Der beste Eintopf der Welt

von Jan Fischer

Göttingen, 6. April 2014. In Göttingen weht nach "Candide oder: You Are (Not) In Wonderland. Eine Reise um die beste aller möglichen Welten" der Geruch von westfälischem Eintopf. Der Eintopf, bekam das Publikum ganz zu Anfang mitgeteilt, mache, sofern er richtig zubereitet würde, unsterblich. Außerdem bekäme das Publikum nun Voltaires "Candide" zu sehen, in der Bearbeitung mit diesem langen Titel.

Die drei Schauspieler – Elisabeth-Marie Leistikow, Gintas Jocius und Robert Oschatz – würden nun jeweils zehn Kapitel nacherzählen und spielen, während die anderen an der großen Wand da links eine thematisch passende Collage basteln und den westfälischen Eintopf kochen würden. Das da rechts zwischen dem Keyboard, dem Klavier, dem Laptop und den Mikrofonen, das sei übrigens Robert Hartmann, der sei für die Live-Musik zuständig.

Im eigenen Schloss

Der Ton ist von Beginn an ironisch: Die Vorzüge Westfalens als "Zentrum der Welt" werden hoch gelobt, die wunderschönen Wälder, und "Häuser gibt es nicht, jeder wohnt in einem Schloss."

Dieser Ton – immer ein bisschen drüber, immer übertrieben – deckt sich weitestgehend mit Voltaires "Candide", das ein parodistisches Werk ist. Im 17. Jahrhundert vertraten einige Philosophen, unter anderem Leibniz, die Auffassung, unsere Welt sei die beste aller möglichen Welten. Das, so argumentierten sie, sei gar nicht anders möglich, wenn sie von Gott geschaffen wurde. Tatsächlich führte diese Idee, was die Tatsache menschlichen Leidens betrifft, zu interessanten argumentativen Verrenkungen. Voltaire attackiert in "Candide" diese These und wirft exemplarisch eine so riesige Menge Leid in die Richtung seiner Hauptfigur, dass diese am Ende gar nicht mehr anders kann als von ihrer eigentlich festen Überzeugung abzurücken, sie lebe in der besten aller Welten.

Gesellschaftliche Düfte

Gleich zu Anfang schon riecht es in Göttingen nach angebratenen Zwiebeln, während Robert Oschatz loslegt. Sowohl Oschatz als auch der zweite Erzähler Gintas Jocius lösen ihre Aufgabe ähnlich: Sie sind Erzähler und Hauptfiguren, führen Dialoge mit sich selbst und wirbeln energetisch auf der Bühne herum, sind mal der eine, mal die andere, erleichtert wird das nicht dadurch, dass das Publikum auf zwei Seiten der Schauspieler sich gegenüber sitzt. Noch weniger erleichtert wird es dadurch, dass die Inszenierung wie die Vorlage auf Karikatur und Übertreibung setzt.

Während Oschatz seine Figuren improvisationstheaterhaft umreißt, setzt Jocius eher auf weniger Karikatur, singt dafür aber öfter mal. Schweiß fließt bei beiden reichlich. Und die dritte im Bunde? Da beginnt es, merkwürdig zu werden. Die Collage an der Wand zeigt mittlerweile verschiedene Syphilis-erkrankte Körperteile, ein paar Sprüche zum Thema Optimismus und jede Menge Text, im Eintopf köcheln Lauchzwiebeln und Möhren vor sich hin, und Elisabeth-Marie Leistikow setzt an, ihre zehn Kapitel zu erzählen.

candide 560 clemenseulig u Gesellschaftsspiele: "Candide" am JT Göttingen © Clemens Eulig

Und setzt erneut an und erzählt dann nicht die Geschichte von Candide weiter, sondern erzählt von sich – von der Frage, was der Text ihr bedeutet; davon, dass Candide am Ende aussteigt, sich nicht mehr von der Gesellschaft einen Wert auferlegen lassen will, sondern ihn sich selbst geben möchte, durch einfache Arbeit im Garten. Dass die beste aller möglichen Welten Einstellungssache ist. Und dann... ja, dann, als sie gerade wieder aus ihrem Monolog heraus versucht anzusetzen und die Geschichte weiter erzählen will, ruft jemand: "Ich glaube, die Suppe ist fertig." Und dann ist das Stück vorbei.

Halb formulierte Gedanken

"Beendet" passt auf jeden Fall nicht. Missglückt ist dem Ensemble aber auch nichts, und die Collagewand sieht am Ende nach einer Menge Recherche aus, nach einer Menge Gedanken des Ensembles um den Regisseur Robert Hartmann zu Ausstieg und der Frage, wie sich die Werte von Individuen und der Gesellschaft konstituieren. Lustig ist sicherlich richtig, in der Übertreibung liegt schon bei Voltaire große Komik, und "Candide oder: You Are (Not) In Wonderland. Eine Reise um die beste aller möglichen Welten" bringt eine Menge davon.

Problematisch wird es bei der Rückbindung an die Gegenwart, die Elisabeth-Marie Leistikow in ihrem Teil versucht. Nicht, dass sich der Text nicht an die Gegenwart andocken ließe, die Fragen, die er stellt – nach Sinn und Unsinn von Leid, nach der Art unseres Zusammenlebens – sind zeitlos. Aber irgendwie klappt in Göttingen dieser eine Gedankensprung nicht, bleibt der entscheidende Satz, ein Ende auf der Strecke. Übrig ist am Ende der ein oder andere halb formulierte Gedanke, und, klar, Eintopf. 

 

Candide oder: You Are (Not) In Wonderland. Eine Reise um die beste aller möglichen Welten.
nach Voltaire
Regie, Ausstattung, Live-Musik: Robert Hartmann (Prinzip Gonzo), Dramaturgie: Alida Breitag (Prinzip Gonzo).
Mit: Elisabeth-Marie Leistikow, Gintas Jocius, Robert Oschatz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.junges-theater.de

 

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Kritikenrundschau

"Die verkürzte Darstellung bringt leider sowohl den philosophischen Gehalt wie auch die Satire nur nach dem Vorbild schematischer Zusammenfassungen etwas blutleer auf den Punkt", schreibt Tina Lüers im Göttinger Tageblatt (7.4.2014), die sich entwickelnde Schraubbewegung knirsche im Getriebe, "besonders, wenn vermeintlich das Erzählgerüst auflockernde Gesangseinlagen für Heiterkeit sorgen sollen". Was bleibe, sei ein "lifestylehaftes Kratzen an den gesellschaftlichen Bedingungen", manchmal tagespolitisch oder moralisch  eingefärbt, (…) das an den Verhältnissen nichts auszusetzen habe, "schließlich kann man es sich ja immer noch irgendwo schön machen, mit Musik und gutem Essen."

Für den Zuschauer ist es in Teil eins nicht leicht, der Geschichte zu folgen, berichtet Valerie Schmidt in der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (7.4.2014). Der Part von Gintas Jocius sei der unterhaltsamste des Stücks. "Jozius karikiert den naiven Titelhelden tänzelnd und 'Dumdidum'-summend." Es werde klar: Candide sei überhaupt nicht in der Lage, irgendetwas in seinem Leben bewusst zu entscheiden. "Von der Welt überfordert, stolpert er von einer Katastrophe in die nächste."

 
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