Getrennte Welten

2. Dezember 2023. Religion als Manipulation statt Versöhnung: Regisseur Nuran David Calis verleiht Gotthold Ephraim Lessings "Nathan" in seiner Inszenierung einen ganz eigenen Dreh, samt Brandanschlag auf Nathans Wohnung, und macht daraus ein Drama unserer Gegenwart.

Von Steffen Becker

"Nathan" von Nuran David Calis in Mannheim frei nach Lessing inszeniert © Maximilian Borchardt

2. Dezember 2023. Die Ringparabel: Publizistischer Anker der Aufklärung, Dreh- und Angelpunkt von Deutsch-Aufsätzen der Oberstufe. In Mannheim steht sie am Ende, untermalt von Gitarrenfolklore, angehängt an den eigentlichen Höhepunkt des Abends. Gegeben wird "Nathan", eine Überschreibung des klassischen Stoffs von Autor und Regisseur Nuran David Calis. Hoffnung spendet die Parabel bei ihm keine, sie ist Teil einer Beerdigung.

Calis verwendet zwar die Motive von Gotthold Ephraim Lessing, die Menschenfreundlichkeit der Vorlage geht ihm allerdings ab. Der sinistre Sultan wird erschossen, der Jude ist ein Immobilienspekulant, die Ordnungsmacht rassistisch – und mittendrin werden Geflüchtete für eine blutige Intrige benutzt, in der Religion vor allem ein Mittel der Manipulation ist.

Wie ein psychedelischer Tatort

Aber der Reihe nach: In der ach so aufgeklärten Gegenwart wird auf die Wohnung des Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde, Nathan Grossmann, ein Brandanschlag verübt. Der Staatsschutz vermutet den deutsch-türkischen Geschäftsmann Salatin Denktaş als Drahtzieher – der mit Grossmann an der Gentrifizierung eines heruntergekommenen migrantischen Quartiers unter dem Deckmantel eines inter-religiösen Zentrums arbeitet. Aber die Wahrheit ist komplexer – inklusive dunkler Vergangenheiten, fragwürdiger Adoptionsmotive und Entführung mit Drogencocktail und Blutabnahme.

Nathan1 1200 Maximilian BorchardtVerdoppelte Bilder im Bühnenbild von Irina Schicketanz und den Video-Projektionen von Karnik Gregorian © Maximilian Borchardt

Klingt wie ein psychedelischer Tatort – und wirkt auch so. Calis quetscht schon arg viel in zwei Stunden Theater: IS-Terror, Fluchtursachen, brennende Flüchtlingsheime, nicht zu vergessen den Beinahe-Inszest von Lessings Tempelherrn (hier der Ermittlungsbeamte) mit Nathans Tochter Recha. Wie die Verbindung der beiden entsteht, was sie aneinander anzieht – das zu erzählen bleibt keine Zeit. Auf einmal stehen sie halt zusammen in einem Waisenhaus und arbeiten ihre Kindheitsgeschichten auf. Aber die Story steht bei diesem "Nathan" genauso wenig im Mittelpunkt wie die Reflexion über Religion.

Doppel- und Dreifachleben

Calis zeigt mit seiner Inszenierung stattdessen, wie sich Kulturen vermischen – zu einem explosiven Gebräu. Die Bühne von Irina Schicketanz findet dafür das passende Bild. Mehrere Boxen mit unterschiedlichen Funktionen – bürgerliches Schlafzimmer, ausgebrannter Tatort, schmuddelige Unterschichtstristesse – sowie eine Ebene dahinter, in der sich die Analyse der Situationen in Form eines Tonstudio (für Rapsongs) oder der Polizeistation (für Verhöre) abspielt. Zugleich treten die Charaktere auch nach vorne aus ihren Rollen heraus. Oder die Hintergründe ihrer Geschichten werden auf Leinwand im "Sin City"2-Comiclook erzählt.

Das passt zu den Doppel- und Dreifachleben, die die Charaktere führen. Ismail Deniz etwa als Salatin ist deutsch-türkischer Self-Made-Unternehmer, islamistischer Terror-Finanzier und verzweifelter Sucher seiner im Libanon-Krieg verschollenen Familie. Eddie Irle als Ex-Soldat ist Islamhasser und treuer Anwalt von Flüchtlingen (die auf der richtigen Seite stehen). Nur Nathan (Boris Koneczny) hat keine Ideologie, sondern ist pragmatisch an der besten Rendite interessiert – für sich und als Familienmensch für seine Schwester und Tochter. Alle Schauspieler bringen das Kunststück fertig, ihre negativ grundierten Figuren als in ihrem jeweiligen Kontext "normale" – und stellenweise sympathische – Menschen zu zeigen. Diese handeln ihren Prägungen entsprechend.

Nathan3 1200 Maximilian BorchardtMit Erzählungen vom Herumgestoßen werden: Maria Munkert als Recha und Boris Koneczny als Nathan in Nuran David Calis' "Nathan" © Maximilian Borchardt

Dass die Menschen oberflächlich zusammen, aber eigentlich gegeneinander leben, zeigt die Inszenierung durch einen durchgehenden Text-Kniff: Bevor die Figuren als solche sprechen, beschreiben sie genau, wo sie sind, was sie sehen und wie sie sich in die jeweilige Szenerie einordnen. Das unterstreicht noch mehr, wie unterschiedlich die Perspektiven und wie getrennt die Welten am gleichen Ort sind.

Wahrhaft zeitgenössisches Stück

Das Besondere an Calis Inszenierung ist jedoch, dass diejenigen die heimlichen Hauptfiguren sind, die am Tisch der Gesellschaft gar keinen Platz haben: die christlich-aramäischen Flüchtlinge, die Nathan Grossmanns Wohnung im Auftrag mit arabischen Schriftzeichen beschmieren, damit es wie ein islamistischer Anschlag aussieht. Man erlebt mit Sandro Šutalo einen Vater, der den Schmerz des Heimatverlusts und die Wut auf die Perspektivlosigkeit in der Fremde in sich hineinfrisst.

Man erlebt mit Shirin Ali ein Mädchen, das sich ausgestellt in Kamera-Nahaufnahmen und verfremdet in Comic-Bildern durch das Trauma einer Flucht quält. Diese Darstellungen gehen wirklich unter die Haut, ihre Geschichte des Herumgestoßen-Werdens macht "Nathan" erst zum wahrhaft zeitgenössischen Stück. Man verlässt es aufgewühlt und angefasst – und reif für einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, auf dem die echte Polizei wegen erhöhter Terrorgefahr ihre Präsenz verstärkt hat.

Nathan
von Nuran David Calis frei nach Motiven von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Nuran David Calis, Video: Karnik Gregorian, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Anna Sünkel
Licht: Robby Schumann, Musik: Vivan Bhatti, Rap-Texte: Toni-L, Dramaturgie: Lena Wontorra.
Mit: Sarah Zastrau, Omar Shaker, Maria Munkert, Shirin Ali, Sandro Šutalo, Ismail Deniz, Boris Koneczny, Eddie Irle, Ragna Pitoll.
Premiere am 1. Dezember 2023
Dauer: 2 Stunden 20 Stunden, eine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

"Was bleibt, ist Beklommenheit ob der schieren Aktualität der Verhältnisse, wie sie auf der Bühne in ungeschminkter Weise adaptiert werden," schreibt Uwe Rauschelbach im Mannheimer Morgen (4. 12.2023). "Bei der Premiere gibt es hierfür, der Information dieses Kritikers zufolge kräftigen Applaus. Lessings 'Nathan' bleibe bei dieser Überschreibung im Hintergrund zwar erkennbar. "Doch dies erweist sich zugleich als Schwäche dieser Inszenierung, die zwischen Nach- und Neuerzählung, zwischen Fantasie und aufklärerischer Propaganda hängen bleibt." Beflissen werden aus Rauschelbachs Sicht "auf der Bühne Konstellationen durchgespielt und Zusammenhänge konstruiert. Doch vermag das Theater die akute Realität, um die es offensichtlich geht, ästhetisch nicht zu vermitteln geschweige denn zu bewältigen. Selbst jenes Mitgefühl, wie es Lessing anregenwollte, um seine aufklärerischen Anliegen zu transportieren, stellt sich nicht ein."

Von "sprödem, öden Erzähltheater" spricht Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (4.12.2023). Calis scheitert aus Sicht des Kritikers "an den selbst gesteckten, hochfliegenden Plänen. Sein neunköpfiges Ensemble ist dazu verdonnert, das verzwickte Gespinst von Hass, Intoleranz und vergeblich ersehnter Versöhnung größtenteils vorne an der Rampe in isolierter Vereinzelung zu erzählen. (...) Statt zu zeigen, was geschieht, wird in Form gesprochener Regieanweisungen nur davon berichtet. Kennt man alles, das ist eine bewährte Verfremdungstechnik. Hier schafft sie aber keine zusätzliche Reflexionsebene, sondern führt dazu, dass der Stoff über zweieinhalb Stunden umständlich ausgewalzt wird."

Von einem Abend mit dem "Drive einer Netflix-Krimiserie" berichtet Marie-Dominique Wetzel auf Deutschlandfunk Kultur (1.12.23). Calis entwerfe "ein kompliziertes Geflecht von Personen unterschiedlicher Herkunft", das "sehr viel komplexer" ausfalle als im Lessing`schen Original. Der Fokus liege hier weniger auf dem Sujet der Religionen als vielmehr auf unserem "Zusammenleben hier und heute", auf "sozialen Spannungen". Insofern bringe die
Neufassung "wirklich viel", es gebe "keine Schwarzweißmalerei" und "keine einfachen Antworten" an diesem "berührenden Abend", der gleichwohl nie "rührselig" werde.

Mit Lessing habe "das alles wenig zu tun", was Nuran David Calis hier in eine
"aufgespeedete Krimiserienhandlung" auf der Grundlage von "Nathan der Weise" gepackt habe, äußert Christian Gampert im Deutschlandfunk (2.12.23). Über die Gegenwart erfahre man aus dieser "offenbar gut gemeinten Räuberpistole", die von allerlei "Schnickschnack" begleitet werde, "leider vor allem Klischees". Die "Hauptkrux des Abends" sei dabei die "Kompliziertheit der Handlung", so der Kritiker. "Ständig wird alles erläutert oder mit pathetischem Bekenntnisdrang vorgetragen."

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