Die drei Leben der Hannah Arendt - Deutsches Theater Berlin
Cocktailparty mit Sendungsbewusstsein
26. Oktober 2025. Hannah Arendt hat derzeit einen Lauf auf der Bühne. Theresa Thomasberger nähert sich der unangepassten Theoretikerin am Deutschen Theater Berlin anhand einer Graphic Novel. Die fünf Hannah-Lookalikes sind hier richtig gut drauf.
Von Simone Kaempf
Die drei Leben der Hannah Arendt am Deutschen Theater Berlin © Jasmin Schuller
26. Oktober 2025. Sie hatte mindestens sieben Leben, wenn nicht mehr. Jedenfalls mehr als drei, die der Titel dieses Abends suggeriert, der Hannah Arendts Denken auf die Spur kommen will und ihre abenteuerliche Biografie nachzeichnet mit den vielen Stationen von der Kindheit in Königsberg bis zu ihrem Lebensende in New York City. Wie schwierig das alles zusammen zu bekommen ist, merkte man jüngst schon bei dem Stück "Arendt. Denken in finsteren Zeiten" am Thalia Theater Hamburg, das gemischte Reaktionen auslöste. Corinna Harfouch spielte dort die Rolle der Philosophin, die sich nicht als solche verstand.
Mit Grande-Dame-Strenge
In Theresa Thomasbergers Inszenierung sind es jetzt fünf Spielerinnen, die als Hannah-Arendt-Lookalikes ein zumindest sehr buntes Bild abgeben: dunkle Kurzhaarlockenfrisuren sind eindeutig dem Original nachempfunden, dazu Kostüme, Hornbrillengestelle und immer wieder die Zigarette als unverkennbares, intellektuelles Statussymbol der Zeit. Am Rande ist ein kleines Fernsehstudio mit Scheinwerfern und einem Ohrensessel aufgebaut, um den die verschiedenen Hannahs anfangs wie Freundinnen zusammenhocken.
Abak Safaei-Rad übernimmt den ersten Arendt-Part in der einem Reenactment ähnlichen Szene des berühmten Interviews mit Günter Gaus. Das Gespräch aus dem Jahr 1964, das man auf vielen Kanälen anschauen kann, ist ein eindrückliches Zeugnis von ihrer nonchalanten und konzentrierten Präsenz, Sprechweise und ihrer speziellen Art, "von einer Idee, einer Emotion, einer Ahnung ergriffen zu werden, zu deren Träger dann ihr Körper wurde", wie es einmal heißt.
Interview-Reenactment im berühmten Ohrensessel © Jasmin Schuller
Safaei-Rad schwenkt Zigaretten, schürzt die Lippen und gibt ihrer Figur eine Grande-Dame-Strenge, die mehr einer skurrilen Karikatur gleicht, unfreiwillig vermutlich. Dass Günther Gaus von einem Kinderdarsteller gespielt wird, macht die satirische Schlagseite noch eindeutiger. Der Ton des Abends aber ist gesetzt für das Stationendrama, das sich chronologisch entspinnt: die Kindheit in einem liberal-jüdischen Elternhaus, der frühe Tod des Vaters, das Philosophiestudium in Marburg, wo sie eine Affäre mit Martin Heidegger beginnt, die Festnahme in Berlin durch einen SS-Mann, die in ihrer Erzählung als lustiges Abenteuer abläuft. Dann die Flucht nach Paris, Lagerhaft, wieder Flucht über Südfrankreich und Portugal nach New York.
Im Schatten der Komplexität
Chronologie und Titel des Abends sind der Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" von Ken Krimstein entnommen. Von dessen schnellen, klaren Zeichnungen bleibt auf der Bühne zumindest die Widerborstigkeit und der Wissensdurst des jungen Mädchens, die sich in der gestandenen politischen Theoretikerin fortsetzen. Anfangs spielt Svenja Liesau sie mit jugendlich-naivem Selbstbewusstsein. Diese Haltung zur Figur zieht sich weit durch die erste Hälfte, als hätte sie sich wirklich so lässig durch die Jahrzehnte bewegt. Eben noch Apfelstrudel im Romanischen Café in Berlin, dann Paris und schließlich New York. Es sind durchaus schöne, kurze Bebilderungen, die Thomasberger findet. Während der Überfahrt übergeben sich alle über eine Eisenreling. Bei der Ankunft in New York wirft eine der Hannahs ihren eigenen Schatten in Form einer riesigen Silhouette der Freiheitsstatue – endlich Freiheit.
Die Zigarette als intellektuelles Statussymbol © Jasmin Schuller
Aber all das bleibt im Schatten der Komplexität dieser Denkerin stehen. Die relevanten Themen kommen erst im letzten Drittel, wenn die fünf Hannahs gut gelaunt wie zur Cocktailparty zusammenkommen und ihre Punkte mit viel Sendungsbewusstsein zu erklären versuchen: ihre These von der Banalität des Bösen und die Kontroverse darum, welche Mechanismen Demokratien in totalitäre Regime umschlagen lassen, Arendts Vorliebe für perspektivisches Denken und eine von Pluralität bestimmte Welt. Aber in dem Schein-Streit-Gespräch mit ihren verfünffachten Egos bleibt all das papieren. Die Inszenierung zeigt ihre Fallhöhe, indem sie zum Schluss Hannah Arendt selbst sprechen lässt. Als Videoprojektion wird die letzte Szene aus dem echten Interview mit Günther Gaus eingespielt, und siehe da: Die Temperatur steigt schlagartig. An ihrer unnachahmlichen Elektrizität und Souveränität über ihre Lebensgeschichte beißt sich der Abend die Zähne aus.
Revueartiges Gemisch
Und was sind nun die drei Leben der Hannah Arendt? Gemeint sind die drei Sphären Denken, Lieben, Handeln, zu denen Hannah Arendt aus ihren eigenen Erfahrungen so klare Erkenntnisse zog. Aber in dem revueartigen Gemisch des Abends vermittelt sich das nur bedingt. Gesungen wird auch, einmal sehr berlinernd, dann eine schauerliche Moritat. Als komplettes Witzfigurenkabinett kommen die Männer weg. Am schlimmsten hat es Walter Benjamin getroffen, den Julischka Eichel als schulterhängenden Sonderling der verschrobensten Art spielt. Arendts späterer Ehemann Heinrich Blücher ist hier eine redselige norddeutsche Frohnatur, und gefährlicher, aber nicht minder verschroben, tritt Martin Heidegger ins Bild.
Hannah Arendt ist derzeit wieder überall im Munde, aber vielleicht ist es einfach keine gute Idee, sie auch noch zur Bühnenfigur zu erheben. Schon erst recht nicht als eine, die im Spagat aus Komik und Ernst verortet wird.
Die drei Leben der Hannah Arendt
nach der Graphic Novel von Ken Krimstein aus dem Englischen von Hanns Zischler, Texten von Hannah Arendt und einem Fernsehinterview von Günter Gaus mit Hannah Arendt aus dem Jahr 1964, in einer Theaterfassung von Bernd Isele und Theresa Thomasberger
Regie: Theresa Thomasberger, Bühne: Mirjam Schaal, Kostüm: Marilena Büld, Musik: Oskar Mayböck, Licht: Kristina Jedelsky, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Abak Safaei-Rad, Daria von Loewenich, Julischka Eichel.
Premiere am 25. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.deutschestheater.de
Kritikenrundschau
Theresa Thomasbergers Uraufführung "nähert sich in einer Art Biopic dem Leben und Denken der Hannah Arendt, und zwar im Grundgestus einer spielerischen Unbekümmertheit, die auch vor Klischees nicht zurückschreckt", berichtet Christine Wahl im Tagesspiegel (27.10.2025). Die Inszenierung bleibe "mit ihren Stil- und Darstellungsmitteln hinter der außergewöhnlichen Denkerin" zurück.
Mit "umwerfender Spielfreude“ begegne das Ensemble dem Arendt-Stoff, schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (27.10.2025). "Vielleicht kann man der Inszenierung vorwerfen, dass sie vor lauter Beschwingtheit den Schmerz, den Schrecken, die Angst, auch das Entsetzen über Auschwitz überspielt. Aber die Arendt-Hommage ist gerade im Respekt gegenüber der Souveränität ihrer Protagonistin auch absolut ehrenwert."
Als wirklich "schlimm" empfindet Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (27.10.2025) "die gespreizte Textaufsagerei". Sie schreibt: "Kontextlos zusammengeklaubte Satzgitter werden rauf und runter zitiert, mit denen niemand etwas anfangen kann, am wenigsten die Sprechenden selbst. Das genaue Gegenteil von dem wird da zelebriert, was man 'denken' nennt und für Hannah Arendt 'leben' war. Und so zerschmilzt die brillante Frau an diesem Abend zur plappernden Fassadenfigur."
Der Abend weckt bei Georg Kasch von der Morgenpost (27.10.2025) die "Lust, sich mal wieder mit Arendts Büchern zu beschäftigen". Er sei "immer dann am Stärksten, wenn er Arendts Thesen ausbreitet und dabei auch über die Comic-Vorlage hinausgeht".
Mehr "Wagnis" hätte sich Nina Apin von der taz (27.10.2025) gewünscht. "Was auf der minimalistisch ausgestatteten Bühne unter Zuhilfenahme unzähliger Theaterzigaretten aufgeführt wurde, war eine aus vielen Mosaikstücken zusammengesetzte Geschichtsstunde, die leider von keinem größeren künstlerischen Einfall zusammen gehalten wurde. Bis auf ein paar Brecht-Weill-artige Choreografien, die zwischenzeitlich für Schwung sorgten, floss der Abend dröge dahin."
Als "halbherziges Theater" erscheint Irene Bazinger von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.10.2025) diese Produktion. Sei sei "inhaltlich und ästhetisch nicht überzeugend, sondern von trübsinniger Redlichkeit getragen".
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Fernsehgeschichte hat das Interview von Günter Gaus, das er in der ZDF-Reihe „Zur Person“ mit der politischen Denkerin Hannah Arendt im Oktober 1964 führte. Eingehüllt in dichte Schwaden konterte die Kettenraucherin die Journalisten-Fragen mit süffisantem Lächeln, messerscharfem Verstand und je nach Situation mit maliziöser Ironie oder harschem Sarkasmus.
Fünf Spielerinnen aus dem DT-Ensemble (Mareike Beykirch, Svenja Liesau, Abak Safaei-Rad, Daria von Loewenich, Julischka Eichel) versuchen sich abwechselnd am Reenactment des Originals. Mit jeder Minute wird jedoch der große Abstand zum Original deutlicher, das in einem kurzen Ausschnitt ganz zum Schluss eingespielt wird.
Eine merkwürdige Entscheidung des Teams um Regisseurin Theresa Thomasberger und Bernd Isele, den neuen Chefdramaturgen des Hauses, war es, den prominenten Journalisten und späteren Ständigen Vertreter der Bundesrepublik in der DDR von einem Kinderdarsteller verkörpern zu lassen. Was ist Sinn und Zweck dieser Besetzung? Gaus zu veralbern und zu verzwergen? Was ist damit für die Auseinandersetzung mit Hannah Arendt, einer der bedeutendsten Theoretikerinnen und Zeitzeuginnen des 20. Jahrhunderts gewonnen? Meiner Meinung nach nichts.
Worauf will diese Inszenierung hinaus? Als Hommage bleibt sie zu oberflächlich. Komödiantisch und anekdotisch surft der Abend an einigen Stationen ihres Lebens entlang, im Schnelldurchlauf werden in den letzten Minuten zentrale Begriffe ihrer Schriften eingestreut, ohne etwas zu vertiefen. Im besten Fall weckt die launige Tour bei einigen das Interesse, sich intensiver mit Denken und Werk von Hannah Arendt zu befassen.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/10/25/die-drei-leben-der-hannah-arendt-deutsches-theater-kritik
Wenn Ihr Komödie machen wollt, dann macht das doch! Aber das ist euch zu billig. Also nehmt ihr ein garantiert nicht lustiges Sujet und macht daraus Komödie. Das ist leider der falsche Weg! Abgesehen davon, wenn ich das sehe, gehe ich auch nicht in eine Komödie von euch. Das muss man dann nämlich auch können. Das ist keine Frage der Entscheidung, das ist eine Frage des Handwerks. Aber das ist euch ja auch zu billig. Die Attitude ist scheinbar alles was zählt. Tut mir leid- Nein!