Heterogene Echtheitskunst

von Falk Schreiber

Hamburg, 9. August 2013. "Same procedure as every year", sagt Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler bei der Eröffnung des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel, nur um dann zu relativieren: "Eben das ist es nicht! Wenn man ganz genau hinschaut, hat sich hier einiges verändert!" Womit die Senatorin das Dilemma des neuen Festivalleiters András Siebold gut umrissen hat: Einerseits soll der 36-Jährige das extrem erfolgreiche Programm seines Vorgängers Matthias von Hartz fortführen, andererseits durchaus eigene Duftmarken setzen. Was bei einem begrenzten Pool an festivalfähigen Produktionen gar nicht so einfach ist. Ja, man muss schon genau hinschauen, damit man die eigene Handschrift entdeckt.

Popularisierung der Avantgarde

Siebold forciert dieses Hinschauen, indem er von Hartz' Markenkern nicht fortführt: Es gibt kein prägendes politisches Motto für das Festival mehr. Gerade mal ein "Popular Academy" genanntes Vortragsprogramm namens "The real World" kommendes Wochenende lässt vermuten, dass es um das Verhältnis zwischen Kunst und Realität gehen könnte, aber das sind Schlagworte, die man über so ziemlich jedes Programm schreiben könnte. Ansonsten will Siebold vor allem Grenzen aufweichen: Bildende Kunst, Popmusik, Klassik, Tanz, Theater – "Popularsierung der Avantgarde" (schon wieder Schlagworte!) funktioniert für ihn am Besten, wenn man die Genres möglichst undogmatisch mischt.

sommerfest  tragedie1 560  francoisstemmer u"Tragédie" von Olivier Dubois © François Stemmer

Bei der Eröffnungspremiere allerdings wird dann doch recht unvermischt getanzt. Olivier Dubois hat für "Tragédie" eine Gruppenchoreografie für 18 nackte Tänzerinnen und Tänzer aus dem Chor aus der griechischen Tragödie abgeleitet. Ein erster Satz namens "Parades" lässt die Tänzer streng formalistisch Bewegungsfolgen abschreiten, eine Strenge, die sich im zweiten und dritten Teil ("Episodes" und "Catharsis") in dionysischem Exzess auflöst. Zumindest während der ersten halben Stunde passiert praktisch nichts, man hat also Zeit, die Tänzerkörper zu vergleichen. Und plötzlich steht man in einem Obstkorb der Brüste, Schwänze, Schenkel: hier etwas Birnenartiges, dort etwas Bananenförmiges. Körper sind tatsächlich Wunderwerke der Unterschiedlichkeit, und womöglich ist diese Unterschiedlichkeit der Link zum Realismusbegriff in "The real World": Die Realität ist der nackte Körper auf der Bühne, und die Kunst ist die choreographische Form, in die ihn Dubois presst.

Grenze zum Kunstgewerbe

Allerdings: Gerade wo die Form so streng ist, ist jeder Ausbruch aus dieser Form, sei es ein Muskelzucken, sei es eine Grimasse, massiv mit Bedeutung aufgeladen, Bedeutung, die "Tragédie" kaum einlösen kann. Dubois' Stück ist tänzerisch beeindruckend, wirkliche Avantgarde ist es aber nicht, dafür bewegt sich die Choreografie inhaltlich zu sehr in Bahnen, die schon vor Jahren von Sasha Waltz oder Dave St. Pierre gespurt wurden. Dennoch ist "Tragédie" die perfekte Festivaleröffnung, mit ihrer handwerklichen Qualität, die manchmal die Grenze zum Kunstgewerbe streift: ein Stück, das Lust macht auf mehr, ohne das vorgegebene Niveau massiv zu unterschreiten.

sommerfest jeremywade 560 monika grzymala u"Dark Material" von Jeremy Wade © Monika Grzymala

Näher an András Siebolds Kunstverständnis liegt allerdings wohl die nächste Premiere: "Dark Material", eine Kollaboration zwischen der Bildenden Künstlerin Monika Grzymala, dem Choreografen Jeremy Wade und Jamie Stewart von der amerikanischen Indie-Band Xiu Xiu. Grzymala bearbeitet den Bühnenraum mit Gaffertape, Xiu Xiu entlocken ihrem Maschinenpark tieffrequente Klänge, und Wade performt mit Maria F. Scaroni einen beunruhigenden Tanz zwischen Anziehung, Abstoßung und Ringkampf. Die Arbeit funktioniert als minimalistische Gothic-Installation über das verbindende Element des künstlerischen Materials: Das Klebeband erschwert jede Bewegung, die Sampler brummen, die Tänzer sind schwitzende, keuchende Körper. Schade nur, dass das Stück bei aller genreübergreifenden Brillanz ein wenig den Blick auf die Performance verliert. Choreographisch bleibt "Dark Material" nämlich konventionell, allem Widerwillen gegen einengende Schubladen zum Trotz.

sommerfest juandominguez 280h enrique escorza u"Characters Arriving" von Juan Dominguez
© Enrique Escorza

Proletarische Postdramatik

Minimalistisch ist auch das Bühnenbild in "Characters Arriving" von Juan Dominguez: Es besteht aus einem Berg roter Kissen, der lieblich aussieht, am Ende jedoch in einer nervtötend langen Kissenschlacht ins Publikum gepfeffert wird. Zunächst aber stolpern Domimguez und seine Mistreiter Rafael Lamata und Jaime Vallaure grotesk ausstaffiert über die Szene, mit falschen Nasen, Perücken, zerlumpt und bärtig und hinter übergroßen Brillen – halb Clochards, halb Hipster. Eine Verkleidung, der sich die Gestalten bald entledigen und in Unterwäsche vors Publikum treten: "My Name is Juan Dominguez."

Immer wieder täuscht die Produktion mit solchen Ansprachen Authentizität an, nur um kurz darauf wieder ins Spiel zu zerfallen. Mal skandieren die Darsteller ihre Namen als Fußballchoral, mal demütigen sie einander aufs Brutalste, mal irren sie unter "Mama!"-Rufen durch die Kampnagel-Hallen – und bilden damit einen dreckigen, bewusst kunstlosen Kontrapunkt zur hochtönenden Echtheit-Kunst-Choreografie der Eröffnungspremiere vom Vortag.

Darüber hinaus repräsentiert Dominguez eine ganz eigene, proletarisch-derbe Spielart der Postdramatik, eine Spielart, die Festivalmacher Siebold für sein heterogenes Konzept extrem wichtig zu sein scheint. Zumindest ist Dominguez der einzige Künstler, der längerfristig ans Sommerfestival gebunden ist: Ab 14. 8. zeigt er seine Produktion "Clean Room". Wenn die Augen bis dahin nicht mehr von der Kissenschlacht verklebt sind, sollte man da vielleicht noch mal genau hinschauen, schon alleine, um zu verstehen, wo dieses Festival in Zukunft eigentlich hin will.

 

Internationales Sommerfest

Tragédie

von Olivier Dubois
Choreografie: Olivier Dubois, Künstlerische Mitarbeit: Cyril Accorsi, Musik: François Caffenne, Licht: Patrick Riou.
Mit: Benjamin Bertrand, Arnaud Boursain, Mathieu Calmelet, Marie-Laure Caradec, Virginie Garcia, Karine Girard, Carole Gomes, Inès Hernandez, Isabelle Kürzi, Sébastien Ledig, Filipe Lourenço, Thierry Micouin, Jorge Moré Calderon, Aurélie Mouilhade, Rafaél Pardillo, Sébastien Perrault, Loren Palmer, Sandra Savin.
Aufführungsdauer: 90 Minuten, keine Pause.

Dark Material
von Jeremy Wade
Choreografie, Performance: Jeremy Wade, Ko-Choreografie, Performance: Maria F. Scaroni, Musik: Jamie Stewart, Shayna Dunkelman, Bühne: Monika Grzymala.
Aufführungsdauer: 65 Minuten, keine Pause.

Characters Arriving
von Juan Dominguez
Konzept, Performance, Produktion: Juan Domínguez, Rafael Lamata und Jaime Vallaure.
Aufführungsdauer: 70 Minuten, keine Pause.

www.kampnagel.de

 

Beim Internationalen Sommerfest auf Kampnagel vom 7. bis 25. August 2013 werden u.a. auch zu sehen sein: Christoph Marthalers Singabend King Size (hier die Nachtkritik der Baseler Uraufführung), Philippe Quesnes Swamp Club (hier die Nachtkritik der Uraufführung bei den Wiener Festwochen) und 33 rounds and a few seconds und 1 hour 18 minutes von Rabih Mroué und Lina Saneh (hier die Nachtkritik von der Premiere im September 2012 beim Steirischen Herbst in Graz).

Kritikenrundschau

"Dark Material" sei ein Gang in die Finsternis, in die Tiefen des eigenen Assoziationsrepertoires, ein Underground-Experiment im Gothic Look, schreibt Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (10.8.2013). "Beunruhigende Bilder sind das. Gewagt. Avantgarde irgendwie." Auch wenn die Teile dieser lebenden Installation seltsam isoliert blieben. "Allerdings mit einer wunderbar in sich ruhenden Monika Grzymala als heimlichem Zentrum." Solch hochernsten Kunstwillen widersetze sich zu später Stunde der spanische Performer Juan Domínguez in "Characters Arriving" auf etwas zu brachiale Art und Weise. Es geschehe erschreckend wenig. "'My Name is Juan Domínguez', sagt der Theatermacher und findet das ironisch-witzig." Jegliche ästhetische Behauptung zerfalle umgehend in neue Albernheiten. "Zu Mitternacht hin entgleist, was noch entgleisen kann in dieser derben Theaterunterwanderung" in eine Kissenschlacht. "Auch eine Popularisierung der Avantgarde verlangt dann doch ein wenig mehr Inhalt und Form."

"Tragédie" von Olivier Dubois stelle die Frage nach der Gemeinschaft und der Zivilisation, findet Robert Matthies in der tageszeitung (13.8.2013). Das Stück setze sich "mit dem immer chaotischer, schneller und intensiver werdenden Verschwinden von psychologischen, historischen oder soziologischen Zuschreibungen auseinander, um zur Neuzusammensetzung eines kollektiven Körpers zu kommen".

 

 

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