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Jelinek spricht in Nestroy-Dankesrede über Billeteur Diaz

In den Foren spricht jeder von ihm

Wien, 5. November 2013. Gestern wurden in Wien die Nestroy-Theaterpreise verliehen. Mit dem Autorenpreis für das beste Stück wurde Elfriede Jelinek für Schatten (Eurydike sagt) ausgezeichnet.

In ihrem Dankestext ging die Autorin auch auf die Protestaktion des Billeteurs Christian Diaz beim Jubiläumskongress des Wiener Burgtheaters ein: "Anläßlich der Geburtstagsfeiern des Burgtheaters hat ein Billeteur versucht, auf die Situation der outgesourcten Mitarbeiter, wie er einer ist, hinzuweisen. Ein Krake, Dienstleistungs-Multi, der, unter all dem, was er sonst noch zu tun hat, auch Programmhefte im Theater verteilen läßt, so wie er gleichzeitig, aber auch zu andrer Zeit, Bootsflüchtlinge und Asylanten bewacht, wurde mit dieser Aufgabe betraut. Der Mann durfte sich nicht aussprechen, weil die Zeit der Veranstaltung zu weit fortgeschritten war. Ich kann hier auch nicht für ihn sprechen, ich müßte ihn schon selbst sprechen lassen. Dafür spricht in den Foren jeder von ihm und kaum einer von der Veranstaltung. Das hätte ich ihnen gleich sagen können. / Aber sie sitzen doch im selben Boot, das Theater und sein kleinster Mitarbeiter. Eine Schauspielerin hat daraufhin von ihrem schlimmsten Alptraum gesprochen: Sie wolle auftreten, das gehe aber nicht, weil da schon ein andrer stehe. Ich bin der Igel dazu: Ich bin je schon da! Schon vor dem, was davor war."

Jelineks Text wurde – ob ihrer Abwesenheit – via Toneinspielung übertragen und von dem Puppenspieler Nikolaus Habjan mit einer (im ausgezeichneten Stück vorkommenden) Jelinek-Puppe begleitet.

Auch Burgtheater-Intendant Matthias Hartmann erwähnte den Billeteur laut eines ORF-Berichtes: "Der Billeteur Christian Diaz hat recht! Es braucht mutige Menschen wie ihn, um die Ohnmacht zu überwinden. Ihm gebührt ein Nestroy!" Diaz kam daraufhin kurz selbst die Bühne, um die übrigen Bundestheater-Intendanten dazu aufzurufen, "sich mit Hartmann zu treffen und sich mit ihm zu solidarisieren".

(www.nestroypreis.at / wien.orf.at / ape)

 

Hier kann man die am 14. Oktober 2013 abgegebene Erklärung des Burgtheaters zur Rede des Billeteurs auf dem Jubiläumskongress des Hauses nachlesen, hier die wenig später entstandene gemeinsame Erklärung von Christian Diaz und Burg-Intendant Hartmann. Und hier gibt es einige ausgewählte Hinweise zur Pressestimmen sowie eine Presseschau dazu.

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Kommentare  
Jelinek über Diaz: Personenkult statt Auseinandersetzung
Erschreckend, mit anzusehen wie ein Personenkult um den Underdog (hier: Diaz) eine ernsthafte und direkte Auseinandersetzung mit den durch ihn angesprochenen Problemen immer wieder zu ersetzen scheint. Wir leben in einer Gesellschaft, in der mittlerweile jeder Widerstand publikumswirksam und wie selbstverständlich eingeebnet wird. Und GERADE an den THEATERN findet diese Einebnung immer neue Höhepunkte. Das müsste einen eigentlich zu den Waffen greifen lassen.
Jelinek über Diaz: Ohne Waffen
Bitte ohne Waffen!
Jelinek über Diaz: Im selben Boot
"Aber sie sitzen doch im selben Boot, das Theater und sein kleinster Mitarbeiter."

zit. Elfriede Jelinek - Rede zur Verleihung des Nestroypreises 2013

Link zur Rede:

http://www.nestroypreis.at/rte/upload/2013/text_jelinek_nestroy.pdf
Jelinek über Diaz: Jelinek als Wütende vorgeführt
Die Beweislast ist derart erdrückend, dass dem Intendanten Hartmann gar nichts anderes übrig bleibt, als die Verbrüderung mit seinen Kartenverkäufer. Und genau an dieser Stelle wird auch die tatsächliche Funktion der Preise sichtbar. So wird Elfriede Jelinek nicht für die Ernsthaftigkeit und Disziplin ausgezeichnet, mit der sie ihre Arbeit angeht, sondern der Wiener Gesellschaft als ewig Wütende vorgeführt.
Jelinek über Diaz: Frage
Was heißt einen Text mit der Puppe "begleiten"? War es eine Ton-Einspielung oder eine Übertragung? Gibt es mehr als eine Jelinek - Puppe?
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