Ein wissend Suchender

4. Juni 2024. Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze? Dem Kritiker (oder der Kritikerin) noch seltener. Zum 100. Geburtstag von Günther Rühle, der nicht in erster Linie urteilen, sondern das Theater verstehen wollte.

Von Wolfgang Behrens

4. Juni 2024. Für Arno Schmidt war es eine "sehr einfache Tatsache: die Kritik liest in 8 Tagen kein Mensch mehr; das Buch steht nach 100 Jahren noch in der Bibliothek." Will sagen, die Kritik produziert für den Papierkorb, die Dichtung hingegen für die Ewigkeit. Sollte dieses polemische Aperçu fürs geschriebene Wort noch eine gewisse Gültigkeit beanspruchen, so versagt es spätestens, wenn man eine Übertragung aufs Theater versucht: Inszenierungen lassen sich – Videoaufzeichnung hin oder her – nicht ins Regal stellen. Soll sich in 100 Jahren (oder darüber hinaus) jemand an einzelne Aufführungen erinnern, so braucht es Menschen, die von diesen berichten: Kritikerinnen und Kritiker zum Beispiel. Wären etwa alle Kritiken zu Inszenierungen Max Reinhardts in Staub zerfallen, so wäre es wohl auch um das Gedächtnis an letztere nicht gut bestellt.

Überraschender Bestseller

Es gibt also – Arno Schmidt zum Trotz – einigen Grund, auch Kritiken zu überliefern und sie sogar wieder zu lesen, auf dass die Erzeugnisse des Theaters nicht ganz in Vergessenheit geraten mögen. Doch dann bedarf es auch jener Menschen, die die Kritiken bewahren und einer Relektüre zugänglich halten. Einer dieser Menschen war Günther Rühle, der am gestrigen 3. Juni 100 Jahre alt geworden wäre. 1967 legte er im S. Fischer Verlag eine monumentale Sammlung vor, die das Theater einer ganzen Epoche rekonstruierte und greifbar, ja neu erlebbar werden ließ: "Theater für die Republik im Spiegel der Kritik", zwei dicke, die Jahre von 1917 bis 1933 umfassende Bände, mit denen man sich mitten hinein ins pulsierende Theaterleben der Weimarer Republik versetzen lassen kann.

Einem der kritischen Protagonisten jener Zeit, Alfred Kerr, verschaffte Günther Rühle später eine bedeutende Rückkehr auf die literarische Landkarte: Seine Edition "Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt 1895 – 1900" wurde Ende der 1990er Jahre – dank dem Rückenwind eines anderen Kritikers, nämlich Marcel Reich-Ranickis – überraschenderweise ein Bestseller. Alfred Kerr, der die Kritik bekanntlich als "hohe Kunstgattung" sah ("Aus einem Gedanken macht der Stückmacher ein Stück. Der Schriftsteller einen Aufsatz. Ich einen Satz."), hätte es mit beifälliger Selbstverständlichkeit zur Kenntnis genommen.

Seitenwechsel in Frankfurt

Günther Rühles Einsatz für Alfred Kerr und die anderen im "Theater für die Republik" vereinten Kritiker wurzelte natürlich nicht zuletzt darin, dass er selbst ein Kritiker von außerordentlichem Rang war (und irgendjemand müsste einmal das für Rühle leisten, was er für Kerr geleistet hat, nämlich gesammelte Kritiken herausgeben). Einer übrigens, der eher nicht dem durchaus höchstrichterlich sich gerierenden, dabei nie um Pointen verlegenen Kerr nacheiferte, sondern einer, der das Nachkriegstheater mit dem unbedingten Willen begleitete, es in allen seinen Bezügen zur Zeit und zur Zeitgeschichte zu sehen. Rühle wollte nicht in erster Linie urteilen, er wollte verstehen. Das machte ihn zu einem Kritiker, der sogar auf die Theaterschaffenden Einfluss üben konnte. Der Dramaturg Hermann Beil berichtet in einem gestern auf der Website des S. Fischer Verlags veröffentlichten Text, dass etwa Claus Peymann öfter auf Proben gesagt habe: "'Was wird wohl Rühle dazu sagen?' Dieser Rühle war für den Bremer Peymann, der stets stolz auf seine hanseatische Unabhängigkeit pocht, eine Instanz, für die er Achtung empfand und dessen Urteil ihm wichtig war."

Irgendwann hat es Rühle dann nicht mehr auf der Seite der Kritik gehalten, und er ist selbst zu den Theaterschaffenden übergelaufen: Von 1985 bis 1990 leitete er das Schauspiel Frankfurt. Es ist das die Zeit, in der Rühle auch für mich – wenn mir diese persönliche Bemerkung erlaubt sei – von lebensentscheidender Bedeutung wurde: Denn Rühle brachte als Intendant den Regisseur Einar Schleef (nach zehnjähriger Pause und erstmals in Westdeutschland) ans Theater zurück, und dessen Inszenierungen wurden zu meinen künstlerischen Initialzündungen.

"Theater ist nur lebendig, wo und wenn es kontrovers ist“

Ironischerweise hatte der Kritiker Rühle als Theaterleiter nicht wenig unter der Kritik zu leiden – ehemalige Kollegen wie etwa Peter Iden holten da nicht nur einmal zum Rundumschlag gegen ihn aus. (Kleine Kostprobe: "Ein Irrationalismus prägt sich aus, der schlimmsten verwandten Tendenzen in der Gesellschaft korrespondiert. Was ist noch geblieben vom Ethos der Aufklärung, die für den Theoretiker Rühle einst ein zentraler Begriff seiner Vorstellungswelt war?") Es spricht für Rühles andauerndes Ethos der Aufklärung, dass er sich solchen Anwürfen stellte und mit souveränen, mitunter aber auch durchaus angriffslustigen Gegentexten auf sie reagierte. ("Theater ist nur lebendig, wo und wenn es kontrovers ist. Insofern bestätigen die Kontroversen, daß wir nicht außerhalb der Zeit stehen, auch wenn uns mancher dort sehen möchte. […] Das will ausgehalten werden, im Theater, im Publikum. Auch von der Kritik.")

Vor erst zweieinhalb Jahren ist Günther Rühle hochbetagt verstorben. Als Spätwerk hat er uns – neben der gewaltigen, nicht mehr ganz vollendeten Theatergeschichte "Theater in Deutschland" – auch noch ein sehr persönliches Werk hinterlassen: "Ein alter Mann wird älter", das Hermann Beil in seinem Geburtstagstext wunderbar treffend charakterisiert hat: Das Buch offenbare "Rühle als einen wissend Suchenden, der absolut unsentimental und dadurch herzberührend seinem Leben und seiner Zeit, die doch auch unsere Zeit ist, nachsinnt – und so zu Erscheinung bringt."

Schon dem Mimen werden von der Nachwelt nur selten Kränze geflochten werden; dem Kritiker noch viel weniger. Günther Rühle immerhin hat solche Kränze geflochten, und es berührt ein wenig schmerzlich, dass nicht einmal die beiden Zeitungen, deren Feuilletonchef er war, zum 100. Geburtstag seiner gedachten. Denn Günther Rühle, der ein Gerechter unter den Kritikern war, hat alle Kränze verdient.

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, war von 2017 bis 2024 am Staatstheater Wiesbaden tätig – zunächst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: Kritikerkränze
ja solch ist der weg. des einen oder des anderen, wer bekommt schon kränze geflochten. und deshalb möchte ich, neben all denen die sich aus dem genre , leider verabschiedet haben, die wenigen die wirklich erhellende wunderbare kritiken schruben einst, sich diesem beruf aber entzogen haben, menschen die ein genre im genre erfinden, entdecken, räume öffnen, wunderbare worte kreiieren und inspirieren, alles auf dieser kritikerbasis. ich möchte diesen zurufen,wie aasig, ihr habt uns im stich gelassen! gut aber vor allem möchte ich auch einer kritikerin gedenken, die wunderbar war, eine insitution, erst in münchen, dann später gern im BE in der kantine sass, und dieses irrsinnig genoss. bis sie das zeitliche segnete. sie zog gerne die schuhe aus oder ähnliches und zeigte einem ihre gebrechen, bevor zb ein interview begann. sie war die böse mieze, die frau die mir eine tür in eine andere welt geöffnet hatte, der ich immer wieder aufs amüsanteste, wunderbarste, lustigste und auch strengste begegnet bin: frau ingrid seidenfaden, ich liebe dich ewig.
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