Der Welt entrückt

25. Februar 2024. Das Residenztheater hat Aischylos' "Orestie", die den Mythos der Demokratie-Geburt erzählt, auf drei Abende aufgeteilt. Nach Ulrich Rasche ("Agamemnon") und Elsa-Sophie Jach ("Die Fliegen") installiert Robert Borgmann nun die "Eumeniden" als Gesamtkunstwerk mit archaischer Textfläche.

Von Martin Jost

"ATHENA" am Residenztheater München © Sandra Then

25. Februar 2024. Orest hat seine Mutter Klytämnestra umgebracht. Er fühlt sich im Recht, denn nach dem Gesetz der Blutrache hat er die Mörderin seines Vaters Agamemnon bestraft. Nun verfolgen ihn die Rachegöttinnen und er bittet Athena um einen entlastenden Rechtsspruch. Doch die Göttin findet den Fall zu schwierig. Sie erfindet kurzerhand eine weltliche Gerichtsbarkeit. Menschliche Richter sollen nach einem Verfahren aus Zeugenaussagen und Plädoyers ein Urteil fällen. So erzählt Aischylos den Griechen vor 2.500 Jahren den Gründungsmythos ihrer Demokratie.

Hartes Licht flackert ihn an

Robert Borgmann erzählt nicht. In der Beschäftigung des Münchner Residenztheaters mit Aischylos' "Orestie" hat er nach Ulrich Rasches Agamemnon und Elsa-Sophie Jachs Die Fliegen den letzten Teil der Trilogie übernommen, die "Eumeniden". Unter seinen eigenen Titel "Athena" hat er die Gattungsbezeichnung "musiktheatrale Installation" gesetzt. Als Warnung für jede*n, die*der einen Abend aus Erzähltheater erwartet. Die sechs Schauspieler*innen sind Teil von abstrakten Tableaus. Borgmann hat auf Basis von Walter Jens' Aischylos-Übersetzung eine Textfläche kreiert, die sich in allen drei Teilen der "Orestie" bedient, sich aber keinem Plot und keiner klaren Unterscheidung von Figuren verpflichtet. Der Regisseur selbst ist dauernd präsent und steuert von der Seite ein Live-Musikbett bei.

Die Bühne im Marstall ist ein schwarzer Raum und der Boden ist ein schwarzes Bassin, knöchelhoch voll mit Wasser. Den ersten von drei Teilen bestreitet Thiemo Strutzenberger als Ein-Mann-Stück, allein auf einer kleinen quadratischen Plattform mitten im Wasserbecken. Hartes Licht aus Spots flackert ihn an, während durch seinen Körper die Figuren zucken. Strutzenberger monologisiert als Orest, aber er wird auch zu dessen Schwester Elektra. Er spielt sich einen ab, leistet pure, schweißtreibende Schauspielarbeit.

Familienaufstellung: Juliane Koehler, Felicia Chin Malenski, Thiemo Strutzenberger, Max Mayer © Sandra Then

Borgmann sagt in einem Interview im Programmzettel, dass er "Athena" am liebsten als begehbare Dauer-Installation realisiert hätte. Dass das nicht möglich war, ist bedauerlich. Wir hätten nach fünf Minuten weitergehen können und uns die nächste Station angesehen. So lang reicht etwa unsere Aufmerksamkeit. Der Rest der 40-minütigen Anstrengung aus archaischer Poesie ist Textgeräusch, das wir über uns ergehen lassen.

Als hätten ihn Außerirdische auf der Erde zurückgelassen

Nach der ersten Pause treibt Orest in einem roten Schlauchbot. Die Erinyen – Rachegöttinnen – tragen schwarze Steppanoraks (Kostüme: Birgit Bungum) und ihre Daumen trommeln auf ihre Smartphones ein, während sie durch das Wasser waten. Klytämnestras Geist (Juliane Köhler) setzt sich für Orests Verfolgung ein. Max Mayer als Athena steht nun auf der wackeligen Plattform. Er hat silbernes langes Haar und wirkt der Welt entrückt, spricht langsam und mit starrem Blick in Richtung Himmel. Athenas Monolog handelt von der neuen Gerichtsbarkeit auf dem Areopag. Die Erinyen beklagen im Chor ihren Bedeutungsverlust, wenn die Blutrache aus der Mode kommt. Die neue politische Ordnung muss den Griechen damals wie eine Idee von Außerirdischen vorgekommen sein. Es ist der Anfang von zweieinhalb Jahrtausenden, in denen wir nun schon versuchen, die Demokratie zu verstehen.

Die Figuren sprechen distanziert, mechanisch, wie Textgefäße. Kerzen, die aus dem Wasser ragen, werden angezündet und auf einer Bahre fortgetragen. Athena schmiert sich gelbe Farbe auf den Bauch. Was will uns die Ansammlung von Geweihschaufeln sagen? Die Zeit vergeht wahnsinnig langsam.

Athena 3 Max Mayer c Sandra Then PRESSEIm Zeichen der Geweihschaufel: Max Mayer © Sandra Then

In Borgmanns Dauer-Soundtrack aus Samples und Hackbrettmanipulationen mischen sich immer wieder historische Tonschnipsel. Bundespräsident Steinmeier warnt vor neuen Sympathien für autoritäre politische Ordnungen und im nächsten Moment ruft Präsident Trump zum Marsch auf das Kapitol auf. Lautet die Pointe etwa, dass dieser Text aus 458 v. Chr. zu uns über die Demokratie spricht und wir davon so wenig verstanden haben, als hätten ihn Außerirdische auf der Erde zurückgelassen?

Hinter der hohen Schwelle

Nach der zweiten Umbaupause steht ein Esstisch mit nasser Tischdecke auf der Bühne; eine gelbe Iphigenie (Franziska Hackl) hängt von der Decke und wird abwechselnd in den Himmel gezogen und auf das marmorne Sprungbrett am Beckenrand gedippt wie ein Teebeutel. Im dritten und längsten Teil des Abends redet die ganze verfluchte Familie der Atriden aneinander vorbei. Klytämnestra will Agamemnon (Max Mayer) eine Scheibe von der schwarzen Götterspeise kredenzen und muss am Ende doch allein essen. Orest legt Grammophonplatten auf. Elektra (Felicia Chin-Malenski) pflügt unterm Tisch durch das Wasser, das sich auf einmal blutrot färbt. Text und Gesten wiederholen sich. Irgendwann hört die Musik auf. Das letzte Wort hat Kassandra (Juliane Köhler): "Und die Demokratie?"

Der dritte Teil der "Orestie" enthält den Kern der Trilogie. Robert Borgmanns Installation nach den "Eumeniden" ist eine Mischung aus Performance und Objekt, die sich zwar bei Aischylos bedient, aber ohne den Paratext nicht zu entschlüsseln ist. Aischylos' Plädoyer für ein demokratisches, weltliches Gewaltmonopol ist zu wichtig, um es hinter einer so hohen Schwelle zu verbergen. Wenn andererseits der Witz in unserer Überforderung mit dem göttlichen Geschenk der Demokratie liegt, dann ist der Theaterabend dafür ganz schön lang.

 

ATHENA
Eine musiktheatrale Installation von Robert Borgmann nach Aischylos' "Eumeniden". Deutsch von Walter Jens
Inszenierung, Raum und Musik: Robert Borgmann. Kostüme: Birgit Bungum. Licht: Markus Schadel. Dramaturgische Mitarbeit: Almut Wagner.
Mit: Max Mayer, Juliane Köhler, Franziska Hackl, Felicia Chin-Malenski, Thiemo Strutzenberger, Robert Borgmann.
Premiere am 24. Februar 2024
Dauer: 3 Stunden, zwei Pausen

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Timo Strutzenbergers imposanter, 40-minütiger Anfangsmonolog ist kein kognitives Ereignis, "eher ein Gesang vor Borgmanns Geräuschklangteppich, auch ein Flehen, unterfüttert mit ein bisschen Pragmatismus", so Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.2.2024). Danach reiße Borgmann seine Inszenierung keineswegs zu einem theatralischen Ereignis auf, "es bleibt bei einer somnambulen Séance". Am Ende finden sich nach langem Zögern die Hände der Geschwister, von Orest und Elektra. "Ob die kleine Geste die Demokratie rettet, sei dahingestellt, als scheues Schlussbild dieses dunklen Rätselabends ist sie schön."

Robert Borgmann sei die wirklich tragische Figur des Abends, so Mathias Hejny von der Abendzeitung (25.2.2024). "Mit seinem entfesselten Kunstwillen hat er den Zugang des Publikums zu seinem flammenden Requiem für unsere Utopie von Freiheit, Recht und Gerechtigkeit so unüberwindlich verrammelt, dass die vielen grandiosen und immer wieder auch verstörenden Theaterbilder in Beliebigkeit wirkungslos verdampfen."

 

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