Das Schattenregiekabinett

28. Januar 2025. Weiter geht's mit der dramatischen Epochen-Saga über die natürlichen Feinde des Dramaturgen. Nach der Marketingabteilung (Teil eins) und der Grafikagentur (Teil zwei) diesmal in der Episodenhauptrolle: Der Schauspieler und die Schauspielerin.

Von Wolfgang Behrens

28. Januar 2025. Das Warten hat eine Ende. Die große Saga "Der Dramaturg gegen den Rest der Welt" wird fortgesetzt. Lesen Sie nach den beiden ersten Folgen "Marketing Wars" und "The Graphic Agency Strikes Back" heute den nervenzerfetzenden dritten Teil "Der Dramaturg vs. The Actor".

Es gibt einen Witz über Schauspieler (eigentlich gibt es drei Witze über Schauspieler, aber dieser passt gerade am besten), der geht so: Ein Schauspieler geht auf eine Party und lernt eine Person kennen, die er attraktiv findet. Er beginnt auf die Person einzureden. Eine Viertelstunde bearbeitet er sein Gegenüber, erzählt, mit wem er gerade im Theater arbeitet, mit wem er wann was gedreht hat, welche Hauptrollen er gespielt hat usw. Dann hält er plötzlich inne und sagt: "Oh, entschuldige bitte! Ich habe ja die ganze Zeit nur von mir gesprochen. Jetzt sag' du doch mal, wie du mich findest." (#Witz Ende#)

Nun könnte es sein, dass der Schauspieler Glück hat und zufälligerweise auf eine Dramaturgin oder einen Dramaturgen gestoßen ist. Ohne mit der Wimper zu zucken, würden diese ihm die gewünschte Auskunft erteilen, ihm eine Analyse seiner Performance bieten und dabei nicht zuletzt einige sprachliche Aspekte in den Vordergrund stellen – zum Beispiel, ob er seinen Monolog gut auf Anschluss gesprochen oder sehr lebendig aus dem Moment entwickelt hat. In diesem (zugegebenermaßen sehr konstruierten) Fall wären beide Beteiligte sehr zufrieden, und man könnte meinen, Dramaturg:innen und Schauspieler:innen müssten immer beste Freunde sein. Die eine Seite (Schauspieler:in) ist froh, weil sich alles um sie dreht, die andere (Dramaturg:in), weil sie ihre Gedanken darlegen darf.

Funde im theaternahen Papierkorb 

Und tatsächlich: Man darf sich das Verhältnis von Dramaturgie und Darstellenden als ein harmonisches vorstellen, solange im Probenprozess die angedeutete Gesprächssituation nicht grundsätzlich verlassen wird. Die Schauspieler:innen nehmen sogar mitunter Tipps an – etwa, wenn es um die richtige Aussprache von schwierigen Wörtern geht –, sie können das gut tun, denn sie wissen auch, dass sie spätestens ab der zweiten Vorstellung sowieso wieder betonen können, wie sie wollen. Und manche von ihnen schätzen es durchaus, auf ihre schauspielerischen Angebote hin mal nicht nur die nächste konkrete Ansage der Regie zu bekommen, sondern auch eine eher beschreibende, oft behutsame, im besten Fall von Sympathie getragene Rückmeldung. (Kleine Anmerkung am Rande: Manche Dramaturg:innen glauben sogar, mit dieser Art von Rückmeldung eine Art von Schattenregie führen zu können. Inwieweit das jemals greifbare Folgen gezeitigt hat, sei dahingestellt.)

Klar, auch in der Probenphase kann die Beziehung des Dramaturgen (autobiographisches Maskulinum!) zu den Spielenden kleineren Belastungen ausgesetzt sein. Wenn die in monatelanger Fleißarbeit erlesene, intellektuell ungemein aufschließende und in letzter Sekunde zusammenkopierte Materialmappe, die der Dramaturg den Schauspieler:innen bei der Konzeptionsprobe zur angelegentlichen Lektüre auf den Tisch legt, ostentativ auf der Probebühne vergessen wird oder sich später mehrere Exemplare im theaternahen Bushaltestellenpapierkorb auffinden, erhält die Eitelkeit des Dramaturgen schon einen kleinen Stich. Von wahrer Größe zeugt es dann, an den folgenden Tagen auch noch auf die dämlichsten Nachfragen der Spieler:innen ("Ähm, um welche Revolution geht es in 'Dantons Tod' genau?") geduldig zu antworten.

In der Zange

Die wahren Dramen zwischen Dramaturgie und den Schauspieler:innen spielen sich ohnehin an anderer Stelle ab. Nämlich dort, wo es um Macht geht. Da können schon kleine Anlässe zu großen Zerwürfnissen führen – wenn etwa eine Schauspielerin über den Künstlerischen Betriebsdirektor eine Lesung auf den Spielplan setzt, die sie passgenau zu einer aktuellen Inszenierung zusammengestellt hat. Der Dramaturg legt sein Veto ein, denn er wurde nicht gefragt, und die Texte müsste ja er zusammenstellen, eine Schauspielerin sei dazu schließlich gar nicht in der Lage. Die Schauspielerin ist am Ende beleidigt, der Dramaturg auch, und schon ist die Stimmung für die nächsten drei Spielzeiten im Eimer.

Noch gravierender wird die Sache, wenn es um die Besetzungen geht, die traditionell irgendwo zwischen Intendanz, Dramaturgie und Regie gemacht werden. Den Störfaktor in diesem Prozess bilden aus Sicht des Dramaturgen natürlich – – – die Schauspieler:innen. Sie stellen Ansprüche, wollen bestimmte Rollen spielen, schlimmer noch: Sie wollen wissen, mit welchen Regisseur:innen sie arbeiten und in welchen Stücken sie besetzt sein werden. Dann sickern auch noch an undichten Stellen zur Unzeit irgendwelche Informationen durch (oft genug falsche) – und, zack!, ist der Dramaturg in der heftigsten Bredouille, in die Zange genommen von einem Haufen auftrittshungriger Spieler:innen. Die dann auch noch zu Psychotricks greifen: An meinem Ex-Haus ging die Geschichte herum, wie der Schauspieler M. einmal lange vor dem Aushang des Besetzungszettels ungestüm ein Dramaturgiebüro enterte und in scheinbarer Wut schrie: "Warum bin ich nicht in 'Othello' besetzt?" Erschrockener Blick. "Aber du bist doch in 'Othello' besetzt." Darauf M. mit spitzbübischem Grinsen: "Danke, das wollte ich nur wissen."

"Ich hätte totaaaaal gerne mit dir gearbeitet"

Im Kampf um die Besetzungen sitzt die Dramaturgie zwar am längeren Hebel, letztlich aber wird sie dafür zutiefst gehasst und bleibt als beschädigte zurück. Die Regisseur:innen achten streng darauf, dass man ihnen die unangenehmen Besetzungsentscheidungen nicht anlastet ("Ich hätte totaaaaal gerne mit dir gearbeitet", sagt die Regisseurin zum Schauspieler. "Soso", denkt der Dramaturg), die Intendanz hat zwar bindende Versprechungen gemacht, sagt aber allen, für Besetzungsfragen sei die Dramaturgie zuständig – und der Dramaturg wundert sich am Ende darüber, warum niemand mehr mit ihm in der Kantine am Tisch sitzen will. Nominell hat er das Duell "Der Dramaturg vs. The Actor" immerhin gewonnen. Aber um Sieger wird es manchmal sehr einsam.

Kolumne: Als ich noch ein Kritiker war

Wolfgang Behrens

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik an der FU Berlin. Von 2017 bis 2024 war er am Staatstheater Wiesbaden tätig, erst als Dramaturg, dann als Schauspieldirektor. Zuvor war er zehn Jahre lang Kritiker und Redakteur bei nachtkritik.de. Für seine Kolumne wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

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Kommentare  
Kolumne Behrens: Rollengespräche am Küchentisch
Ist es nur meine Wahrnehmung, oder findet sich die Kombi Dramaturg*in & Schauspieler*in nicht auch häufig außerhalb des Theaters in privaten Beziehungen wieder? Mir fallen dutzende Beispiele aus meinem Bekanntenkreis ein, mich selbst eingeschlossen... Geradezu klischeehaft, könnte man vermuten, aber diese Kombination scheint dann doch immer mal wieder zu funktionieren.
Kolumne Behrens: Im Heißluftballon
... es gibt auch Dramaturgenwitze, lieber Behrens.
... den hier etwa: Regisseurin und Hauptdarsteller gönnen sich des Nachmittags einen Ausflug im Heissluftballon. Der wird abgetrieben. Sie werden nervös. Da sehen sie vor und unter sich auf einem Feldweg einen Menschen gehen. Hallo, ruft der Schauspieler. Der Mensch hält an, dreht sich um und blickt hoch. Können Sie uns bitte sagen, wo wir hier sind, fragt ihn der Schauspieler. Sie befinden sich in einem Heissluftballon, antwortet der Mensch, dreht sich um und geht weiter. Das ist ein Dramaturg, sagt die Regisseurin. Wieso, der Spieler. Die Regisseurin darauf: Die Antwort kam prompt; sie war sachlich richtig; und sie hilft uns nicht weiter.
... und die Frage der Besetzung hat Leopold Jessner schon vor über hundert Jahren geklärt: die Besetzung ist das heilige Recht des Regisseurs.
... in Ergänzung die Kortner'sche Frage an einen Kollegen zu dessen neuem Projekt: Und? Können Sie's besetzen oder brauchen's ein Konzept?
... und am Ende geht es in Wirklichkeit nur gemeinsam. Novalis: Ein Theater ist, wie Fabrik und Academie - ein großer mannichfaltiger Virtuos.
Kolumne Behrens: Nachfrage
Ist das mit dem Mülleimer an der Bushaltestelle wirklich passiert?
Kolumne Behrens: @Gerhart Willert
Lang ist´s her, aber der Heißluftballon-Klassiker hatte in dieser Kolumne auch schon einen Auftritt:

https://nachtkritik.de/kolumnen-wolfgang-behrens/kolumne-als-ich-noch-ein-kritiker-war-wolfgang-behrens-denkt-ueber-das-dramaturgenschicksal-nach
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