Unter Vaters Fittichen

7. Dezember 2024. Anlässlich des 100. Jubiläums der Jahrhundertausstellung "Die Neue Sachlichkeit" inszeniert Christian Franke fürs Nationaltheater einen Rundgang durch die Mannheimer Kunsthalle. Er blickt auf die Beziehung des epochemachenden Kurators Gustav Friedrich Hartlaub und seines Sohnes Felix. Denen die NS-Zeit allen Halt raubte.

Von Steffen Becker

"Fragment Felix" von Christian Franke in der Kunsthalle Mannheim © Felix Kleiner

7. Dezember 2024. An diese Ausstellung möge man sich in 100 Jahren noch erinnern, wünscht sich Gustav Friedrich Hartlaub, Direktor der Mannheimer Kunsthalle. Diese Worte – ihm in den Mund gelegt von Christian Franke für "Fragment Felix. Ein Leben zwischen Kunst und Krieg" – haben sich bewahrheitet. Die Kunsthalle widmet der Neuen Sachlichkeit gerade eine Ausstellung, als Reminiszenz an Hartlaubs legendäre und begriffsbildende Schau von 1925. Und das Nationaltheater lädt begleitend mit "Fragment Felix" zu einem inszenierten Rundgang durch die Museumshallen ein.

Jesus und die Sünderin

Felix, der Namensgeber des Stücks, ist Hartlaubs später im Krieg fallender Sohn. Dem Publikum in der Kunsthalle (Gastgeberin des Nationaltheaters Mannheim) tritt dieser zunächst als Kind gegenüber. Der Junge lässt sich vor Max Beckmanns Christus und die Ehebrecherin nieder. Boris Koneczny als Vater Hartlaub erläutert derweil die Haltung der Veristen um George Grosz: Wie nach den düsteren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg klare Linien der Ordnung Einzug in die Bilder hielten, wie sich neuer Optimismus und Hoffnung in den Farben und der Formsprache widerspiegelten.

Bei Beckmann sieht man das nicht unbedingt. Jesus schützt die Sünderin vor einem verzerrten Mob, die gemalte Situation kann jederzeit in eine expressionistische Hölle kippen. Das Bild trifft die Atmosphäre des Abends. Offenkundig passt es auf die politischen Verhältnisse. Vater Hartlaub wird nach der Machtergreifung abserviert, der Sohn muss Kriegstagebuch im Führerhauptquartier schreiben.

Vaters breiter Schatten

Hauptthema des Abends ist jedoch der Generationenkonflikt – auch die Frage, ob das Kind so beschützt werden will wie Beckmanns Sünderin. Die NS-Historie ist Hintergrund für ein rührendes Vater-Sohn-Drama. Boris Koneczny als jovialer und raumgreifender Grandseigneur und Rocco Luis Brück als mal schüchtern, mal mutig nach einem eigenen Platz suchender Sohn installieren im Museum ein Perpetuum magnete. Zwei Menschen, die in familiärer Liebe verbunden sind und sich doch abstoßen.

Fragment Felix 1 CChristianKleiner uSpiel mit historischer Realität: das Ensemble in der Kunsthalle Mannheim © Christian Kleiner

Das Publikum macht Station in Großraumaufzügen und auf Emporen. Es findet sich dabei in einer Vermittlerrolle zwischen zwei menschlichen und räumlichen Polen wieder, etwa wenn es Thomas Manns "Zauberberg" dem Sohn als literarische (und ungewollte) Brotbox durchreichen soll. Der Sohn will heraustreten aus dem Schatten, der Vater will in Terror-Zeiten seine Fittiche weiter ausbreiten. Er rät dabei das Gegenteil dessen, was er als Kurator der Neuen Sachlichkeit gepredigt hat. Der Sohn soll nicht nach dem Neuen und Unbekannten streben, sondern sich arrangieren und überleben. Dieser Widerspruch ist nur ein Beispiel für die verschiedenen Ebenen, die Regisseur Franke in die Statik des Stücks einzieht und nutzt.

Das Prinzip zeigt sich auch ganz praktisch im Spiel mit Videoprojektionen, beim Verschränken von Stockwerken des Gebäudes und Zeitsprüngen der Handlung. Allerdings fransen dem Fragment dabei ein paar Fäden aus. Bianka Drozdik als deutlich ältere große Liebe Erna Gysi hat nur einen Kurzauftritt. Der beschränkt sich auf das Lesen von Briefen. Er stillt die Neugier auf den Quell von Leidenschaft einerseits und Verdruss des Vaters darüber keineswegs.

Theater als Türöffner

Ganz zum Schluss kommt es zu einer bewegenden Dankesszene. Die reale Nichte Melanie Hartlaub überreicht dem Ensemble Zeichnungen von Felix als Geschenk. Im Stück wird erwähnt, dass Gustav Hartlaub einige Frühwerke seines Sohnes sogar hatte ausstellen lassen, als Teil einer Ausstellung "Der Genius im Kinde". Im Rahmen des Stückerundgangs sieht man davon nichts. Das "Fragment Felix" offenbart damit einige Lücken. Aber es lässt einen auf die im wahrsten Sinne des Wortes Jahrhundertschau "Neue Sachlichkeit" einen anderen, neuen Blick werfen: Theater als Türöffner.

Fragment Felix. Ein Leben zwischen Kunst und Krieg
von Christian Franke unter Verwendung der Schriften Felix Hartlaubs
Regie: Christian Franke, Video: Grigory Shklyar, Bühne & Kostüm: Sabine Mäder, Musik: Timothy Roth, Dramaturgie: Annabelle Leschke.
Mit: Bianka Drozdik, Boris Koneczny, Rocco Brück, Statisten: Navid Beverungen/Adam Dennemann/Marcel Lion Helwig/Aurelio Manganello.
Uraufführung am 6. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

Der Besuch dieser Produktion lohne sich vor allem "aufgrund der treffenden Bilder, die die Regie für Hartlaubs bewegtes Leben und die Gesellschaft am Vorabend des Zweiten Weltkriegs findet", lobt Björn Hayer in der taz (9.12.2024). "An alledem vor der rekonstruierten, historischen Kulisse teilhaben zu dürfen, führt einem die erschreckende Präsenz lange als überwunden geglaubter politischer Kräfte vor Augen, die die Gesellschaft und nicht zuletzt den Kulturbetrieb erneut zu unterwandern suchen", so Hayer.

Nach einem "lockerflockigen Auftakt" werde es im Atrium sehr schnell todernst,schreibt Nicole Sperk in der Tageszeitung Die Rheinpfalz (9.12.2024), die den Abend als ausgesprochen gelungen beschreibt.

Im Mannheimer Morgen (9.12.2024) empfiehlt Ralph-Carl Langhals die Inszenierung "Freunden Darstellender wie Bildender Kunst gleichermaßen". Selbst wer sich weder zu den einen noch zu den anderen zählen würde, mache zumindest "eine originelle heimatgeschichtliche Erfahrung: Nationaltheater, Kunsthalle und indirekt auch das Marchivum zeigen Bilder einer Ausstellung, historische wie moderne Kunsträume, filmische Zeitdokumente, Figuren- und Objekttheater, Videokunst und Schauspiel."

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