Kein Licht in Neverland

26. Oktober 2024. Dieser Peter Pan ist gefühlt schon achtzig und hat graues Haar. Auch sonst ist nichts wie sonst. Als kollektive Arbeit des Ensembles unter Leitung von Alexander Eisenach und Jan Jordan ist dieses Mash-Up aus Texten und Motiven von T.S. Eliot, J. M. Barrie und Patty Kim Hamilton angekündigt. Ein düsterer, konsequenter Abend.

Von Simone Kaempf

"Wasteland: Peter Pan" mit Texten und Motiven von T.S. Eliot, J. M. Barrie Peter Pan und Patty Kim Hamilton am Deutschen Theater Berlin © Jasmin Schuller

26. Oktober 2024. Es dräut bedrohlich, Stoßseufzer sind zu hören, und Leuchtstoffröhren flackern wie kurz vor dem Blackout. "Dies ist die letzte Nacht, alle müssen sterben", lautet der erste Satz, den Natali Seelig ins Mikrofon singt und sich gleichzeitig an einen Krankenhaus-Tropf klammert. Atmosphärisch ist an diesem Abend früh alles klargemacht: Endzeitstimmung herrscht. Die Feen sind gealtert, die Kinder auch, die Eltern von Ängsten gepeinigt. Im sagenumwobenen Neverland steht einem das Wasser bis zum Hals.

Schweres Fluggerät

In den Lüften sieht es nicht viel anders aus. Das in Peter Pan so schön beschriebene Glück des Fliegens übers Meer ist hier eine Quälerei. In einem seltsamen Geschirr baumelt Wendy (Lorena Handschin) wie nach einem Fallschirmabsturz als unglücklicher Clown, die Flügel zerfetzt. Das archaische Fluggerät scheint tonnenschwer. Als Last wird es einmal mühsam getragen, statt damit abzuheben – so wie der ganze Abend ein endzeitliches Räderwerk bewegt. 



"Wasteland: Peter Pan" heißt der Abend, der ursprünglich auf einer Textfassung von Patty Kim Hamilton beruhen sollte. Regisseurin Jessica Weisskirchen hat die Regie vor zwei Wochen zurückgegeben. Alexander Eisenach und Jan Jordan sprangen als künstlerische Leiter ein, wie es offiziell heißt. Von Hamilton ist dann nur ein Text geblieben, keine Uraufführung mehr.

Deprimierende Welten

Dazugekommen ist einiges aus T.S. Eliots Langgedicht "Das öde Land", das für sich schon eine Herausforderung ist. Ein wuchtiger Text, geschrieben 1922 unter dem Eindruck eines Nachkriegseuropas mit Streiks, Wirtschaftsnöten, existenzieller Krise – der viel rätselhaft Mäanderndes in die Peter Pan Grundgeschichte trägt. Ein Abend, der also einen steinigen Weg hinter sich hat, und bei aller spürbaren Sprunghaftigkeit und Zerfaserung in seiner Endzeitstimmung konsequent bleibt.

WASTELAND 1 Jasmin Schuller Zerfetzte Feen und andere Ungeheuerlichkeiten auf der Bühne von Kathrin Frosch © Jasmin Schuller

Die Drehbühne rotiert zwischen deprimierenden Welten: In einem Käfigverschlag hausen die Eltern, die Gegenwelt Neverland ist schmucklos wie eine Gummizelle der Psychiatrie. Aus grell beleuchteten Schlitzen schlüpft ein zerrissener Elf (Frieder Langenberger) wie aus den hintersten Ecken der Weltgeschichte, um von verregneten Sommern, Karthagos Niedergang oder dem tristen Liebesleben einer Londoner Sekretärin zu erzählen.

T.S. Eliots Textzeilen werden zwischendurch herzzerreißend gesungen, zwei Musiker sind mit auf der Bühne. Inhaltlich passt das im Laufe des Abends immer besser zur Mutterfokussiertheit, Vergesslichkeit und dem wenig altersgerechten Verhalten, das an den Tag gelegt wird. Auf dem Peter Pan Syndrom liegt mehr Fokus als auf der Figur selber – stellenweise trotzt das sogar Komik ab. Allen voran Lenz Moretti als Peter Pan trumpft hier auf als gefühlt Achtzigjähriger, der immer noch das Kind spielt.

Trauer über das verpasste Leben

Als kollektive Arbeit des Ensembles unter künstlerischer Leitung von Alexander Eisenach und Jan Jordan ist der Abend jetzt angekündigt. Moretti jedenfalls dreht wie ein unermüdlicher Rockstar auf und peitscht alle an, etwas Lustiges zu machen, bis endlich jemand sagt: "Du bist alt, schau Dich mal an." Ein Energiebündel ersten Ranges mit ergrauten Zottelsträhnen und runzeligen Altersflecken, der versucht all die Illusionen aufrechtzuerhalten: Von Neverland, der ewigen Jugend und dem Nicht-Erwachsenwerden. Doch auch Peter Pan muss an diesem Abend sterben. Vor ihm aber sterben die Illusionen: der Glaube an Neverland, an verzauberte Figuren und eine andere Welt. "Alles nur Spiel. Ich sehne mich nach etwas Echtem", rauscht die Fee davon.

WASTELAND 2 Jasmin SchullerLenz Moretti ist Peter Pan © Jasmin Schuller

Es bleibt die Erzählung vom Sterben, der letzten Nacht, wie es am Anfang heißt, in der sich Realität und Traum vielleicht nicht mehr unterscheiden. Es ist der Monolog aus der Feder von Patty Kim Hamilton, der dem Abend eine Klammer schenkt, und wie Natali Seelig ihn spricht, mischt sich viel Trauer über verlorene Welten und verpasstes Leben drunter.

Eine schlafwandlerische Szene, die viel mehr ist als Illustration wie so einiges zuvor an dem Abend. Denn Alexander Eisenach und Jan Jordan fahren szenisch auf und das Bühnenbild hebt sich irgendwann mit schwerem Dröhnen in den Schnürboden als fliege ein Ufo davon. Großer Mitteleinsatz insgesamt, der am Ende eine düstere Post-Peter-Pan-Geschichte auf die Bühne hievt.

Wasteland: Peter Pan
mit Texten aus T.S. Eliots Das öde Land, deutsch von Norbert Hummelt, Motiven aus J. M. Barries Peter Pan und einem Text von Patty Kim Hamilton
Künstlerische Leitung: Alexander Eisenach, Jan Jordan, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Zoë Agathos, Musik (Einspieler): Chiara Strickland, Licht: Thomas Langguth, Dramaturgie: Christopher-Fares Köhler.
Mit: Lorena Handschin, Jonas Hien, Frieder Langenberger, Lenz Moretti, Mery Dorcas Otieno, Natali Seelig, Caner Sunar. Live-Musik: Rahel Hutter, Niklas Kraft.

Premiere am 25. Oktober 2024

Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause


www.deutschestheater.de



Kritikenrundschau

"Der kurze Theaterabend sendet in gut einer Stunde eher Bilder, Musik und Grabesstimmung aus, statt einer Geschichte zu erzählen", gibt Barbara Behrendt auf rbb24 zu Protokoll (26.10.2024). In seinen Bildern, Szenenskizzen, der Musik gebe es zwar wunderbare Momente. "Lorena Handschin am Klavier etwa, die eine traurige Version von 'I can never go home anymore' von den Shangri-Las singt." Letztlich aber sei "die sehr reduzierte, performative Installation zu schmal für ein Hauptstadttheater dieser Größenordnung".

"Am Ende zeigt dieses kurze, dunkel-funkelnde Albtraumpanoptikum in den Kammerspielen die eigentlich aufklärerische Unterseite dessen, was 'Das Dinner' vorne nur glattschleift", schreibt Doris Meierhenrich in ihrer Doppelkritik mit Dömötörs `Dinner`-Inszenierung in der Berliner Zeitung (27.10.2024, €). Die Text-Collage aus T. S. Eliots "Wasteland" und James M. Barries "Peter Pan" funktioniert aus Sicht der Kritikerin gut. "Alexander Eisenach klappt die Oberfläche der guten Gesellschaft auf und findet Kaputtheit und Gewalt."

"Der visuelle Touch der Produktion erzählt gelungen von der Verwandlung eines Traums, der mit Wünschen begann, in einen Alptraum", urteilt Katrin Bettina Müller in der taz (27.10.2024). "Doch vieles bleibt auch rätselhaft. Man bräuchte mehr Raum und Konzentration, um sich in die Passagen aus T. S. Eliots Gedicht einzuhören, das als ein Meilenstein auf dem Weg in eine Moderne gilt, die ihre Sinnstiftung verloren hatte. So bleibt vieles ein Splitter, hingeworfen und man wüsste gerne mehr, warum."

Als "Bilderreigen vom Sterben – im gegenständlichen wie im übertragenen Sinn" beschreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (27.10.2024, €) die Kollektivarbeit vom Deutschen Theater. Die Ödnis von Eliots "Waste Land" transportiere sich dabei "schlüssiger über die Bilder denn über die anspruchsvollen Textfragmente als ein hoffnungslos kaputtes Endzeitszenario". Zu bewundern sei "eine tolle Lorena Handschin als höchst ambivalente, abgründige Wendy – in einem Abend, der ansonsten genauso disparat wirkt, wie seine Genese es vermuten lässt".

Kommentare  
Wasteland, Berlin: Schnick Schnack
An einem Theater was einst als Ideengeber neuer Dramatik diente, kann man nun zusehen wie sich ein Haus in die Belanglosigkeit spielt. Das mit diesem Abend bereits die dritte Regie ihre Arbeit in dieser Spielzeit niedergelegt hat spricht Bände.
Das war die dritte Premiere der ich diese Spielzeit am DT beigewohnt habe und bis auf weiteres wohl auch erstmal die letzte.
Schrecklicher Abend an dem jeder technische Schnick Schnack zum Einsatz kommt, den ein Haus so zu bieten hat. Nur gutes Schauspiel findet man in der guten Stunde nicht.
Wasteland, Berlin: Zärtlich-brachiale Wucht
Aus Gründen der Transparenz: Ich durfte dieses Inszenierung bereits in einer Hauptprobe anschauen und danach stand für mich fest, ich muss es nochmal sehen! Mit etwas Glück habe dann auch noch eine Karte für die Premiere bekommen.

Ich muss sagen, dieser Abend hat mich zutiefst berührt. Beide Male. Und wahrscheinlich auch ein drittes oder viertes Mal. Ich bin immer noch zutiefst beeindruckt von dem Ton der von allen Beteiligten gefunden und auf die Bühne gebracht wurde. Gerade um Stücke die sich mit dem Thema Tod und Vergänglichkeit auseinandersetzen mache ich seitdem genau diese Themen in die engste Familie eingebrochen sind einen großen Bogen - oft zu naiv, nur an der Oberfläche, der Versuch des Nachempfindens gesunder Körper und Geister dessen, was wahrscheinlich nur die Sterbenden verstehen und formulieren können. Aber dieser Abend war anders - für mich. Ich habe eine Zeit gebraucht, um für mich einen Weg durch diese Never-/Wasteland zu finden, so wie jedes Mal, wenn ich in eine gute Ausstellung gehe und in einen anderen Rezeptionsmodus finden muss. Denn dieser Abend ist für mich wie eine gute Ausstellung: Lauter Angebote der Identifikation die mir gegeben werden, eine gut ausbalancierte Anzahl von Leerstellen, die durch mich zu füllen sind, keine deklamatorischen Thesen oder Analysen über das Weltgeschehen - viel mehr war ich herausgefordert mal kurz in dieser fieberhaften Traumlogik ins Spüren und Empfinden zu kommen. Doch da hat mir altes Internetkind schon die Bühne mit ihrer liminalen "Backrooms"-Ästhetik geholfen - eine Zwischenwelt, eine Traumwelt, die sich ein stückweit gegen das rationale Verstehen sträubt - eben wie ein Traum mit seiner eigenen Logik, die rational eben auch nicht vollends verständlich sind.
Mit war "Das wüste Land" im Vorfeld nicht bekannt, habe aber noch nächtens nach der Hauptprobe alles hierzu reingepfiffen. Beim zweiten Schauen waren die Eliot-Passagen daher viel leichter ersichtlich - doch der Zauber des Textes war nicht verschwunden. Vielmehr habe ich bewundert, wie fein gebarbeitet der Text in die liminale Neverland-Geschichte eingepflochten wurde und in einem anderen Kontext eine zärtlich-brachiale Wucht entfaltet hat, die dem Abend die Tiefe eines echten multiperspektivischen Kunstwerks gegeben hat.
In den Gesprächen nach der Vorstellung habe ich festgestellt, dass je nach Figur, auf die man sich persönlich fokussiert hier völlig unterschiedliche Abenden im inneren Theater abelaufen sind - erfrischend, in einer Theaterwelt, die m.E.n. sich viel zu schwer tut, Ambivalenzen und Ambiguitäten auszuhalten und nicht in die Falle einer Vereindeutigung zu fallen.


Um noch einmal zum radikal Subjektiven zurückzukehren: Dieser Abend hat gerade in der zweiten Hälfte Passagen, die mich zum befreiten Weinen gebracht haben, in dem sich meine zum Alltag gewordenen Ängste um und Wünsche für meine Angehörigen und nahen Menschen mit den Bildern auf der Bühne kongruent waren und ich nur dankbar sein kann. Dankbar, dass diese Inszenierung mir gezeigt hat, dass Katharsis wirklich existieren und dem Theater wirklich transformative Kraft innewohnen kann.
Danke!
Wasteland, Berlin: Steinbruch mit Fundstücken
Düster und zutiefst pessimistisch war schon das Eröffnungs-Wochenende am Deutschen Theater Berlin. Mit „Wasteland: Peter Pan“ ging das DT noch zwei Schritte konsequent weiter auf diesem Weg. „Alle müssen sterben“, raunt Natali Seelig zu Beginn. In den kommenden 70 Minuten gibt es zwar manchen Comic Relief-Slapstick, für den vor allem Lenz Moretti als zottelig-greisenhafte Version von „Peter Pan“ sorgt.

Doch der Grundton dieser vom Live-Musik-Duo Rahel Hutter und Niklas Kraft begleiteten Inszenierung bleibt atonales Moll. Wie schon in Alexander Eisenachs T.C:Boyle-Adaption „Blue Skies“ dreht sich die Bühne (diesmal von Katharin Frosch) erbarmungslos und monoton, während wir zombiehaften Figuren zusehen, wie sie in ihren Albträumen feststecken. Der Regisseur sprang gemeinsam mit seinem Assistenten Jan Jordan ein, als kurz vor der Premiere Jessica Weißkirchen das Handtuch warf.

Den kurzen, assoziativ aneinandergereihten Splittern ist anzumerken, dass wir nur eine Notlösung erleben. Wohin die Reise ursprünglich gehen sollte, ist in den Programmheft-Texten noch zu erahnen.

In diesem Steinbruch gibt es ein paar wenige Fundstücke: Natali Seelig und Lorena Handschin haben tieftraurige Monologe über ungeliebte Kinder, das Leitmotiv des Abends, letztere hat auch noch ein schönes Klavier/Gesangs-Solo mit „I can never go home anymore“ von den Shangri-Las.

Ansonsten sind die 70 Minuten zu dünn. Anzuerkennen ist, dass das Ensemble in gemeinsamer Kraftanstrengung noch eine szenische Collage auf die Bühne gebracht und verhindert hat, dass das Projekt ganz platzte.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/10/28/wasteland-peter-pan-deutsches-theater-kritik/
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