Kein Faktor

9. September 2025. Pünktlich zur neuen Theatersaison starten auch wieder die Proteste gegen Kulturkürzungen. Richtig so! Der Punkt, der dabei am häufigsten ins Feld geführt wird, ist allerdings kontraproduktiv. 

Von Janis El-Bira

9. September 2025. In Berlin wird wieder protestiert. Natürlich gegen die Kürzungen, die auch im Haushalt 26/27 erheblich an der Kultur in der Hauptstadt kratzen sollen. Das Bündnis #BerlinistKultur hat für den 27. September zu einer Großdemo aufgerufen. Schon jetzt wurde eine Petition gestartet, die bereits von knapp 20.000 Menschen unterzeichnet wurde. Auch von mir. Ich finde es gut und richtig, dass die Menschen in der Kultur auf eine Politik aufmerksam machen, die auf Dauer kaum reparable Zerstörungen anrichten wird.

Ein Argument allerdings, fürchte ich, wird in der ganzen Diskussion nicht nur überschätzt, es ist womöglich sogar kontraproduktiv. Man liest es immer wieder, auch im aktuellen Petitionstext. Die Kultur sei "der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt", heißt es dort: "So reisen z.B. 61 Prozent der Berlin Tourist*innen wegen der Vielfalt an kulturellen Angeboten nach Berlin, übernachten in Hotels, essen in Restaurants und kaufen in Berliner Geschäften." Den Politiker*innen vorgehalten wird hier also die so genannte Umwegrentabilität von Kultur. Dass nämlich, kurz gesagt, ein*e Theater- oder Opernbesucher*in ja auch irgendwo schlafen muss, vor oder nach der Vorstellung etwas essen will und vielleicht auch mit dem Taxi zurück ins Hotel oder nach Hause fahren wird. All das wirft rund um eine Kulturveranstaltung zusätzliche Renditen ab, die als Steuern zurück in die öffentlichen Kassen fließen.

Sorry, Theater!

Natürlich ist das ein gewaltiges Argument: Kunst und Kultur sind nicht nur schön und gut, sie bringen auch richtig Kohle. Und weil Politiker*innen nun mal gerne aufs Geld schauen, kommt man ihnen am liebsten und hoffnungsvollsten mit dem Wirtschaftsfaktor.

Aber ist nicht genau diese zweckrationalistische Argumentation eine, die es am Ende eher leichter als schwieriger machen wird, der Kultur das Geld abzudrehen? Ist nicht genau da, wo jeder investierte und rentierte Euro dreimal angeguckt wird, auch immer die Möglichkeit gegeben zu sagen: Unser Lieblings-Wirtschaftsfaktor ist ab jetzt leider die Tech-Branche, die Gastroszene, die Nähe zum Spreewald. Sorry, Theater! Die Instrumentalisierung von Kunst für Stadtmarketing und Standortattraktivität schickt sie in einen Wettbewerb, für den sie sich nie angemeldet hatte.

Die Maßstäbe des Marktes

Und noch etwas: Das Argument vom Wirtschaftsfaktor Kultur wird vor allem von den Metropolen her gedacht. Für eine Berliner Initiative ist das nachvollziehbar, aber fragen Sie mal in einem Städtchen, in dem es zwar ein Theater, aber nach 21:30 Uhr keine warme Pizza mehr gibt, wie groß die Umwegrentabilität ist. Dort, wo Kultur also in erster Linie für diejenigen gemacht wird, die eh vor Ort wohnen, und wo sie kein Event ist, um das herum sich eine ganze Kette zusätzlich wertschöpfenden Konsumverhaltens gruppiert.

Die Logiken des Aufrechnens und der Marktgängigkeit mögen kurzfristig reizvoll erscheinen, um denjenigen einen Realitätscheck zu liefern, die Kunst für Luxus oder ein verschwenderisch gefördertes Hobby halten. Aber es ist doch ein Teil von Selbstverzwergung, immer und überall betonen zu müssen, dass man eigentlich ein Riese sei. Und wer vor allem auf das Wirtschaftsfaktor-Argument abstellt, wird sich mittelfristig auch an den Maßstäben des Marktes messen lassen müssen. Und der Markt, das wissen wir, regelt das. Auf welche Weise auch immer.

Kolumne: Straßentheater

Janis El-Bira

Janis El-Bira ist Redakteur bei nachtkritik.de. In seiner Kolumne Straßentheater schreibt er über Inszeniertes jenseits der Darstellenden Künste: Räume, Architektur, Öffentlichkeit, Personen – und gelegentlich auch über die Irritationen, die sie auslösen.

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Kommentare  
Kolumne El-Bira: Zustimmung
Ich kann dieser Kolumne nur beipflichten. Natürlich ist das Argument der „Umwegrentabilität“ dann am Platze, wenn ein kruder Steuergeldverschwendungsvorwurf im Raume steht, und, ja: ein gewaltiges Argument; aber das mit dem Wettbewerb, für den man sich nicht angemeldet hat, trifft die Sache aufs Haar (ich lieferte ich weiß bis heute nicht so recht: warum ?, desletzt einen NVÖ im Empathiethread, der an einer Stelle ganz ähnlich argumentierte: Es mag sein, daß Theater gesundheitsfördernd ist; will man aber daraus seine Existenzberechtigung und/oder Förderungswertigkeit schöpfen, greift auch hier das Konkurrenz- und Wettbewerbsargument, je mehr, desto monokausaler man darauf abstellt).
Und wie der Markt das „regelt“, zeigt sich mitunter sogar schon dort, wo er nicht viel zu regeln hat: in unserer Kieler Stadtbücherei zum Beispiel. Das schrieb ich hier schon öfter, wie hier das Abo der TheaterHeute eingestellt wurde aus markttypischen Gründen. Nichts gegen Tattoo-, Hunde- und Katzenmagazine; nur, wenn es davon gleich mehrere gibt, das Theater-Abo aber einkassiert wird, hat das mit dem Sinn des Öffentlich-Rechtlichen Sektors schon zu schaffen und, ja: mit Entsolidarisierung und Verfehlung von Aufgaben. So ähnlich dürfte der Markt es aber regeln, erst recht, wenn der Nichtmarkt schon vorauseilt..
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