Im Schatten der Krise

von Martin Thomas Pesl

Wien, 20. März 2014. Etwas Einzigartiges hat am Burgtheater stattgefunden: ein Festival mit Schwerpunkt auf einem anderen Land. Wie sehr das Ungarn-Festival angesichts anderer Geschehnisse ins Hintertreffen geraten würde, war nicht zu ahnen, als sein Programm Mitte Februar in einer Pressekonferenz des Burgtheaters im Detail angekündigt wurde. Die Reporter kamen in großer Zahl, ihre Fragen blieben auch brav ungarnzentriert, eigneten sich aber nicht dazu, Burgchef und Festivalmitanstoßer Matthias Hartmann als Retter der ungarischen Kultur zu profilieren, sondern gingen eher in Richtung: Warum lädt man gerade diese Gruppen ein, die eh schon fleißig touren und daher vielleicht nicht so stark existenzbedroht sind wie andere? Und: Was kostet das denn jetzt? Kurz zuvor hatte Attila Vidnyánszky, der Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, das Gastspiel seiner "Johanna auf dem Scheiterhaufen", die im Programm schon mit leicht naserümpfender Konnotation als "spektakuläre Inszenierung mit großen Chören" annonciert worden war, wegen der finanziellen Unsicherheit am Burgtheater abgesagt.

Was von "Szene Ungarn" übrig blieb

Nachdem dem Festival in den folgenden Wochen zuerst sein Initiator und dann auch noch ein weiteres der eingeladenen Gastspiele, jenes von Krétakör, abhanden kam, hätte es wohl niemanden gewundert, wäre die Veranstaltung gänzlich abgeblasen worden. Aber Andreas Erdmann, der zuständige Dramaturg, zog es durch und präsentierte, was von "Szene Ungarn" noch übrig war: im Endeffekt drei Gastspiele freier Gruppen, zwei Lesungen (eine davon ein kurios manierlicher "Konzeptgesprächsabend" anlässlich des ungarischen Nationalfeiertags am 15. März) und eine – ursprünglich zum Herzstück des Festivals erklärte und als mutige, alle Fragen klärende Friedenskonferenz von Wien erträumte – Diskussion über die Situation freier Gruppen in Ungarn.

ungarn-festival burgtheater 560 reinhard-werner aktuell-uDie Runde hätte ursprünglich größer ausfallen sollen – auf dem Podium diskutierten Gábór Máté (Direktor des Katona József Színház), Rubina Möhring (Moderatorin), Judit Csáki (Kulturjournalistin) und Bence Mattyasovszky (Verwaltungsdirektor Katona-József-Theater). © Reinhard Werner

Die Runde erwies sich freilich als größte Kuriosität. Anstatt acht eingeladener Diskutanten saßen drei am Podium. Neben der Kulturjournalistin Judit Csáki waren der Direktor des Katona József Színház, eines stehenden Budapester Theaters, und sein Verwaltungsdirektor anwesend, den er wohl aus Verlegenheit mitnehmen durfte, um die Kopfzahl zu erhöhen. Csaba Horváth von der Forte Company habe es, wie erklärt wurde, wegen des starken Sturms nicht nach Wien geschafft. Dafür meldete sich aus der ersten Reihe Tamás Ascher zu Wort, derzeit Hausregisseur am Katona József. Drei Vertreter eines festen Hauses diskutierten also weniger über die Situation der freien Gruppen in Ungarn, als anschaulich, mit Galgenhumor und doch erfrischend unpolemisch darüber zu informieren.

Theaterklagelieder-Heraufbeschwörung

Es werde ja in Ungarn keine Zensur geübt, klärte man die Moderatorin Rubina Möhring auf, die immer wieder versuchte, die mittlerweile im Ausland schon lauter als in Ungarn selbst erklingenden Theaterklagelieder hervorzurufen. Gelder werden halt gekürzt, und der Direktor des Nationaltheaters entscheide auch für die Verteilung der Gelder mit. Ja, das sei ein Problem. Auch von Tendenzen zur Selbstzensur, einem raueren Umgangston und einer Durchpolitisierung des gesamten Alltagslebens in Ungarn war die Rede, deren Wurzeln allerdings durchaus weiter als bis zur Machtübernahme der Regierung Orbán zurückgehen. Man bescheinigte Attila Vidnyánszky gar künstlerische Experimentierfreudigkeit – während sein beliebter Vorgänger Róbert Alföldi eben gerade kein Mann der Avantgarde sei, so Csáki. Aber in den Medien und bestimmten Theatern sei man jetzt eben eher auf der Suche nach Helden und nach dem Hehren und Schönen, als handfeste gesellschaftliche Realitäten abzubilden.

Ungarn ist momentan irgendwie in, leidende ungarische Theatermacher sind es auch, und das dürfte ihnen wohl mittlerweile selbst ein bisschen auf die Nerven gehen. Die freie Szene sei allen Schwierigkeiten zum Trotz sehr lebendig, sagte die Kritikerin, sie habe sich daran gewöhnt, in Stiegenhäusern und Hinterhöfen Theater gucken zu gehen. Auf die Frage, was Proteststürme ausländischer Kulturpromis bewirken, wie sie vor zwei Jahren die Ernennung der Nationalradikalen Dörner und Csurka als Stadttheaterintendanten hervorgerufen hatte, meinte Tamás Ascher, wenn nicht gerade Wahlen anstünden, seien solche internationalen Aufschreie eher schädlich, weil man sie als weiteres "Die sind gegen uns" nutzen könne. Zwischen den Lagern finde einfach kein Dialog statt. Ein solcher hätte in Wien tatsächlich sehr spannend sein können. Wenn es denn funktioniert hätte und das vorgesehene Podium zustande gekommen wäre.

das-grosse-heft 280h gabor-dusaBeklemmend kluges Tanztheater: "Das große Heft" von Csaba Horváth © Gabor DusaDas ist es nicht. Und wir werden nie erfahren, wer ohne Burg-Krise aus welchen stürmischen Gründen abgesagt hätte. Sehr wohl zustande gekommen sind drei hervorragende Gastspiele vor durchaus zahlreichem und aufnahmefähigem Burgtheater-Publikum. Zwei der Produktionen wurden von nachtkritik.de schon gesichtet (Anamnesis, von Viktor Bodó an eben jenem Katona József Színház inszeniert, und Szutyok / Miststück von Béla Pintér). Die dritte ist tatsächlich als feine Entdeckung zu verbuchen: "Das große Heft" der Forte Company von Csaba Horváth erzählt mit Mitteln des Tanzes Ágota Kristófs düstere Geschichte eines Zwillingspaares nach, das sich mit Übereifer durch die Widerlichkeiten des Krieges am Dorf strebert. Die beklemmende formale Strenge und klug gestreute Leichtigkeit erinnert an die besten Arbeiten der Needcompany.

Gut gemeinte Extrameile

Tatsächlich war "Szene Ungarn" die erste in der Intendanz Hartmann zurückgelegte Extrameile, die nicht eine bequeme Weiterführung bewährter Konzepte aus früheren Städten oder reine Selbstinszenierung war. Sie mag aus persönlichem Trotz gegen den ungarischen Minister für Humanressourcen, Zoltán Balog, geboren sein. Sie mag mit minimalem Aufwand durchgeführt worden und im Vergleich zum international routinierten HAU, das wenige Tage zuvor ebenfalls ein Ungarn-Festival präsentierte, eher dürftig ausgefallen sein. Aber sie war erstmals: gut gemeint. Ironisch, dass ausgerechnet diese schlicht wichtige Geste des Aufmerksammachens auf eine interessante Theaterlandschaft nun das erste ist, was ohne Hartmann und nahezu unbemerkt über die Bühne geht.

Also reißen wir uns jetzt alle kurz zusammen und sagen brav im Chor: Danke, Andreas Erdmann, und ... ach, was soll's: Danke, Matthias Hartmann!

 
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