Krise in Ulm: Familienpferd verkauft

von Willibald Spatz

Ulm, 25. April 2013. Die Klassiker der Theaterliteratur sind nicht deshalb so groß geworden, weil sie besonders gewiefte Kommentare zum jeweiligen Zeitgeschehen sind – sie drücken eine zwischenmenschliche Wahrheit aus, die selbst nach Jahrhunderten oder Jahrzehnten noch genug Zuschauer berühren kann, dass es sich lohnt, sie wieder zu spielen. Wenn jemand nun die Lehmann Brothers-Pleite zum Anlass und Thema seines Stücks macht, kann es ihm eigentlich nicht nur darum gehen, einen besseren Leitartikel in Dialogform zu verfassen, zumal eh schon beinahe alles geschrieben wurde, was es dazu zu schreiben gibt. Eine riesige Wand im Theater Ulm, die tapeziert ist mit einer Menge von Zeitungsartikeln, die zum Stück passen, beweist das eindrucksvoll.

Zwei Freunde, Bankenkrach, Tragödie

Nicholas Pierpan erzählt in "Killerinstinkt" in erster Linie die Geschichte einer Männerfreundschaft. Zwei Kumpels sind große Spieler im Londoner Finanzgeschäft. Es läuft jahrelang grandios für beide. Dann kracht es, der eine verliert mit dem Zusammenbruch von Lehmann Brothers seinen Job und seinen Glauben, er muss noch mal neu anfangen, ausgerechnet als Beamter bei der Bankenaufsicht. Er wechselt also die Seite und es ist freilich nur eine Frage der Zeit, wann er seinen Freund, der weiter skrupellos und erfolgreich seine Geschäfte machen kann, ans Messer liefert. Große Tragödie, beinahe mit griechischen Dimensionen: Was ist mehr wert? Die Freundschaft oder die Ehrlichkeit?

Sagt der Oberkapitalist zur jungen Frau seines Angestellten  ....

Erschütternd ist hier aber zunächst die Behäbigkeit, mit der die Handlung voran stolpert. Die Figuren von Nicholas Pierpan haben eindeutig zu wenig Angst vor dem Klischee: Ausgerechnet beim Schampus-Süffeln am Kühlschrank entbrennt ein heftiger Ehestreit, weil der Mann es gewagt in seiner Finanznot das Familienpferd zu verkaufen. Er hängt dann arbeitslos tagelang bei Starbucks zwischen den jungen Müttern rum, bis er rausfliegt, weil er zu wenig konsumiert. Zu seinem Glück hat er vorher die Bekanntschaft einer jungen Frau gemacht, die lauthals ihre Devisenkäufe ins Handy plärrt. Irgendwann durchschauen sich diese Puppen sogar selbst: Da sagt der alte, ziemlich unappetitliche Oberkapitalist zu der jungen Frau seines Angestellten, nachdem sie sich von einer Party weggeschlichen haben: "Sie dürfen aufrichtig sein oder sich vielleicht... vielleicht sogar... selbst eine Meinung über mich bilden, einen originellen Gedanken haben... zum ersten Mal in Ihrem Leben." Darauf antwortet sie: "Meinen Sie, einen Kolonialbürger zu heiraten war kein origineller Gedanke für jemanden wie mich, die vier Mal in der Woche zu Starbucks geht?" Sie hat einen Inder geheiratet und der Alte wird ihr im nächsten Moment ein Pferd schenken.

Die Banker in London werden lachen

Zur Ehrenrettung des Autors muss man sagen, dass er selbst in London lebt und einmal Wirtschaft studiert hat. Er kennt, was er beschreibt, er schaut den Leuten auf den Mund und hat offensichtlich einen Heidenspaß daran, den Wahnwitz und die Absurdität der Finanzmetropole London auszuwalzen. Und jemand, der die Verhältnisse dort kennt, amüsiert sich wahrscheinlich königlich bei jedem zweiten Satz, weil er ihn schon mal aus dem Mund eines Bekannten gehört hat.

killerinstinkt1 560 ilja mess uv.l.: Volkram Zschiesche, Raphael Westermeier; Kinderstatisterie des Theaters Ulm  © Ilja MessDass London und Ulm in dem Fall Welten trennen, weiß auch der Regisseur dieser deutschsprachigen Erstaufführung. Gert Pfafferodt stilisiert das Geschehen sehr stark. Die Bühne wird gleich zu Beginn mit rosafarbenen Luftballons gefüllt. Lauter Blasen, die nur darauf warten zu platzen. Ein Gitarrist und ein Schlagzeuger am Rand der Bühne untermalen das Geschehen. Tatsächlich gelingen hier einige berührende Momente, wenn zum Beispiel Volkram Zschiesche und Aglaja Stadelmann in der Nacht einen Geschäftsabschluss feiern. Und stimmig zeigt das ständige Anrennen aller Akteure gegen die sich ununterbrochen drehende Bühne ihre Gehetztheit und hoffnungslose Ausweglosigkeit. Gunther Nickles als der fiese Oberkapitalist Sir Roger erscheint gottgleich auf einem Podest: die Personifikation des Kapitals.

Charakter verdorben, das Böse siegt

Aber diese permanente aufwendige Bildersuche hilft nichts. Auch das Aufmarschieren eines Kinder-Rugbyteams und Regen auf der Bühne können nicht verhindern, dass das Böse siegt und am Ende alle noch schlechter dran sind, weil der Charakter auch verdorben ist. Das ist tragisch, gar keine Frage, aber wahrscheinlich hätte man so viel Erkenntnis auch aus einem guten Leitartikel ziehen können. Wobei einem beim Gedanken an Starbucks und dem geschäftigen Treiben dort schon fast wieder nostalgische Gefühle beschleichen, so weit scheint das weg.

 

Killerinstinkt (DEA)
von Nicolas Pierpan
Regie: Gert Pfafferodt, Bühne: Britta Lammers, Kostüme: Mona Hapke, Dramaturgie: Michael Sommer.
Mit: Johanna Paschinger, Tini Prüfert, Sibylle Schleicher, Aglaja Stadelmann, Ulla Willick; Jörg-Heinrich Benthien, Pascal Czisch a.G./Matthias Freund a.G., Gunther Nickles, Wilhelm Schlotterer, Florian Stern, Raphael Westermeier, Volkram Zschiesche; Kinderstatisterie des Theaters Ulm.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater.ulm.de

 
Kritikenrundschau

"Gier, Verblendung, Hohlheit, Macht, Eitelkeit, die gewaltigen und auch gewalttätigen Mechanismen des Geldmarkts: Pierpan hat sich relevante Themen vorgenommen", referiert Magdi Aboul-Kheir in der Südwest Presse (27.4.2013). Doch in Ulm werde keine dynamische Aufführung daraus – "Tempo, Zuspitzung, Emotionen fehlen." Gut anzuschauen sei das schon. "Im Zentrum steht eine Drehbühne: Dreht sich in der Welt alles um Geld, oder macht erst das Geld, dass die Welt sich dreht?" Pfafferodts Inszenierung habe auch ein paar prägnante Ideen. "So leuchtet ein riesiges Neon-'XL' in Edwards Welt: Es geht ums immer Größere – doch irgendwann kommt das 'X' abhanden." Aber letztlich zeige das Stück "diese Geld-Welt" eben so, wie man sie sich gemeinhin vorstelle: ichbezogen, rücksichtslos. "Okay, so what?" Da hätten es auch die Schauspieler schwer, den Figuren echtes Leben einzuhauchen. "Der Abend zieht sich hin, packt einen nicht – in der Premiere ging schätzungsweise jeder Vierte zur Pause."

 
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