Wie uns die Alten sungen

von Willibald Spatz

Augsburg, 7. Oktober 2012. Elfriede Jelinek wird zum ersten Mal in Augsburg aufgeführt. Sylvia Sobottka ist die Regisseurin, die dieses Unternehmen wagt, und sie bringt eine Menge Ideen mit für "Ulrike Maria Stuart": Da läuft ein Gehirn über die Spielfläche, die sich auch noch drehen kann. Wir sehen viele Videos und auch verrückte Kostüme. Es rührt sich was auf der Brechtbühne, der neuen kleinen Spielstätte des Stadttheaters. Sie wurde Ende der vergangenen Spielzeit in Betrieb genommen, nachdem lange Zeit politisch um sie gerungen worden war. Jetzt wollen sie spielen. Das spürt man von Anfang an.

RAF auf Andy-Warhol-Style

Es verwundert nicht, dass Sylvia Sobottka, die in den 1980ern geboren ist, einen jungen Blick auf die Ereignisse wirft, die Elfriede Jelinek als Anlass für ihre Assoziationskaskaden nimmt. Die RAF ist Pop. In den Videoeinspielungen, die Philipp Karau und Stephanie Kayß erstellt haben, werden das RAF-Logo und Aufnahmen von Polizeiautos, Demonstrationen und Festnahmen im Andy-Warhol-Stil verfremdet. Das sieht gut aus. Und passt zu der Überdrehtheit, mit der hier alle Schauspieler agieren. Wenn man so einem Jelinek-Text beizukommen versucht, funktioniert das immer irgendwie, wenn man es ins Groteske laufen lässt.

Eva Maria Keller tritt zum Beispiel mit einer verlängerten Nase zunächst im Video und gleich darauf leibhaftig auf, dann hat sie zu der Nase noch einen Bundesadler auf dem Rücken, dessen Flügel wie Engelsflügel wirken. Sie spricht Text, der im Stück einem "Chor der Greise" zugeschrieben ist. Von den Originaltextmassen bleibt hier gerade mal ein Viertel übrig. Und die genügen für eine schlaue Reflexion über das Verhältnis, das die verschiedenen hier vorgeführten Generationen zu ihrem Land haben.

Das Kopfschütteln der Jungen und Greise

Da sind die Jungen, die Florian Innerebner immer wieder verkörpert, die so gar nicht mehr nachvollziehen wollen, weshalb sich da jemand bewaffnet und in den Kampf zieht gegen ein System, in dem es sich so bequem leben lässt. So sehen es auch die "Greise": "Wenden wir uns Deutschland zweifach Vaterland zu, denn wir haben ja kein drittes, na, das hätt uns noch gefehlt, es sind ja zwei zuviel, doch immerhin, wir haben sie, na gut, wir nehmen das im Westen, klarerweise, dort ists schön, denn außer Stränden lachen uns im Urlaub Berge sowie noch mehr Strände, alles ist bequem".

ulrike-maria-stuart1 560 NikSchoelzel xVideo tut gut: Das Ensemble beim Filmen und Gefilmtwerden. © Nik Schölzel

Geschenke regnen von oben auf die Bühne, sie sind eingepackt in Zeitungspapier. Eine Kamera filmt die Schlagzeilen von damals ab, damit sie alle mitlesen können an der Rückwand. Hübsch verpacktes Recherchematerial, das eine Nation im Ausnahmezustand dokumentiert. Inzwischen ist die Aufregung nicht mehr nachvollziehbar, sie dient gerade mal als Vorlage für einen Spielfilm. Eine zweite Kamera filmt in die Zuschauer hinein, zoomt einzelne heran. Niemand lässt sich berühren, bestenfalls sind ein paar amüsierte Gesichter auszumachen.

Erhängt für eine Idee

Auf der anderen Seite geht es um zwei Frauen, die sich in die Illegalität begaben, die ihre Familien verließen, verhaftet wurden, die sich schließlich erhängt haben, für eine Idee. Ute Fiedler und Lea Sophie Salfeld ziehen sich Perücken über, um sich in Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin zu verwandeln. Elfriede Jelinek räumt der Tatsache, dass Gudrun Ensslin als Kämpferin gegen den Kapitalismus ausgerechnet in einer Boutique verhaftet wurde, ziemlich viel Raum ein. In Augsburg gibt es hier wieder Video, beide Frauen setzen sich Sonnenbrillen auf und sprechen in die Kamera über ihren Andreas.

In dieser privaten Beziehung zu Andreas Baader, an dessen Befreiung sie beide beteiligt waren, steckt Konfliktpotenzial. Doch daran ist Sylvia Sobottkas Regie nicht wirklich interessiert. Sie lässt die beiden im Schlussbild nebeneinander ruhen. "Schlafe gut, ja, schlafe, schlafe schlafe, auch in dieser unbequemen Lage in dieser Schlinge, die auch noch selber ich mir knüpfen darf", sagt Lea Sophie Salfeld, bevor sie sich endlich nach langem Ringen neben Ute Fiedler legen darf. Die Kämpfe der beiden sind Geschichte. Sie sind in den Augen derer, die heute leben müssen, umsonst gewesen. Doch damit sind auch die Ziele der später Geborenen eigentlich dazu verdammt, sich in Nichts aufzulösen, spätestens in ein paar Jahren. Das ist die traurige Essenz dieses schön inszenierten Abends.

Am vergangenen Wochenende kamen unter dem Titel "Israel, mon amour" zwei Stücke aus Israel zu Aufführung auf der Brechtbühne. Zusammen mit dieser "Ulrike Maria Stuart" ergibt das einen viel versprechenden Auftakt für die neue Augsburger Spielzeit.


Ulrike Maria Stuart
von Elfriede Jelinek
Regie: Sylvia Sobottka, Bühne und Kostüme: Anna van Leen, Video: Philipp Karau, Stephanie Kayß, Dramaturgie: Barbara Bily.
Mit: Ute Fiedler, Eva Maria Keller, Lea Sophie Salfeld, Florian Innerebner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-augsburg.de


Mehr Inszenierungen von Ulrike Maria Stuart: 2011 brachte Hermann Schmidt-Rahmer das Stück in Essen heraus, Samuel Schwarz zeigte es im selben Jahr in Konstanz. Nicolas Stemann gastierte mit seiner Umsetzung aus dem Hamburger Thalia Theater beim Berliner Theatertreffen 2007.

 

Kritikenrundschau

Als flatterhaft und zappelig beschreibt Michael Schreiner die Inszenierung in der in der Augsburger Allgemeinen Zeitung (9.10.2012). Die sechs Jahre nach dem Ende der RAF in Stammheim geborene Regisseurin schlage sich eine eigene Schneise "durch den wuchernden Dschungel der Worte, Assoziationen und Denkfiguren" des Textes. Kompakte 90 Minuten flackerten und flimmerten also in der Brechtbühne "ein Kaleidoskop von Darstellungen und Deutungen und Anspielungen". Das Publikum erlebe "einen rasanten Bilderreigen, ein Ausbreiten und Aneinanderreihen von Szenen, Einfällen, Bildern und Sätzen. Was, wie oft bei Jelinek-Inszenierungen, fast zwangsläufig auf eine Art von Willkürakt hinausläuft".

Sylvia Sobottka zeichnet Jelineks kubistisches Textgemälde "mithilfe großflächiger Videoinstallationen von Philipp Karau und Stephanie Kayß", schreibt Carina Lautenbacher im Donaukurier (9.10.2012), die der "kühnen" Regie grundsätzlich Wohlwollen entgegenbringt. Doch deuteten diese Bilder aus Sicht der Kritikerin besonders beim historischen Bildmaterial mehr an, als sie zeigen würden. Dafür, so Lautenbacher, hielten sie die Kamera um so dichter auf die Gesichter der Schauspieler und auch des Publikums. "So entsteht eine Melange aus Laut und Leise, aus Licht und Dunkel, aus Nähe und Distanz, viel wird überzeichnet und grell karikiert – ganz so, wie Jelinek es wollte: Nichts sollte von Höhe und Pathos übrig bleiben, sinnentleert steht dieser Terror allein auf der Bühne."

"Sylvia Sobottka kann eine Menge. Das hat sie als Regiestudentin der Otto Falckenberg Schule oft gezeigt", schreibt Florian Welle für die Süddeutsche Zeitung (9.10.2012). Ihr Einstand in Augsburg aber verlief "nicht optimal", nach "furiosem Beginn geriet die Aufführung des 'Königinnendramas' über Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin bald ins Stocken und kam auch nicht mehr recht in die Gänge." Sobottka "sprüht vor Einfällen, besitzt Witz, Musikalität. Ist aber auch noch auf der Suche nach einem ihr gemäßen Zugriff auf die Vorlagen."

 

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