Epos einer Ankunft

von Philipp Ramer

Zürich, 26. September 2013. Vor rund einem Monat hatten die neu berufenen Leiter des Zürcher Theaters am Neumarkt zur Spielplankonferenz geladen. Peter Kastenmüller (Direktor) und Ralf Fiedler (Chefdramaturg) präsentierten kein klassisches Programm, sondern drei "Plattformen", drei eigenständige Themenkreise, welche die Saison 2013/14 bestimmen werden. "Offene Stadt" heißt der erste Schwerpunkt (September bis Dezember), "Glück" der zweite (Januar bis März); "No Markt – Wir demontieren!" lautet das vielversprechende letzte Motto.

Bei der "Offenen Stadt" soll es um die großen Themen des urbanen Lebens gehen, um Bewegung und Migration, um Wachstums- und Transformationsprozesse. Zuvörderst allerdings, so heißt es im schmucken Programmbüchlein, stehe die "Palette der Möglichkeiten der Ankunft", die jede Stadt ihren Neuankömmlingen bietet. Selbst zu Letzteren gehörend, versucht sich das Duo Kastenmüller / Fiedler zu Beginn der Spielzeit an einem "Epos einer Ankunft": "Rocco und seine Brüder", eine Adaption des späten Neorealismo-Klassikers von Luchino Visconti (1960).

Bruchlandung in der Großstadt

Die Geschichte der Witwe Rosaria, die mit ihren vier Söhnen aus dem armen Süden Italiens ins reiche Mailand zieht, wo ihr fünfter Sohn – bereits vor Jahren ausgewandert – den Brüdern zu Arbeit verhelfen soll, ist keine glückliche. Schon die Ankunft der Familie am Bahnhof ist eine Bruchlandung; binnen weniger Jahre zerschellt sie vollends an der sozialen Realität der Großstadt. Das könnte den Stoff für einen fulminanten Saisonauftakt ergeben.

rocco 560a casparurbanweber uFrau mit Ankommenden. © Caspar Urban Weber

Nun, zwei Dinge zu dieser Aufführung gleich vorweg. Erstens gelingt ihr, was nur wenige Inszenierungen schaffen: Sie bringt es fertig, einen rund dreistündigen Film auf knapp eindreiviertel Theaterstunden auszudehnen. (Richtig gelesen: Die Adaption ist halb so lang wie die Vorlage, aber doppelt so langatmig.) Zweitens: Wer den Film nicht gesehen hat, wird die Bühnenhandlung nicht nachvollziehen können. Und wer ihn gesehen hat, dürfte hier Manches erst recht nicht verstehen.

Wieso, weshalb, warum?

Wieso etwa wirken in der Neumarkt-Inszenierung die Figuren, namentlich die Familienmitglieder, derart unscharf, konturlos? Selbst die Nebengestalten im Film sind profilierter als die Protagonisten hier auf der Bühne. Gerade weil die fünf Brüder Vicenzo, Simone, Rocco, Ciro und Luca fünf sehr verschiedene (und nicht so sehr schillernde, als vielmehr eindeutige) Charaktere sind, wäre mehr – und präzisere – Zuspitzung nötig gewesen. Die zentralen Konflikte zwischen den auseinanderstrebenden, und doch "wie fünf Finger einer Hand" verbundenen Geschwistern, namentlich der fatale Zwist von Rocco und Simone, hätten sich dadurch konsequenter und glaubwürdiger entwickelt.

Wieso wird der Film hier andererseits einfach von Anfang bis Ende treulich nachbuchstabiert, reproduziert? Anstatt die Handlung vollumfänglich nachzustellen und in weiten Teilen – vermittels Regieanweisungen – nachzuerzählen, hätte man mehr auf theatergerechte Spielsituationen setzen können. Man hätte sich beschränken sollen: auf die zentralen, sinnstiftenden Szenen, welche die Handlung vorantreiben; auf konkrete Konstellationen in exemplarischen Momenten. (Gelesene Regieanweisungen, wie sie hier bisweilen vorkommen, hätten dabei nicht gestört.)

Und wieso entfacht man über der in Pappmaché- und Schaumstoff-Ästhetik gehaltenen Bühne ein beständig donnerndes, multimediales Effektgewitter? Das Blinken und Blitzen in allen Farben, Surren und Sausen in allen Tonhöhen, Zucken und Zappeln auf Videoscreens und Leinwänden beweist zwar eine funktionierende Theatermaschinerie, weniger aber inszenatorisches Feingefühl.

Dezent gewaltfrei

Freilich – es gibt auch die schönen, starken Momente. Gleich zu Beginn etwa, als der jüngste Bruder die italienischen Regieanweisungen des Filmbeginns ins Mikrofon spricht. Auf den Leinwänden über den Sitzreihen ist dazu ein Filmstill des Mailänder Bahnhofs zu sehen, auf den kleineren Monitoren läuft die deutsche Übersetzung des Texts.

Gelungen, nämlich dezent und gewaltfrei gehalten, sind auch die intensivsten, brutalsten Szenen. Die Vergewaltigung der von Simone und Rocco gleichermaßen begehrten Nadia zum Beispiel oder die lautstarke, tränenreiche Klage über deren Tod werden nur angedeutet respektive – hier passt es! – referiert. Die Spieler stehen dabei meist in räumlicher Distanz zueinander; wo es doch zum Nahkampf kommt, spritzt das Blut, zugleich harmlos und effektvoll, aus der Sprühflasche.

Kastenmüller und Fiedler sind mit ihrer ersten Inszenierung bauchgelandet; beim Premierenpublikum kommen sie trotzdem gut an. Die "Offene Stadt" wird mit offenen Armen empfangen: Willkommen in Zürich!

 

Rocco und seine Brüder

nach dem Drehbuch des Films von Luchino Visconti

Regie: Peter Kastenmüller, Raum: Michael Graessner, Kostüme: Karoline Bierner, Video: Tobias Yves Zintel, Musik: Pollyester, Dramaturgie: Ralf Fiedler.
Mit: Emre Aksizoglu, Martin Butzke, Maximilian Kraus, Janet Rothe, Yanna Rüger, Jan Viethen.

www.theaterneumarkt.ch

 

Wie andere den Film von Luchino Visconti für die Bühne adaptierten? Am Berliner Maxim Gorki Theater nahm sich Antú Romero Nunes (Mai 2011) den Stoff vor. Und Ivo van Hove zeigte ihn 2008 auf der Ruhrtriennale.


Kritikenrundschau

Bei Kastenmüller erhalte Viscontis "Geschichte von den Gräueln in der Grossstadt" etwas "Leichtes, Luftiges und gleichzeitig etwas Gegenwartsbeschwertes, Globalisierungsgeschädigtes", schreibt Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger (28.9.2013). Das Ensemble leiste "einen beeindruckenden Kantengang aus Figurenzeichnung und Abstraktionstheater." Die Spieler rufen die Bilder des Films ab, ohne sie zu kopieren – und sie nutzen so seine Emotionalität, ohne sie zu illustrieren." Viscontis Realismus werde mit "theatraler Selbstreflexion, die nie in Klamauk kippt", übermalt. Manchmal sei der Abend gar zu schön. "Ein bisschen weniger Perfektion, ein bisschen mehr Hitze und ein bisschen weniger Kühle hätte man von Kastenmüllers Start schon erwartet."

Dieser Abend sei "letztlich ein affirmativer hundertminütiger Verweis zum Film", schreibt Claudio Steiger in der Neuen Zürcher Zeitung (28.9.2013). "Weil der so gut ist, wird er 1:1 simuliert." Wobei das Theater dabei "wohl nur verlieren" könne. Die Atmosphäre des Films und seine Mittel seien uneinholbar. In der Sicht des Kritikers sind "die Mischung aus Chorfunktion und Regieanweisungen, mit der oft nur vorgelesen wird, was jetzt passieren würde", in der Inszenierung unnötig, ebenso "der Tingeltangel aus Licht und Ton, der sich oft genug in den Raum ergiesst." Zu wenig konzentriere sich der Regisseur auf die Charaktere.

Von einer geglückten "Gratwanderung" spricht dagegen Elisabeth Feller in der Aargauer Zeitung (28.9.2013). Kastenmüller akzentuiere die Geschichte anders als der Film, der "starkes Gewicht auf die brodelnden Emotionen der Figuren legt". Bei ihm kontrastierten Videoszenen das Gezeigte. Mit seinen "visuellen, musikalisch angereicherten Elementen zollt der Regisseur Viscontis Film zum einen Reverenz, grenzt sich zum anderen von diesem ab." Durch die Zitate aus dem Drehbuch würden leichte Rollenwechsel und Kommentierungen ermöglicht – "ein feiner dramaturgischer Kniff".

Ein "packendes Stück, das keinen Augenblick lang den Film imitiert", hat Urs Bugmann für die Neue Luzerner Zeitung (28.9.2013) gesehen. "Regie und Ensemble zeigen mit ihren Theatermitteln ihre eigene Geschichte – vom Wunsch nach Ankunft und vom Schicksal der Entwurzelung." Dabei übernehme die "Theatererzählung" die "Struktur des Films, übersetzt seine Atmosphäre in eine härtere, unsentimentale Musik (Polyester) und setzt auf Andeutung und Vorstellung."

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