Nach der nuklearen Mittagshitze

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 2. September 2013. Was ein GAU ist, ein Super-GAU gar, hat eine lange Halbwertszeit. Dieser Tage erst ist Fukushima wieder in die Schlagzeilen geraten: die wahren Gefahren lauerten, verstrahltes Kühlwasser gerate in Mengen ins Meer, die echten Katastrophen dräuten erst. Es wäre also durchaus denkbar, dass auch Elfriede Jelinek demnächst aufs Neue eine Schleuse öffnet und einen Schwall mit kontaminierten Denk-Worten loslässt. Sie dichtet ja weiter an ihrer Fukushima-Parabel "Kein Licht".

"Da muß etwas in großer Menge austreten gehen, aber wir merken nicht, wohin es sein Wasser abschlägt," heißt es einmal an diesem Abend. Die fürwahr hochmusikalische Hör- und Schaufassung des Ensembles dramagraz in der Regie von Ernst Marianne Binder war in diesem Sinn Österreichische Erstaufführung einer erweiterten Fassung. Es wird die letzte nicht bleiben. Fünf Frauen in beige-farblosen Gewändern liegen da, auf spiegelnder Oberfläche. Ein Mann mit schwarzer Brille – Teirersias, der blinde Seher – wird bald ein aufgebocktes Fahrrad besteigen und mit dem Dynamo ganz wenig Helligkeit produzieren, wo kein Licht mehr ist (ein fast frech-banales Bild).

kein licht2 560 dramagraz uFünf brillant satzquirlende Eigenbrötlerinnen beim Chill-out  © dramagraz

Assoziationskettenreaktion

Doch vor allem sind da keine Töne mehr. Worüber man eigentlich nicht mehr reden kann, muss man sprechen (lassen), wenn man Dichterin ist. Sprechen, sagen, aussagen gar? "Kein Licht", und was an diesem als ziemlich reichhaltig empfundenen Abend um diese "Sprechoper" gruppiert ist, kann man als einen Versuch des Ausbüchsens aus der Sprachlosigkeit über vielspurige Wort-Autobahnen beschreiben.

In "Kein Licht" hat das Richtung und Energie. Die Erste Geige, deren Töne sich im Wortsinn in Luft aufgelöst haben, im Un-Raum verschollen sind, wird akkompagniert von der Zweiten Geige, die von sich sagt, sie sei "nur die Begleitung, aber von welchem Ereignis?" Herrlich vage bleibt dieser Ereignis-Kern in "Kein Licht", imaginiert Raum. Eine Assoziationskettenreaktion. Durchgeknallter schneller Brüter für faule Eier. Die Wort-Jongleurin Jelinek beim artistischen Chill out nach der nuklearen Mittagshitze.

Die konkrete Textverteilung ist Sache des Regisseurs, und zwar auf fünf junge Damen. Besonders stark sind sie, wenn sie auf Unisono machen. Das ist tonlich wundersam synchron und präzis. Aber jede der Frauen ist in ihrer Gestik und Mimik auch höchst individuell. Fünf brillant satzquirlende Eigenbrötlerinnen, die alle schicksalshaft zusammengezwungen sind in bange Erwartungen und unscharfe Mutmaßungen. Da könnte einem zur österreichischen Dramatikerin der österreichische Symphoniker Franz Schubert einfallen, bei dem die heitersten Tanzmelodien beständig in Moll-Abgründe purzeln. Zwielichtig. Vielschichtig. Beängstigend und doch irgendwie heiter.

Die Jelinek'schen Texte sind per se Musik. Auch der Komponist Jonas Kocher lässt es ganz, ganz dezent im Hintergrund gelegentlich grummeln. Mehr subkutan zielt das auf (ferne) Bedrohung. Im Chor der Sprecherinnen hat die "Zweite Geige", Gina Mattiello, oft das eigentlich erste Wort: Sie ist eine geeichte Stimmperformerin und wird als mitverantwortlich für die "musikalische Konzeption" genannt. Viel von der vokalen Brillanz dieser "Sprechoper" mag also auf ihr Konto gehen.

Quasseln und Aussagen-müssen

Der "Dom im Berg" als Spielstätte. Man darf sich keine Naturkathedrale drunter vorstellen. Die Felshalle ist eine Event-Location im Luftschutz-Stollensystem unter dem Schlossberg (fast exakt unter dem Uhrturm). Das könnte ein metaphorischer Ort sein, leichte Gänsehaut verursachen. Aber der Raum spielt trotzdem als solcher nicht mit, die Produktion ist auf Übertragbarkeit justiert.

Der Regisseur und Leiter des dramagraz, Ernst Marianne Binder, hat sich und sein Unternehmen dem literarischen Theater verschrieben, die "Ehrfurcht vor dem gesprochenen Wort" quasi in die Statuten gegossen. Vielleicht deshalb gruppiert er hier zwei Riesenmonologe vor und hinter die abgründige Burleske, das musikalische Katastrophen-Rüpelspiel. Da ist zuerst die Jelinek selbst, als Stimme aus dem Off. Gerade weil sie sich selbst so ganz und gar nicht lesen kann, ist die Eloge auf Reden und Sprechen, auf Quasseln und Aus-Sagen müssen, ein wenig entlarvend. Wir wollen der Literaturnobelpreisträgerin ja nicht zu nahe treten – aber vielleicht überschätzt sie gelegentlich die Dauer-Not zur eigenen (Ent)Äußerung.

Hang zum Artifiziellen

Der zweiten Monolog des Abends nach der vom Regisseur angesagten, etwas überraschenden Pause (man wähnte die Sache abgeschlossen) ist Klage – Anklage und Lamento. Libgart Schwarz ist "Eine Trauernde". Auf dem Wasser suggerierenden Spiegelgrund ist jetzt eine Inselfläche abgegrenzt, Steine liegen da. Die sammelt die unattraktiv gekleidete Frau mit einer Tortenzange, bildet einen kleinen Grabhügel, zündet eine Kerze drauf an.

kein licht3 560 dramagraz uEine Trauernde: Libgart Schwarz  © dramagraz

Da ist die Katastrophe, das gemachte Unglück ganz konkret das Thema. Wer übernimmt Verantwortung, oder eben nicht? Der Monolog nimmt tendenziell Thomas-Bernhard'sche Dimensionen an. Vielleicht, weil die Schauspielerin denn doch nicht ganz das Format hat für so etwas und sich Ausstrahlung erst nach und nach einstellen will, wirkt die Sache dennoch zäh. Und wieder an die Adresse der Autorin: der Hang zum artifiziellen Zitat-, Metaphern- und Wortspiel lässt einen drüber nachdenken, ob gutes Gewand nicht doch nach Stoff verlangt und nicht bloß nach zusammengenähten Marken-Etiketten.

 

Kein Licht
Sprechoper von Elfriede Jelinek
Inszenierung/Raum: Ernst Marianne Binder, Musik: Jonas Kocher, Ausstattung: Vibeke Andersen, Sprechtraining: Ninja Reichert, Dramaturgie: Angela Bürger / Silke Felber.
Mit: Ronja Jenko, Eva Kessler, Mona Kospach, Gina Mattiello, Ninja Reichert, Libgart Schwarz, Werner Halbedl.
Dauer: 2 Stunden, 20 Minuten, eine Pause

dramagraz.mur.at
www.kosmostheater.at
www.spielstaetten.at
www.musikfestivalbern.ch

 

Die Uraufführung des Stücks inszenierte Karin Beier im September 2011 am Schauspiel Köln.

Kommentar schreiben