Der Liebling - Deutsches Theater Berlin
Krawall im Tampon-Imperium
15. März 2025. Achtung, anschnallen! Svenja Viola Bungarten legt den Turboschalter um und haut uns eine Wirtschaftssatire um die Ohren, bei der kein feministisches Auge trocken bleibt. Schon gar nicht in der Highspeed-Uraufführung von Anita Vulesica.
Von Katrin Ullmann
Svenja Viola Bungartens "Der Liebling", von Anita Vulesica am DT Berlin uraufgeführt © Eike Walkenhorst
15. März 2025. Sie koksen, trinken Flaschenbier und sind irrsinnig laut. Sie sind frauenfeindlich, egozentrisch und unberechenbar. Sie sind die CEOs zweier Hygienegiganten und sie sind Frauen.
Franka König und Bettina Fürstenberg heißen sie in Svenja Viola Bungartens jüngstem Stück. In messerscharfen Worten erzählt es davon, dass Machtmissbrauch nicht (nur) Männersache ist, dass Feminismus nicht automatisch Solidarität heißt, dass Tampons ein Kündigungsgrund sein können und Arbeitsrecht eh für'n Arsch ist. Es geht um Intrigen, Verrat und Kapital, um Neid, Wut und Schwerter. Es ist eine böse Satire über Frauen und Macht und was Macht mit Frauen macht. Mit dem harmlosen Titel "Der Liebling".
Tänzchen im Turbokapitalismus
Die Regisseurin Anita Vulesica hat den Text uraufgeführt, mit Fritzi Haberlandt als launischer Franka König und Abak Safaei-Rad als verdrogter Bettina Fürstenberg. Dazu gruppieren sich der ewig übergangene Junior (Frieder Langenberger als Karsten König), die waldbadende Tradwife Influencer-Tochter (Mareike Beykirch als Rebekka Fürstenberg) sowie die sisters in crime Luna und Mary Landt (Henni Jörissen und Katrijja Lehmann).
Inhaltlich geht's unter anderem um eine Sammelklage, eine abgeknickte Schauspielerinnenkarriere, eine mögliche Fusion zweier Tampon-Firmen und einige Generationenkonflikte. Außerdem um Ausbeutung, Kontrollverlust und impulsgesteuerte Beförderung. Kurz: turbokapitalistisches Business as usual.
CEO am Limit: Fritzi Haberlandt spielt auf der Bühne von Henrike Engel, im Kostümbild von Janina Brinkmann © Eike Walkenhorst
Vulesica inszeniert den Text grell und überzeichnet und in irrwitzigem Tempo. Mit absurden Tanzeinlagen, offenen Schnittwunden und Blutfontänen (Video: Philip Hohenwarter). Überdreht rauschen die Spieler*innen durch ein angeknabbertes Edel-Entrée mit Chaiselongue und geschwungener Treppe (Bühne: Henrike Engels), bekriegen sich in den grandiosen Kostümen von Janina Brinkmann, die voller Anspielungen sind auf Sonnenkönige und solche, die es werden wollen. Geschickt charakterisiert Brinkmann die Figuren je nach Generation mit Rüstungselementen, ausladenden Kleidern und Barockfrisuren, positioniert sie im Trash-, Splatter- oder Historienfilm, zwischen Pop, Allonge-Perücken und "Der Teufel trägt Prada".
Social Media siegen im Schlachtgetümmel
Aus dem Auge des Wirbelsturms ragt eine grandios virtuose Fritzi Haberlandt heraus, deren Figur wie die der anderen auch bald im Chaos zahlloser Binnenkämpfe versinkt. Gruselig schnell geht ihnen allen im Schlachtgetümmel der Blick auf die Gefahr von rechts verloren. "Ihr seid over, Leute" pfeift Beykirchs deutschblonde Rebekka dann. Social Media und sie haben längst beide Firmen in der Hand. Ein fieser, fröhlicher Abend auf Speed, nein es war Koks, über die Abgründe der Macht. Danach braucht man erstmal ein Flaschenbier – das man natürlich irrsinnig laut bestellt.
Der Liebling
von Svenja Viola Bungarten
Regie: Anita Vulesica , Bühne: Henrike Engel, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Carolina Bigge, Choreographie: Mirjam Klebel, Video: Phillip Hohenwarter, Licht: Kristina Jedelsky , Dramaturgie: Lilly Busch.
Mit: Mareike Beykirch, Fritzi Haberlandt, Henni Jörissen, Frieder Langenberger, Abak Safaei-Rad, Katrija Lehmann.
Uraufführung am 14. März 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.deutschestheater.de
Kritikenrundschau
"Jede einzelne in diesem weiblich dominierten Sumpf aus Machtmissbrauch, Intrigen und persönlichen Konflikten befindet sich im maximalen Erregungszustand", so Katrin Pauly in der Berliner Morgenpost (16.3.2025). Der Abend sei komisch, enorm temporeich und wie immer bei den Inszenierungen von Anita Vulesica sehr körperlich gespielt, "man fühlt sich also durchaus gut unterhalten". Aber streckenweise gehe es so überdreht zu und "die Figuren sind zugunsten der Komik so überzeichnet, dass die in Bungartens Text eigentlich ganz klug angelegten individuellen Untiefen wenig Raum finden, sich zu entfalten".
Eine "schrille Maximalfarce" sah Christine Wahl für den Tagesspiegel (17.3.2025) am DT. "Komödienspezialistin Anita Vulesica“ inszeniere das Bungarten-Stück "von Beginn derart auf Highspeed und Klamotte, dass Realismusnäheverdacht gar nicht erst aufkommt"; gut sei auch, "dass sie auch die finalen Versöhnungsutopien aus Bungartens Stück in ihrer Inszenierung etwas zurückfährt".
Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (17.3.2025) befällt "das Gefühl, allein durchs Zusehen erschöpft zu werden. Da erturnen sich die Schauspieler ihre Figuren so schweißtreibend und rufen ihre Texte so dauerhaft überreizt ins Publikum, dass die Anstrengung auf der Bühne automatisch in den Zuschauerraum überschwappt. Nicht Energie übertragend, sondern aussaugend." Der Humor sei an diesem Abend "unangemessen übertrieben". Das Stück von Bungarten sei voller "palimpsesthaften Überlagerung von Dutzenden Verweisen, Zitaten, Theorieversatzstücken, aus denen sich seine zombihaften Figuren zusammensetzen", wobei die sich "alle Figuren noch selbst viel zu viel" erklärten.
Eine "aggressive Komödie" sah André Mumot für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (14.3.2025). Das Stück sei "sehr gelungen und sehr witzig", "präzise und scharf formuliert", voller "toller" Dialoge, in denen es "toxische Weiblichkeit zur finalen Vergeltungsschlacht schickt". Mit der Inszenierung hat der Kritiker aber "ein ziemliches Problem", weil da von Anfang an "so aufgedreht", so "laut, krawallig und brachial Komödie gespielt" wird, dass der "feine Witz" oder "der absurde Witz der Dialoge" nur "rausgebrüllt wird".
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Diese Beschreibung zeigt schon, womit wir es bei Svenja Viola Bungartens neuem Stück „Der Liebling“ zu tun haben: einer feministischen Farce mit stark überzeichneten Figuren, zu denen noch ein Tradwife (Mareike Beykirch), eine weitere CEO, die in ihre Erzrivalin verliebt ist (Abak Safaei-Rad) sowie zwei Schwestern auf Rache-Mission (Henni Jörissen und Katrija Lehmann).
Obwohl Uraufführungs-Regisseurin Anita Vulesica eine begabte Komödiantin ist und sie gerade mit ihrer Hamburger Inszenierung „Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh“ erstmals zum Theatertreffen eingeladen ist, treten die zwei Stunden oft auf der Stelle.
Zu überfrachtet wirkt die Farce, zu viele Facetten „toxischer Weiblichkeit“, die Dramaturgin Lily Busch aufzählt, wollte Autorin Bungarten in ihrem zwischen Splatter und weiblicher Versöhnungs-Utopie schwankender Farce unterbringen. Dass sie Talent hat, bewies sie schon mit „Maria Magda“, das beim Heidelberger Stückemarkt vorgestellt wurde und in Münster uraufgeführt wurde.
Immerhin darf das Publikum wieder mal Fritzi Haberlandt auf der Bühne live erleben, die sichtlich Freude hat, die „toxischste aller Bitches“ zu spielen, wie ihr zu Beginn attestiert wird. Nach den zwei Theaterstunden ist aber nicht mehr so eindeutig, ob die anderen überdrehten Klischee-Figuren der von Haberlandt verkörperten Franka König in puncto Toxic Bitchness wirklich so unterlegen sind.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/03/14/der-liebling-deutsches-theater-berlin-kritik/