Tiefer und tiefer

22. März 2025. Überall Erdöl, überall Eindringen ins Fleisch des Planeten. Petromaskulinität rules. Theresa Thomasberger bringt Amir Gudarzis fieberhafte Anklage der Ölindustrie in die Box des Deutschen Theaters. Mit wedelnden Pipi-Pipelines.

Von Falk Lörcher

Theresa Thomasberger zeigt "Wonderwomb" von Amir Gudarzi am DT Berlin © Eike Walkenhorst

22. März 2025. Ja was ist denn eigentlich los? Was man vor einigen Jahren noch für billige Nostalgie hielt, kehrt heute als bittere Realität zurück. Zunehmend versumpft die Welt in der Tiefe eines immer breiter werdenden Strudels der Polykrise: Refaschisierung, steigender Rassismus und Antifeminismus, die Wiederwahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA und all das in einer immer vernetzteren, schneller werdenden Ökonomie, zulasten von Mensch, Klima und Umwelt. Irgendwas läuft falsch.

Mit "Wonderwomb" versucht der iranisch-österreichische Autor Amir Gudarzi, dieses betrübliche Spektakel in Worte zu fassen – und zwar aus der Perspektive des Erdöls. Die zähe dunkle Masse, die aus den Resten eines einst florierenden Ökosystems geronnen ist, bildet den Grundstein für unsere moderne Gesellschaft.

Auf den Spuren der Erdölindustrie

In seinem Text, der 2022 am Hessischen Landestheater Marburg uraufgeführt wurde, geht Gudarzi den Fäden des globalen Erdölkonsums nach: Während irgendwo tief im Boden Ölreserven schlummern, wird an der New Yorker Börse mit Öl gehandelt, tobt woanders Krieg, fehlen dem Iran die technischen Mittel, um kilometerweit in die Erde zu bohren, stehen bei uns aus Erdöl hergestellte Kosmetika im Regal, klebt in Wien ein Kaugummi auf der Straße.

Theresa Thomasberger, die mit ihrer Arbeit "Männerphantasien" im vergangenen Jahr zu "radikal jung" eingeladen wurde, bringt "Wonderwomb" als wahnhaften Fiebertraum in die Box des Deutschen Theaters. Auf der Bühne von Mirjam Schaal steht ein rot angestrahltes, düsteres Höllenportal, in dessen Mitte eine alte auf Hochglanz polierte Dieselzapfsäule thront.

Wonderwomb 1 CEikeWalkenhorst uHöllische Verhältnisse: Svenja Liesau auf der Bühne von Mirjam Schaal © Eike Walkenhorst

In Sekundenschnelle wechselt die Inszenierung hin und her zwischen verschiedenen Schauplätzen und Figuren. Svenja Liesau geht auf der rechten Bühnenseite als psychotische Ärztin in einem iranischen Krankenhaus mit einem Bohrer auf eine Patientin los, während Jens Koch auf der anderen Hälfte der Bühne einen Ölbohrer in Tadschikistan gibt: "Das Eindringen ins Fleisch / Der Erde / Ja tiefer, noch tiefer / Alle stöhnen".

Potenz-Gehabe

Gudarzis Text ist durchzogen von Phallussymbolik. Die Erdölthematik wird im Laufe der Inszenierung immer wieder mehr oder weniger geschickt mit Kritik an hegemonialer Männlichkeit verknüpft. Caner Sunar überzeugt als erdölhandelnder Börsenspekulant, der von seiner Freundin verlassen wurde und mit seiner Mutter, dem mit hoher und seichter Stimme sprechenden Jens Koch, telefoniert. Sunar wirkt dabei wie eine Karikatur des gescheiterten Mannes und Kapitalisten, der keinen anderen Ausweg sieht als den eigenen Suizid.

Etwas unangenehm sind dagegen die Momente, in denen sich Caner Sunar und Jens Koch beherzt zwischen die eigenen Beine packen: "Potent wie der Schwanz des Marktes". Die Kapitalismus-Patriarchat-Erdöl-Verflechtung wirkt hier geradezu plakativ.

Wo Nordstream 1 und 2 umhertorkeln

"Wonderwomb" taumelt zwischen versuchter Gesellschaftsanalyse und alberner Halluzination, und verpasst es, die Verflechtungen der globalen Ölindustrie nuanciert aufzuschlüsseln. Stellenweise rutscht Thomasbergers Inszenierung mit Gudarzis bruchstückhafter Poesie ins Banale, gar Infantile, wenn etwa das Saallicht angeht und das Erdöl-Spiel mit einem kurzen Erdgas-Intermezzo gebrochen wird: Caner Sunar und Daria von Loewenich torkeln, in graue Plastikrohre mit Löchern für Gesicht und Arme kostümiert, als Nord Stream 1 und Nord Stream 2 über die Bühne und reenacten die Sprengung der beiden Pipelines: "Auaaa, Auaaa, wir Pipies sind verletzt, wir Streamies haben extrem viel, Schmerzen haben wir." – Muss das wirklich?

 

Wonderwomb
von Amir Gudarzi
Regie: Theresa Thomasberger,  Bühne und Kostüm: Mirjam Schaal, Musik: Oskar Mayböck,  Licht: Peter Grahn,  Dramaturgie: Johann Otten.
Mit: Daria von Loewenich, Caner Sunar, Svenja Liesau, Jens Koch.
Premiere am 21. März 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

Eine "bizarre Endzeit-Phantasie" sah Elena Philipp für die Morgenpost (22.3.2025) am DT. "Nicht recht zusammenfinden wollen jedoch der predigende Ernst des ambitionierten Textes und die Splatter-Satire, die Thomasberger inszeniert. Auch wenn Svenja Liesau die Box rockt (…)."

Kommentare  
Wonderwomb, Berlin: Wo ist die Dramaturgie?
Leider erneut ein Abend der nicht richtig weiß was er sein will und dem leider immer profilloser werdenden DT unter Iris Laufenberg auch nicht mehr Kontur verleiht.
Was stimmt da nicht? Gibt es keine leitende Dramaturgie die solche eigentlich gut gemeinten Abende am Ende nochmal abnimmt? "Kill your Darlings" haben doch alle gelernt, und einige Witze hätte man wirklich streichen müssen.
Wonderwomb, Berlin: Kluge Streamis
…war tatsächlich sehr erleichtert über die alberne Einlage der Streamis, erstens superlustig gespielt und zweitens dramaturgisch so klug gesetzt nach dem traurigen Song, dass man 1x kurz ne Gagpause hatte inmitten der düsteren Themen: also von mir: grosses Danke dafür! : )
Und überhaupt superklug, ideenreich und lustig inszeniert, war bestimmt nicht easy bei diesem Mammut an Text (das ist ein Kompliment an den Autor) für jede Episode eine Idee zu finden, also: vielen, vielen Dank für diesen in jeglicher Hinsicht hervorragenden Abend!
Wonderwomb, Berlin: Unverbunden
Stark ist der Auftakt, in Zombie-Kostümen von Mirjam Schaal verkörpern die vier Spieler*innen die toten Tiere, die sich zunächst in Faulschlamm und später in Erdöl verwandeln.

Alles hängt mit allem zusammen, will Gudarzi zeigen. Eine enorme Herausforderung für Theresea Thomasberger und ihrer Team für die 90 Minuten in der Box, der kleinsten Spielstätte des DT. Der kurze Abend springt von szenischem Splitter zu szenischem Splitter. Unverbunden wirken die einzelnen Erzählstränge und Fragmente. Mit hohem Tempo wird eine Figur nach der nächsten eingeführt.

Amir Gudarzi hat seinen Text noch um eine Passage zu den Nord Stream-Pipelines erweitert, die russisches Gas nach Deutschland bringen sollten, aber sich spätestens nach der Vollinvasion in der Ukraine als teurer Irrweg herausstellten. Recht albern wirkt der Comedy-Kurzauftritt von Caner Sunar und Daria von Loevenich in ihren Röhren-Kostümen. Symptomatisch für eine Inszenierung, die sich mit ihren Geisterbahn-Assoziationen viel vornahm, aber die Motivfülle der Vorlage nicht in den Griff bekommt. Als Lesedrama funktioniert „Wonderwomb“ besser, in der szenischen Lesung bei den ATT 2022 kam die Qualität der Vorlage zur Geltung.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/03/23/wonderwomb-deutsches-theater-berlin-kritik/
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