Blutkuchen angerührt

von Tim Schomacker

Bremen, 29. November 2013. In der Manier eines Industrial-Konzerts holt uns diese Aufführung am Eingang ab. Kunstnebel im Bühnenraum, dazu ortlose Drones. Vom Band spricht Christoph Schlingensief über seine Erkrankung. Doch seine Stimme ist akustisch verpixelt. Auf einem Monitor ist die fast dunkle Bühne zu sehen. Dann Bilder von Kindergesichtern in Schwarzweiß, mit schroffen Konturen, fast wie in einem Laibach-Video. Ein Schriftzug fährt über die schwarze Hinterbühne: "Die Leiden des kleinen Horsti nach der nobelten Evangelisti J. (UA)". Regisseur Mirko Borscht lässt keinen Zweifel, dass er es dunkel meint mit dieser Elfriede-Jelinek-Uraufführung. Der mittleren von immerhin dreien, die sich das Theater Bremen für die Jahre 2013 bis 2015 sichern konnte.

tod-krank.doc002 560 joerg landsberg uHalb Industrial, halb barocke Fantasie: das Bremer Ensemble engelsgleich als Schuldverstrickungsgesellschaft © Jörg Landsberg

"Da hält mir das Leben so einen Schmierzettel vor", heißt es hier. Und so soll es dann auch aussehen. Was zunächst ganz gut funktioniert. Langsam bewegen sich aus dem Bühnenhintergrund fünf Figuren in kunstvoll zerschlissenen weißen Kleidern nach vorn. Wie eine Mauer aus Zombies – mit Blick zumal auf den Roman "Die Kinder der Toten" ein durchaus stimmiges Bild für Teile des Jelinek-Kosmos – bleiben sie vor Mikrophonen stehen. Und beginnen zu sprechen. "Und jetzt ist das also alles kaputt, was ich mir so mühsam ausgedacht habe." Polierte Sprachflächen sind hier, das wird schnell klar, nicht zu erwarten. Auch keine Chöre.

Wir wie im apostolischen Glaubensbekenntnis

Aus dem Konvolut "Tod-krank.Doc" ist bisher einzig der Teil "Im Bus" zu sehen gewesen, 2010 bei Karin Beier in Köln. Inspiriert vom Unglück beim U-Bahn-Bau in München, das die Bauarbeiter unversehens zu Totengräbern umfunktioniert, bildet es hier den Mittelteil. Eine knappe Überleitung zwischen dem an Schlingensiefs Lungenkrebsleiden orientierten Beginn und der abschließenden Reflexion über den "Fall" Josef Fritzl, der seine Tochter Jahrzehnte im Keller gefangen hielt, missbrauchte und mit ihr Kinder zeugte. Allesamt entstanden aus einer Zusammenarbeit mit Schlingensief für dessen "mea culpa"-Unternehmung im Nachgang zur Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.

Jelineks Texte handeln bekanntlich weniger von etwas, als dass sie die äußeren Anlässe umkreisen, sie belauern, sich in sie hinein schrauben, fräsen, ätzen. Es fällt auf, dass in "Tod-krank.doc" wahnsinnig viel "Ich" gesagt wird. Das Subjekt erscheint hier – wie das "wir" im apostolischen Glaubensbekenntnis – als Vergebener und Schuldiger zugleich.

tod-krank.doc005-hoch 280 joerg landsberg uIm Zombi-Club: Lisa Guth (im Vordergrund)
und Ensemble © Jörg Landsberg
Im Barock findet Borschts Bildbearbeitungsprogramm reichlich passendes Futter zur Übersetzung der Wort-Ringel und -Ranken. Aus einer Oper (oder einem Oratorium, was noch besser zu dieser Kirche der Schuld passen würde) werden Arien und Rezitative geborgt – wobei das luschig gegen die Singstimmen geatmete Vollplayback einiges nimmt vom Zauber der opernhaft statischen Tableaus. Aus den höllischen Bildwelten von Hieronymus Bosch oder Pieter Breughel borgt sich Borscht das Wimmelnde und überdetailliert Unübersichtliche. Und offenbart dabei Schwierigkeiten mit den Proportionen seiner eigenen Theater-Form: Eine Eingeweide-Essenschlacht-Massenkampfszene im grellen, vernebelten Gegenlicht und zu langsamen Metal-Bögen kann sich nicht entscheiden, ob sie tatsächlich sehr lang sein will – oder eben doch nur so tun, als ob. Eine Geburtsszene, in der einem Darsteller geraume Zeit ein gigantischer Luftballon-Bauch unterm Kleid aufgepumpt wird, verläppert, weil man sich zum ganz großen Knall doch nicht entschließen mag. Eine gewaltsame Augenamputation (in einem der drei hübsch-symbolischen, hoch über der Bühne baumelnden Plexiglaskästen) verebbt im vagen Kunstblut-mit-Gebrüll. Ihre Parallelaktion im statischen Heilige-Familie-Bild im Bühnenvordergrund geht unter, weil man da bereits die Lust verloren hat an der aufgezwungenen Entscheidung, wo man hinschauen, was man verfolgen soll oder will.

Barocke Falten

Selbst wenn man den Versuch der totalen Ästhetisierung von Schrecken und Schuldverstrickung und Subjet-Schächten als (nicht einmal kleinen) gemeinsamen Nenner annimmt: Borschts Bildbearbeitungsprogramm ist irgendwann nicht mehr in der Lage, die verschiedenen Strategien zu prozessieren, die er sich als Matrizen ausgesucht hat. Industrial-Düsternis, performative Konfrontation (wenn auch nie so selbstverletzlich ausgesetzt wie bei Schlingensief) und barocke Falten – das ist mindestens eine Strategie zu viel.

Das beachtliche Konzentrations- und Energie-Level der ersten Bilder kann Borscht nicht halten. Mit angenehm unkunstvollen Sprechstimmen hat die Reihe von Zombies zu Beginn im "Blutkuchen" herumgerührt, Jelineks Leitmotiv für den lungenkranken Körper. Und dann sind sie, einer nach dem anderen, von Bühnenarbeitern mit Flauschflügeln versehen und Richtung Schnürboden gezogen worden. Mit dieser unter blutroten Spots baumelnden Schuldverstrickungsseilschaft, schien der Raum selbst zu pulsieren. Schön, präzise, überwältigend. Doch ab hier wirkt vieles wie der Schmierzettel, von dem Jelineks spricht. Dabei hätte diesem motivischen Skizzenpapier eine performative Reinschrift folgen müssen.


TOD-KRANK.DOC (UA)
von Elfriede Jelinek
Regie: Mirko Borscht, Bühne: Christian Beck, Kostüme: Elke von Sievers, Licht: Joachim Grindel, Video: Mirko Borscht, Dramaturgie: Regula Schröter.
Mit: Karin Enzler, Betty Freudenberg, Lisa Guth, Michael Janssen, Susanne Meyer, Gabriele Möller-Lukasz, Matthieu Svetchine.
Dauer: 2 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-bremen.de


Den Text Tod-krank.Doc hat Elfriede Jelinek auf ihrer Website in der Rubrik "Theater" veröffentlicht.


Kritikenrundschau

Mit "Textflächen", die Jelinek "dem Theater mehr zumutet als anvertraut", habe man es hier wieder zu tun, schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.12.2013). "Monologisch schweifen sie umher, um mit vielen Wortspielen, naheliegenden wie auch abwegigen, erhellenden oder nur kalauernden, einen stark repetitiven, raunenden Sog zu entwickeln, der sich in biblischen, antiken und nationalen Allusionen ergeht." Mirko Borschts Inszenierung ziehe "so ziemlich alle Register, um Elfriede Jelineks dazu ganz unbestimmten Text zum opulenten Multi-Media-Spektakel aufzudonnern." Die Regie liefere eine "Inflation der Einfälle" und einen Beweis: "In dem Versuch, den Einschüchterungsgestus der Vorlage zu überbieten", bescheinige diese Uraufführung Jelineks Text "ebenso paradox wie anmaßend seine Unspielbarkeit".

Als "Mittelding zwischen Okkultismus und Handwerksmesse" erscheint Till Briegleb von der Süddeutschen Zeitung (2.12.2013) diese Uraufführungsinszenierung. Borschts Assoziationen seien zwar allesamt aus dem Jelinek-Text abgeleitet. "Aber die Liebe von Mirko Borscht zum sektiererischen Spektakel gefällt sich doch meist so selbst, dass man froh ist, wenn endlich wieder ein etwas komplizierterer Text kommt." Der Regisseur habe sich hier einen "primär unabhängig" existierenden Parallelkosmos geschaffen. "Trotz der punktuellen Verknüpfung existieren Wort und Bild in diesem Spektakel wie zwei Fremdkörper nebeneinander her."

"Borscht geht es wenig um Jelineks Text, der akustisch oft ungenau vom siebenköpfigen Ensemble vermittelt wird", schreibt Bernhard Doppler im standard (2.12.2013). Immer wieder neue dunkle Bilder und Klänge bedrängen den Zuschauer: Neben Barockmusik dröhnende Heavy-Metal-Klänge, Videoeinblendungen mit Schwarz-Weiß-Comics, Schlachten mit Gedärmen und Nabelschnüren, sicherlich auch überraschend leise und stille Momente, doch vor allem: Nebelschwaden. "Christoph Schlingensief hatte eine seiner letzten Arbeiten 'eine Kirche der Angst vor sich selbst' genannt. Das könnte auch für die Bremer Uraufführung stehen. Erklärungen und Erlösungen bietet Mirko Borschts Theater nicht, aber zumindest eine ziemlich gruselige Show."

"Ein bisschen zu sehr verliebt sich" Regisseur Borscht "in seine Bilder", in "den Pomp die Motivik", findet auch Andreas Schnell in der Kreiszeitung (2.12.2013). Er nähere sich dem Text mit mit "viel Nebel, Lautstärke und ikonischen Bildern" und auch mit "Chuzpe". Aber bei den eingesetzten Mitteln, fühle man sich "nicht selten an allzu bewährte Schock-Strategien erinnert, die in den achtziger Jahren populär waren". Problematisch sei auch, "dass über all dem visuellen Gelärme die Sprache ein bisschen zu oft unter die Räder kommt".

Starke Bilder "sowie ein beeindruckendes musikalisches Potpourri von Domenico Scarlatti bis hin zu Achtziger-Jahre-Techno" hat Alexander Schnackenburg von der Nordsee-Zeitung (2.12.2013) erlebt. Doch wirken sie auch für ihn "aufgesetzt". Am Schluss der Aufführung bleibe "ein sichtlich erschöpftes Ensemble und ein nicht minder kaputtes Publikum" zurück.

Von einigen Ausrutschern und Zumutungen im Laufe des Abends abgesehen, gelinge Borscht ein Tableau des Grauens, so Stefan Grund im Hamburger Abendblatt (3.12.2013). Neben die Verstörung habe der Regisseur die Text-Illustration gestellt, "friedlich-grausame Todesbilder entrollen sich asuf ihrem Weg vom Himmel durch das Leid zur Hölle", ein waches Gefühl für die menschliche Zerbrechlichkeit ist das Ergebnis.

Anderer Meinung ist Benno Schirrmacher in der tageszeitung (3.12.2013). Borscht traue dem Text nicht, "traut sich nicht, die Verwirrung zu offenbaren, in die dieser ihn gestürzt hat. Und überspielt sie mit Testikeltheater: Kunstblut spritzt, Bühnennebel wabert, noch mehr Bühnennebel wabert, Stroboskop gewittert, Gedärm wird geschleudert und Sprache - oh Mannomann! Darauf zu achten hat er ganz vergessen. Oder keinen Bock gehabt: Sie wird meist lustlos gebrüllt und frustig geleiert."  Dabei ließe sich gerade über die Sprache "im Bösen die Komik" finden, "im Grauen die Zärtlichkeit".

An diesem Abend gingen "der Text und die Bühnenperformance einen regelrechten Wettlauf miteinander" ein, meint Alexander Kohlmann auf Deutschlandfunk (1.12.2013). "Der Zuschauer wird dabei durch das auf ihn einprasselnde visuelle und akustische Material völlig überfordert. Und durch die Kraft der Schauspieler, die sich das Todesthema regelrecht zu eigen gemacht haben, gezwungen sich selbst zu dem morbiden Geschehen auf der Bühne in Bezug zu setzen." So ganz werde man "dabei allerdings nicht den Eindruck los, dass hier auch ein inszenatorisches Wegrennen vor einem Text stattfindet, der seine Schwächen hat." Und so sei hier ein "spektakulärer Sieg der anarchischen Bilder über die etwas abgehangenen Texte zu bewundern. Und eine kraftvolle Performance an, der der verstorbene Schlingensief wahrscheinlich seine Freude gehabt hätte."

Als "überbordendes Bildertheater" empfand auch Iris Hetscher vom Weser-Kurier (online 30.11.2013) diese Inszenierung. Doch herrsche hier ein "Zuviel an Bildern und Tönen". Zudem "birgt der Text genug an unterschiedlichen Stimmen und Stimmungen, auf der Bühne müsste dazu nicht gleich an drei Stellen Action (und Musik und Video) sein. Das führt unter anderem dazu, dass man die Schauspieler teilweise schlecht versteht – gerade bei einem Konzept, dass so stark mit Reizüberflutung spielt, wäre deutliches Sprechen mehr als notwendig."

 

 

Kommentar schreiben