Sehnsucht nach Leben

von Stefan Keim

Köln, 31. Januar 2014. Wer ist noch mal wer? Gleich zu Beginn von Mario Salazars neuem Stück "Die Welt mein Herz" erfahren wir die Vorgeschichten von vier verschiedenen Handlungssträngen. Als ob wir in eine Fernsehserie geraten wären, die schon ein paar Wochen läuft. Doch die Irritation vergeht. Denn schnell entwickeln die Szenen um Welt-, Lebens- und Sinnsucher zwischen New York, Berlin, Buenos Aires und Stendal-Süd ihren Sog.

Im Stile neuer amerikanischer Fernsehserien

Mario Salazar kann Dialoge schreiben. Sie klingen gleichzeitig pointiert und authentisch wie in guten Kinofilmen. Oder in den anspruchsvollen amerikanischen Fernsehserien wie "The Walking Dead" oder "Boardwalk Empire". Sie scheinen eine ästhetische Vorlage des Stücks gewesen zu sein. Handlungen laufen parallel, werden erst lose, dann immer dichter miteinander verzahnt. Vier Teile hat das Stück, vor jedem wird zusammengefasst, was zuvor passiert ist. In der Kölner Uraufführung konnte man das – wie vieles mehr – nicht erleben. Aber bleiben wir zunächst beim Text.

dieweltmeinherz1 560 klaus lefebvre uSchaut mal, sind wir nicht lustig: Niklas Kohrt zieht Guido Lambrecht und Nikolaus Benda unter dem gelben Kolonialschirm © Klaus Lefebvre

In einem Diner in der Bronx schmieden Latinos Zukunftspläne. Ein Paar will ein Kind kriegen, ein Mann träumt von einer neu zu gründenden Gemeinschaft, wie einst jene am Lagerfeuer, durch die im Onlinezeitalter wieder körperliche Begegnung ermöglicht werden soll. Ein analoges Facebook. In Berlin führen zwei alte Damen am späten Abend ihre Hunde Gassi. Sie haben eine bewegte Vergangenheit, eine hatte eine Liebschaft mit dem Gatten der anderen. Im Lauf des Stücks versinkt die Ex-Geliebte immer weiter in der Demenz, findet eine Vorladung der NSDAP aus dem Jahr 1933 und glaubt, sie solle vergast werden. Eine politisch völlig unkorrekte Szene mit garstig-groteskem Humor. Dann gibt es noch Amanda, die mit ihren Kindern in die Favelas von Buenos Aires reist und dort bei einem Zuhälter wohnt. Die vierte Handlungsebene zeigt zwei junge Deutsche auf verschiedenen Kontinenten, Steve und Janina aus Stendal-Süd, deren Dialog zunächst aus E-Mails besteht.

Mord und Melancholie

In all diesen Geschichten gibt es heftige Wendepunkte. Es wird gewissenlos gemordet, die Gefühle spielen verrückt, die Sehnsucht nach Leben lässt alle moralischen Schranken verschwinden. Mario Salazar bedient sich hemmungslos bei der Kolportage, lässt Wahrscheinlichkeiten außer Acht, setzt auf starke Effekte. Aber er tut das keinesfalls beliebig, stets folgen auf überdrehte Momente Szenen voll Poesie und Melancholie. Nie verliert das Stück sein Thema aus dem Blick, den verzweifelten Versuch ganz unterschiedlicher Menschen, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Auch in der Aufführung gibt es ruhige Momente. Aber viel zu wenige. Ganz am Schluss – nach zweieinhalb pausenlosen Stunden – sieht man die Serienmörderin Princesa (Nicola Gründel) zu Fuß auf die Grenze zwischen Mexiko und den USA zu taumeln. Ein Scharfschütze knallt sie ab, doch sie fällt nicht, nimmt die Schüsse hin, träumt weiter davon, New York zu erreichen. Den Ort, von dem sie am Anfang des Stücks aufgebrochen war und wohin sie sich nun zurück sehnt. Ein kraftvoller, surrealer Moment. So wie eine andere Szene in der Mitte des Stückes, als eine rückenkranke Frau und ein Polizist, die sich aus der Jugend kennen, ihre Liebe von einst wieder aufleben lassen. Da gibt es eine Ahnung von Gefühlen.

Fühlfaul am Text vorbei gewitzelt

Doch sonst treibt Regisseur Rafael Sanchez das Ensemble in überdrehte Brachialkomik. Die absurden Gags des Stücks verdoppelt und vergrößert er, stellt sie aus, als ginge es nur um eine Parodie auf Trashfilme. Die Schauspieler müssen mehrere Rollen verkörpern und machen einen großen Radau mit Kostüm- und Perückenwechseln, hüpfen in Unterhosen herum, grölen und brüllen. Es ist eine dieser Aufführungen, in denen junge Akteure ständig zu rufen scheinen: Schaut mal, sind wir nicht lustig? Dabei gerät das Wesentliche des Stücks aus dem Blick. Denn Mario Salazars Humor ist viel feiner. Im Text ist immer Mitgefühl und Sympathie für die Figuren zu spüren. Um diese ernsthafte Ebene, durch die der Witz erst Biss bekäme, drückt sich Rafael Sanchez denk- und fühlfaul herum.

So ist die Qualität des Stücks in dieser Uraufführung nur ansatzweise zu entdecken. Es wäre dringend nötig, "Die Welt mein Herz" nachzuspielen und sich auf die besondere Ästhetik des Textes einzulassen, die Episodenform, die den amerikanischen Serien abgeschaute Art, Geschichten zu erzählen. Zumal Salazar laut Programmheft schon an einer Fortsetzung schreibt.


Die Welt mein Herz (UA)
von Mario Salazar
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Sara Giancane, Kostüme: Heidi Fischer, Video: Sebastian Purfürst, Musik: Knut Jensen, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Jens Gross.
Mit: Mohamed Achour, Nikolaus Benda, Niklas Kohrt, Nicola Gründel, Larissa Aimée Breidbach, Guido Lambrecht.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

"Wie in einer Soap hält die verschiedenen Handlungsstränge nichts zusammen, außer einer Grundstimmung, einem Milieu, einem vagen Oberthema", schreibt Tobias Becker auf Spiegel online (3.2.2014). "Man muss annehmen, so verrückt es klingt, dass Salazar das alles mit Absicht so angelegt hat. Von wegen Authentizität und so." Gelungen sei es deshalb noch lange nicht. Das Uraufführungsteam um Regisseur Rafael Sanchez hätte das Stück gar nicht retten können: "nicht mit dem gelungenen Bühnenbild, (…), nicht mit den schmachtenden Gesangseinlagen der Schauspieler, die der Soap einen Hauch von Telenovela verpassen. Nicht mit dem Kniff, manche Rollen gegengeschlechtlich zu besetzen." Beckers Fazit: "Es soll einfach nicht sein an diesem Abend."

Die Geschichten, die Salazar erzählt, müssen immer Allegorie sein, seine Figuren mit den sprechenden Namen immer symbolhaft für etwas stehen, schreibt mfk in einer Kurzkritik für die Rheinische Post (3.2.2014). Regisseur Sanchez wolle diesen bildschweren Text in Fluss bringen, indem er sein Ensemble wüten lasse. Irgendwann auf der Hälfte der überdrehten und doch zähen zweieinhalb Stunden ohne Pause rollten sie Kleiderstangen auf die Bühne und wechselten munter Rollen, Geschlechter und Orte. "Bis der Zuschauer den Überblick verliert und jedes Interesse am Stück verloren hat."

Als "Sammlung von Geschichten" bezeichnet Marion Troja das Stück von Salazar in der Westdeutschen Zeitung (3.2.2014). Rafael Sanchez habe es "mit guten Schauspielern, aber ohne überzeugendes Konzept" uraufgeführt. Troja vergibt 2 von 5 Sternen an die Regie, 4 an die Schauspieler und 3 an die Bühne.

Rafael Sanchez' Inszenierung nimmt Fahrt auf, so Marion Ammicht in der Süddeutschen Zeitung (4.2.2014). "Nicht nur Nikolaus Benda landet in seiner dritten Rolle als Waltraud mit Dreißigerjahre-Hütchen und üppigem Zottelpelz einen Knaller nach dem anderen, sondern auch Niklas Kohrt, der eine echte Entdeckung unter den Kölner Männer-in-Frauenkleider-Darstellern ist." Hier zünden Salazars aberwitzige Dialoge, die derartige Haken schlagen, dass sich philosophisches Erstaunens über die Relativität von Wahrnehmung einstelle.

 

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