The Saftladen

11. März 2025. In einer Mini-Serie werden diverse von der Dramaturgie gepflegte Feindschaften zum Rest des Theaters beleuchtet. Teil vier dieser kleinen Strukturkunde schaut seufzend auf die Beziehungen von Dramaturgie und Disposition. 

Von Wolfgang Behrens

11. März 2025.Das Gute am Theater ist, dass man nach dem Schuldigen in der Regel nicht lange suchen muss. Klar, es gibt auch Ausnahmen: Wenn eine Kulisse umkippt oder die Drehbühne nicht fährt, dann kann die Fehleranalyse schon einmal länger dauern.

Aber in allen anderen Fällen ist die Schuldfrage schnell geklärt, also in Fällen wie: Weshalb fehlt die Sängerin L. auf der Probe? Wieso ist zu wenig Zeit für den Bühnenaufbau vor der Abendvorstellung? Warum hat die Tonabteilung kein Mikrofon für die Premierenrede hingestellt? Weshalb ist keine Durchsprechprobe für "In der Einsamkeit der Baumwollfelder" angesetzt, obwohl das Stück schon vier Monate nicht mehr gespielt wurde? Und warum hat der Gastschauspieler K. im Hotel kein gutes Frühstück bekommen? Die Antwort lautet standardmäßig: Schuld ist das KBB.

KBB, was ist das?

Nun ist es zwar äußerst unwahrscheinlich, dass sich auf die nachtkritik.de-Seite jemand verirrt, der nicht am Theater arbeitet (es sei denn, sie oder er schreibt Theaterkritiken für andere Medien oder für nachtkritik.de), trotzdem sei hier für die Laien erläutert: Die drei Buchstaben KBB stehen für Künstlerisches Betriebsbüro, und im Künstlerischen Betriebsbüro (KBB) laufen so ziemlich alle Fäden zusammen. Wenn die Intendanz oder die Dramaturgie mal ein Jahr Ferien machen würden, würde das am Theater vermutlich kaum jemand merken – ohne das KBB aber läuft gar nichts. Hier werden z.B. die für den Proben- und Vorstellungsbetrieb verbindlichen Tagespläne geschrieben, hier wird die genaue Disposition der gesamten Spielzeit gemacht (also die Planung, wann wo was stattfindet), hier laufen aber auch die Gastkünstler:innen zuerst auf, die ansonsten orientierungslos durch die ihnen unbekannte Stadt irren würden.

Resilienzwunder

Mitarbeiter:innen im KBB müssen im Grunde übermenschliche Eigenschaften mitbringen. Zum einen müssen sie auch dann noch scheißfreundlich bleiben (ich entschuldige mich in aller Form für meine rüde Ausdrucksweise), wenn ein Gastkünstler tägliche Pendelflüge zwischen seinem Zweitwohnsitz London und der Stadt des Theaters fordert oder wenn eine Schauspielerin ihre privaten Friseurrechnungen ans KBB adressiert; und zum anderen – ja, zum anderen müssen die KBB-Mitarbeiter:innen ein Wunder an Resilienz sein, da sie ja, siehe oben, an allem schuld sind. Das muss man auch erstmal aushalten (es ändern zu wollen, bringt nichts, denn eine im Theater vorgefasste Meinung lässt sich grundsätzlich nicht ändern). Immerhin resultiert aus dieser Anforderungsmischung oft ein gesunder Pragmatismus. Anders als in manchen anderen Abteilungen des Theaters (nicht in allen, kein Generalverdacht!) wird hier erst einmal gemacht.

Mord im Abflußrohr

Genau das aber – und hiermit komme ich zu meinem eigentlichen, nun schon in der vierten Folge behandelten Thema, zu der von der Dramaturgie gepflegten Feindschaft zum Rest des Theaters – genau das weckt das Misstrauen des Dramaturgen (ich benutze hier wieder das autobiographische Maskulinum), der ja eher etwas denkt als etwas macht. Der Dramaturg denkt sich zum Beispiel in Absprache mit den Regisseur:innen Besetzungen für die zu inszenierenden Stücke aus. Das KBB bittet ihn nun, diese Besetzungen doch bitte auch schnellstmöglich weiterzuleiten. "Ja, aber, liebes KBB", sagt der Dramaturg dann, "es fehlen noch zwei Puzzleteile, und wenn Schauspieler M. doch noch bei 'Mord im Abflussrohr' gebraucht wird, dann kann sich nochmal alles ändern. Ich informiere euch, sobald alles feststeht."

Das KBB bzw. die Disponentin hingegen denkt irgendwann nicht mehr lange nach, sondern macht und setzt einen Spiel- und Probenplan fest. Der Dramaturg jongliert derweil weiter mit seinen Besetzungsmöglichkeiten, bis der Monatsspielplan in den Druck gehen soll. In der Endkorrektur bemerkt er es dann: "Sagt mal, ihr KBB-Leute! Seid ihr völlig gaga? In der Studiobühne habt ihr 'Der Teufelstriangelist' angesetzt, obwohl da im Haupthaus eine Endprobe zu 'Don Esteban' ist? Da ist doch in beiden Stücken der M. drin." Klassischer Fall: Schwerer Fehler des KBB! Alles muss auf den letzten Drücker umgemodelt und sogar der Drucktermin des Leporellos verschoben werden. Die im KBB hätten sich ja wirklich mal informieren können.

Kurzfristige Umbesetzungen

Den wohl häufigsten Konfliktgrund zwischen Dramaturgie und KBB liefern freilich die kurzfristigen Umbesetzungen. Am Samstagmorgen um 9 Uhr meldet sich etwa Schauspielerin S. für die Abendvorstellung krank. Die (für solche Fälle immer vorgehaltene) Rufbereitschaft des KBBs hat sofort eine Idee: Das könnte doch als spontane Einspringerin die B. machen, die ohnehin gerade als Gast in einem anderen Stück probt und ein bisschen Geld immer gebrauchen kann. Sicherheitshalber ruft man jedoch noch den Produktionsdramaturgen an. "Die B.? Puh, die passt da inhaltlich so gar nicht rein. Lasst mich mal eine halbe Stunde nachdenken."

Eine halbe Stunde später hat der Dramaturg eine Liste mit vier Schauspielerinnen, nach Priorität geordnet. Eine davon wohnt im Ausland, eine andere hat – was man leicht hätte googeln können – woanders Vorstellung, die dritte ist schon gar keine Schauspielerin mehr, die vierte erreicht das KBB nach einstündiger Bemühung, sagt aber ab. "Lasst mich nochmal überlegen", sagt der Dramaturg. Um 12:30 Uhr ruft er wieder an und verkündet: "Wie wäre es denn, wenn es die B. macht? Die ist doch ohnehin gerade da und kann immer ein bisschen Geld gebrauchen, oder?"

Die Preisfrage zum Schluss!

Am Abend nach der (übrigens gelungenen) Vorstellung sitzen die Schauspieler:innen in der Kantine. "Ihr müsst euch das mal vorstellen!", erzählt die B. Um 9 Uhr hat sich die S. krankgemeldet, und erst um kurz vor eins haben die vom KBB mich angerufen! Ich hatte quasi gar keine Zeit mehr." "Naja", meint der M. "Du kennst doch unser KBB. Das ist halt ein totaler Saftladen."

Preisfrage: Warum werden hiernach der Dramaturg und das KBB keine wirklich guten Freunde mehr?

Ich widme diese Kolumne Sylvia Franzmann und Nadine Schäuble vom Wiesbadener KBB der Herzen.

Was bisher geschah: Folge 1: Das eigentümliche Jobprofil des Dramaturgen | Folge 2: Die natürliche Feindschaft zu Grafikagenturen | Folge 3: Das Dauer-Duell "Der Dramaturg vs. The Actor".

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: Tief erwischt
Dass man, obwohl die Mitarbeiter:innen viel mehr zu beklagen hätten, immer ein offenes Ohr für seine Wehwehchen (auch Tipps für medizinische Notfälle) findet und bei Bedarf noch etwas Süßes für die Nerven, das möchte ich nicht unerwähnt wissen.

Lieber Wolfgang der Text hat mich heute morgen angenehm tief erwischt. Pippi stand direkt in den Augen. Danke!
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