Endstation U-Bahn-Schacht

29. November 2025. Kae Tempests poetische Langgedichte erkunden die Entfremdung des Menschen in der Großstadt. Sebastian Nübling zeichnet mit dieser Lyrik am Deutschen Theater das Bild einer verwahrlosten Welt.

Von Simone Kaempf

"Let Them Eat Chaos" von Kae Tempest am Deutschen Theater Berlin © Thomas Aurin

"Let Them Eat Chaos" von Kae Tempest am Deutschen Theater Berlin © Thomas Aurin

29. November 2025. Tiefe Nacht in der Großstadt, kurz vor halb fünf: Wer jetzt noch wach ist, der grübelt. Weil die Welt kaum noch verstehbar ist, und die Stadt ein Moloch aus Verdrängung, Kommerz, Erschöpfung. Weil die unschuldigen Party-Zeiten längst vorbei sind und nur Unheil brachten: Alkohol, Drogensucht, Tod. Die, die in "Let Them Eat Chaos" nicht schlafen, kämpfen mit inneren Dämonen und der Vergangenheit, zerrissen zwischen Sehnsüchten und Desillusionierung. 

Im Mahlstrom an Gedanken

Sieben Bewohner*innen einer Straße in London führt Autor und Spoken Word Artist Kae Tempest in "Let Them Eat Chaos" zusammen. Grundverschiedene Menschen aus verschiedenen Schichten. Und doch gleichen sich ihre Nöte, geprägt von Entfremdung, Unsicherheit, alle gefangen in einem Mahlstrom an Gedanken, in dem sich die Gewissheiten auflösen. 

Wandernde in der Nacht: das Ensemble auf Dominic Hubers Bühne. © Thomas Aurin

Eigentlich müssten Tempests besondere Texte fürs Theater noch viel mehr gespielt werden. Sie stehen in einer Tradition englischer Dramatik, die radikaler als anderswo verdeutlicht, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf das private Leben auswirken. Wobei Kae Tempest dem Langgedicht mit seiner Musik noch einen ganz eigenen Sound verliehen hat, nie aggressiv, aufrührend und drängend und doch zärtlich dem Mensch gegenüber. Seine eigenen Live-Performances kann man nachschauen und nachhören, samt ihrer hoffnungsvollen Botschaft nach Gemeinsamkeit, die Tempest selber "radikale Empathie" nennt – und die eine Inszenierung doch nicht so einfach macht.  

Dystopisches Stadtbild in Zeitlupe 

Regisseur Sebastian Nübling entzieht sich dieser Empathie nicht, dem Tempest'schen poetischen Flow allerdings umso mehr. Atmosphärisch könnte die Inszenierung nicht weiter weg liegen. Ein U-Bahn-Gitter ist wie ein Laufsteg quer über die Bühne von Dominic Huber gebaut. Von unten scheint Licht hoch, das auf den Gesichtern harte Schatten wirft. Bald hört man Metallräder quietschen, U-Bahn-Türen schlagen, heulende Krankenwagen-Sirenen. Elektrisches Sirren und metallisches Reiben untermalen die Szenerie, für den Abend komponiert von Jackie Poloni. Eine dräuende, städtische Soundcollage, die am Hör-Nerv zerrt.

Und auch sonst ist Vieles überraschend hart geraten. In ein dystopisches Stadtbild übersetzt Nübling Tempests Beschreibungen einer verwahrlosten Welt. Und dazu passt, wie er den Text körpersprachlich choreografiert: In Zeitlupentempo schreiten die sieben Schauspieler*innen über das Gitter. Gebeugte mit hängenden Schultern, verlangsamt bleiernen Beinen, die Jogginghose tief hängend, im Bademantel und Hausschuhen, müde und getrieben gleichzeitig.

Gebeugte mit hängenden Schultern © Thomas Aurin

Das Gruppenbild ist stark, Experiment gelungen, möchte man schon sagen. Doch Nübling verlässt die stark geformte Körpersprachlichkeit und wendet sich den sieben einzelnen Straßenbewohner*innen zu, die ihren Gemütszustand deutlich improvisiert erspielt haben: Jonas Hien erzählt als Jemma eher leise und stockend, wie es heranwachsend auf Drogen war: "Ich habe Dinge gesehen, als ich jung war, die mich zu dem machten, was ich heute bin." Da ist die Krankenschwester (Mercy Dorcas Otieno), die von der Doppelschicht kommt und ihre Sorge um die Welt mit bruchstückhaften Sätzen spickt: "Ich fühle den Aufstand kommen".

Jens Koch verleiht dem sinnsuchenden PR-Agenten mit Dauergrinsen und Bohrmaschine in der Hand die Anmutung eines unfreiwillig komischen Serial Killers. Und Manuel Harder spielt seine Figur mit einer drogen-gesättigten Überspanntheit und ausufernden Redseligkeit, die sich viel zu viel Raum nimmt. Um den Preis, dass sich der Text-Mahlstrom plötzlich anhört wie von Menschen, die auf der Straße mit sich selbst sprechen. Wenn es raunt "Ein Sturm wird kommen", klingt der Text dadurch auch verschwörungsschwurbelig wie von der falschen Seite.  

Nachtschwarz düster 

Der gewaltige Sturm aus Tempests Stückvorlage, der über die Stadt ausbricht und die Menschen auf der Straße erst zusammenbringt, bleibt in der Inszenierung tatsächlich aus. Gestrichen ist damit die Hoffnung auf Gemeinschaft. Die Dystopie hält der Abend allerdings auch nicht durch. Rosen werden plötzlich aus dem U-Bahn-Gitter geschoben, die Szene gerät veralbert. Natali Seelig verkörpert am Herausstechendsten den Zwischenzustand, in dem die Figuren wie gefangen sind. In Bademantel und Hausschuhen pflegt auch sie kleine Ticks, als schwirre ihr morgens um kurz vor halb fünf gehörig der Kopf angesichts der düsteren Welt. Da blitzt echte Zärtlichkeit auf gegenüber der Figur. Ansonsten sieht es nachtschwarz düster und dystopisch aus in dieser Inszenierung. Es bleibt das Bild einer Gruppe mitgenommener Menschen auf dem U-Bahn-Schacht. Ein anderes gibt es nicht.  

Let Them Eat Chaos
von Kae Tempest
Aus dem Englischen von Johanna Davids, in einer Bühnenfassung von Sebastian Nübling und Christopher-Fares Köhler
Regie: Sebastian Nübling, Bühne: Dominic Huber, Kostüm: Una Jankov, Musik: Jackie Poloni, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Christopher-Fares Köhler.
Mit: Manuel Harder, Jonas Hien, Jens Koch, Alexej Lochmann, Mercy Dorcas Otieno, Natali Seelig, Caner Sunar.
Premiere am 28. November 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

"Sieben Normalmenschen in Alltagsklamotten – nur Natali Seelig sticht in grünem Bademantel und gelben Puschen heraus", hält Eva Behrendt in der taz (30.11.2025) fest. Doch der Druck, den die Spie­le­r:in­nen in ihre Stimmen legen, wirkt auf die Kritikerin häufig aufgesetzt. Obendrein fehle der Übersetzung von Johanna Davids die performative Geschmeidigkeit des Originals. "Und so sehr der Regisseur zunächst auf Abstraktion und gegen Illustration inszeniert, kommt sie doch durch die Hintertür wieder rein." Überzeugende Bilder findet er für den Stoff für Behrendt allerdings nicht.

"Aus Kae Tempests furiosem Album und Langgedicht 'Let Them Eat Chaos' wird bei Regisseur Sebastian Nübling eine brave Kunstanstrengung. Ohne Apokalypse, ohne Hoffnung, ohne Drive", heißt es bei Barbara Behrendt auf rbb|24 (29.11.2025). 

"Momentweise leuchtet diese Theaterfassung", so Elena Philipp in der Berliner Morgenpost (online 29.11.2025). "Aber wo in Tempests Text die poetische Vieldeutigkeit schillert und jede Protagonistin in einen dichten Kokon aus Kontext eingewoben ist, der jede Charakter- immer auch zu einer Milieustudie macht", stünden die Sieben hier als Einzelwesen da. Das sei exakt das Gegenteil dessen, was Kae Tempest mit seiner Kunst erreicht. "Und doch wünscht man dem theatralen Experiment, dass es sich nach der Premiere noch eingroovt und seine eigene performative Kraft entwickelt." 

"Flackerlicht und Videofitzel, Stadtklänge und Bassimpluse faken eine urbane Atmosphäre", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (online 29.11.2025). Einen Blick von außen gibt es nicht, nur das Knäuel von sieben Schauspielern, "mal mehr, mal weniger virtuos, angestrengt oder feucht". Da dringe kein Rhythmus, kein Herzschlag zum Publikum durch, "sondern es entweicht nur fleißiger Etüden- und Handwerksdampf".

"Sanfter und weicher" sei der Ton bei Kae Tempest, vergleicht Tobi Müller in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (28.11.2025) und vernimmt in der Bühnenumsetzung der Gedichte einen "Stadttheaterton, der immer ein bisschen außer sich ist". Wesentliche Änderung der Bühnenfassung gegenüber Tempest sei der Wegfall der Apokalypse und die Anrufung der Liebe. Das emphatische Lob des Beitrags gilt im Ganzen eher der Lyrik von Kae Tempest als ihrer Bühnenadaption am DT.

"Dass die siebzig Minuten, die das Ganze eigentlich nur dauert, sich gefühlt enorm aufplustern, liegt daran, dass der Ton – anders als bei Tempest selbst – erstaunlich eindimensional klingt", urteilt Christine Wahl im Tagesspiegel (1.12.2025). Trauer, Wut, Ohnmacht, Angst, Verzweiflung, Kapitalismus, Gentrifizierung: Das sei an diesem Abend alles eins. "So schrumpfen Tempests anskizzierte Großstadtfiguren, die zwar mit durchaus archetypischen Metropolen-Mindsets ausgestattet sind, im vieldimensionalen und grundempathischen Original aber eine völlig andere Tiefenschärfe bekommen, hier zu ziemlichen Klischees."

Kommentare  
Let Them Eat Chaos, Berlin: Andersrum
Da haben Sie in der Presseschau meine Kritik in einem Punkt um 180° gedreht. Sanfter und weicher ist der Tonfall von Tempest, den wir im Gespräch im Radio anfangs original eingespielt haben, und gerade nicht die Inszenierung im deutschen Theater. Aber danke fürs Zusammenfassen und für den Link.

______

(Anm. Redaktion. Das war dem gesprochenen Wort tatsächlich nicht so leicht zu entnehmen, weil die Stelle (etwa bei 5:20) wie eine Parenthese wirkte. Es ist noch einmal nachgehört und berichtigt worden.)
Let Them Eat Chaos, Berlin: Keine Love
Neben Müller spielen auch andere KritikerInnen Tempest ein - um zu zeigen wie dritte Person, Apokalypse und Liebe bei ihr angeliefert werden. Aber was soll uns das sagen? Hätte das DT Tempest einfliegen und um eine Spoken-Word Performance bitten sollen?
Oder noch schlimmer: es genau so nachspielen sollen?
.
Behrendt vermisst die Hoffnung. Und die Apokalypse. Wer durch Neukölln geht und dem 50ten Bettler kein Geld mehr gibt (weil es seit Jahren dieselben Gesichter sind), weiß halt, dass es weder das eine noch das andere gibt.

.
Verlogen wäre doch, sich das im Theater herbei zu phantasieren, um dann auf der Rückfahrt mit der S-Bahn nach Charlottograd wegen dem Stinkenden Obdachlosen den Wagen zu wechseln. Es gibt halt keine LOVE, auch bei Kritikern nicht.
Let Them Eat Chaos, Berlin: Texte sprechen können
Wer zu einem Theaterabend zu Kae Tempest geht, kennt ihre und seine Texte wahrscheinlich, kennt den Sog ihrer/seiner Texte und weiß um die Stärke dieses unverwechselbaren Sogs. Richtig, man kann ihn im Theater nicht imitieren, sollte es auch nicht, aber eine Idee sollte man schon haben. Der Anfang war stark und auch das Ende, wenn sie gemeinsam als dieses Menschenknäuel sprechen, das da in der Großstadt umherirrt. Ich habe zumeist die Augen geschlossen, um das Wummern der Musik zu hören, den Rhythmus oder den Sound. Aber dazwischen? Da sprechen Schauspielerinnen und Schauspieler einen Text, sie sagen ihn mehr auf. Das tut weh. Einzig Manuel Harder und Natali Seelig transportieren etwas von dem Tempest-Sound, dem Dringlichen. Und sie können sprechen. Ich habe nicht die Hoffnung vermisst, aber Schauspieler, die sich in den Dienst eines Textes stellen. Aber das hätte auch der Regisseur hören können.
Let Them Eat Chaos, Berlin: Stärken des Regisseurs
Die Körper seiner Spieler*innen zu choreographieren ist eine der Stärken des Regisseurs Sebastian Nübling, der lange an Shermin Langhoffs Gorki Theater inszenierte und hier seine zweite Arbeit am DT Berlin zeigt. Unterlegt von Geräuschfetzen vorbeiziehender Fußball-Fans oder der nächsten Waggons auf den Gleisen ziehen die sieben einsamen Großstadtmenschen unbeirrt ihre Bahnen.

Jede und jeder von ihnen bekommt in den 75 Minuten ein kleines Solo, kurze Skizzen zeigen in Close-ups die bereits bekannte Verzweiflung der Figuren. Nur eine einzige Klangfarbe kennt dieser kurze Abend: Fehlende Hoffnung, Verzweiflung und Apathie. Wie Zombies wirken die Figuren und erinnern an die Klimakrisen-Opfer aus dem T.C. Boyle-Roman „Blue Skies“, die seit September 2024 ihre depressiven Kreise auf der Kammerbühne des Deutschen Theaters Berlin ziehen.

Komplette Kritik: https://www.daskulturblog.com/2026/01/21/let-them-eat-chaos-deutsches-theater-berlin-kritik
Kommentar schreiben