ein symptomatisches Bild für die Inszenierung. Die Figuren sind Stellvertreter. Jede hat etwas mitzuteilen, monologeweise, aber ihre Ansprechpartner sitzen im Publikum, nicht auf der Bühne. Da fehlt das Drama.

Der Autor liefert reichlich (politisches) Material. Aber das bleibt bruchstückhaft zusammengefügt. "Spurensuche" hat Rittberger selbst sein Stück untertitelt. Vielleicht geht es ihm also wie der im Stück zitierten Raja Ben Ammar weniger um die Aufführung, sondern mehr um ein Projekt, Gesellschaft alternativ zu denken. Oder Gesellschaft überhaupt zu denken. Aber dann wäre es doch hilfreich, einen Standort seiner Suche erkennen zu können. Eine Position, die Perspektive möglich macht.

 

Lasst euch nicht umschlingen ihr 150000000! (UA)
von Kevin Rittberger
Regie: Kevin Rittberger, Bühne: Christoph Ebener, Kostüm: Janina Brinkmann, Musik: Volker Zander, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Oliver Kraushaar, Franziska Junge, Lisa Stiegler, Andreas Uhse.

www.ruhrfestspiele.de
www.schauspielfrankfurt.de 



Kritikenrundschau

"Zuviel Theorie, zuwenig Theater" hat Ralph Wilms gesehen, der für die Rheinische Post (29.5.2012) berichtet. Mit dem Stück lege Kevin Rittberger die Axt ans Ausbeutertum. "Doch im Theaterzelt fällt nur das lauschige Palmenwäldchen von Bühnenbildner Christoph Ebner." In den ersten zwei Teilen kann der Rezensent noch eine Handlung ausmachen, der dritte sei eigentlich nur noch szenische Lesung. "Ein Bühnenstück will aus derart disparaten Elementen einfach nicht werden." Mit den 150 000 000 habe der Autor Rittberger den Regisseur unter Tonnen von Theorien begraben.

Die ersten beiden, "szenisch banalen" Teile von Rittbergers Spurensuche würden ganz schön durchhängen, schreibt Bernd Aulich in der Recklinghäuser Zeitung (29.5.2012). Zum Glück holt aber der letzte Teil mit dem arabischen Frühling 2011 "doch noch die komplexe Gegenwart ein. Und hier wird im collageartigen Wechsel der Wahrnehmungsebenen sichtbar, wie Theater auf politische Probleme der Gegenwart reagieren kann".

"Wie schön, dass im Schauspiel Frankfurt endlich mal jemand ernsthaft auf die Krise reagiert, die unsere Gesellschaft nun seit Jahren lähmt und schüttelt, zementiert und in Frage stellt. Diese Krise ist ja nicht nur eine Bankenkrise, sie ist auch eine Gedankenkrise, eine Gesellschaftskrise, ja vielleicht sogar eine Theaterkrise", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (4.6.2012) mit ironischem Unterton. Zur "so seltenen Spezies Theorietheater" gehöre dieser Abend und sei dabei – zumindest im ersten Teil – "erstaunlich lustig". Man habe es mit "Theorie-Slapstick" zu tun: eine "echte Denk-Klamotte".

 
Kommentar schreiben