Auf der Spieluhr der Gewalt

30. Oktober 2025. Paris Hilton war eine Ikone der Nullerjahre – und gleichzeitig Opfer eines berüchtigten Sextape-Missbrauchs. Bei Regisseurin Yana Eva Thönnes rückt eine junge Frau in den Mittelpunkt, die Paris ähnlich sieht, aber noch Schlimmeres erleiden muss. Theater als Exemplum.

Von Christian Rakow

"Call me Paris" von Yana Eva Thönnes an der Berliner Schaubühne © Philipp Frowein

30. Oktober 2025. Wer bei Paris Hilton vor allem an Glamour denkt, wird bereits beim Einlass ernüchtert. Ein giftiges oranges Licht liegt über der Szene, Agent Orange. Die Gesichter im Publikum scheinen wie entlaubt, ledern, um Jahre gealtert. Totenmasken für eine Art Totentanz. 

Man muss für diesen Abend über das titelgebende "It-Girl" Paris Hilton wenig wissen, nicht dass sie aus der reichen Hoteliers-Dynastie stammt, nichts über ihre bittere Jugend im Internat, vielleicht ein bisschen, dass sie als Model prominent wurde und sich dann in der Pseudo-Doku "The Simple Life" als reiches Mädchen auf dem Bauernhof zum Affen machte. Im Grunde genügt es, davon gehört zu haben, dass Hiltons zeitweiliger Partner Rick Salomon ein privates Sextape mit ihr drehte und anschließend ins Internet brachte, wo der Film unter dem Titel "1 Night in Paris" üble Karriere machte. 

Fortführung einer Reihe zu sexueller Gewalt

Regisseurin und Autorin Yana Eva Thönnes nimmt sich diesen Missbrauchsfall als Folie und entwirft in ihrem Abend "Call me Paris" die Erzählung eines Mädchens namens Julia, das wegen seiner Ähnlichkeit zu Hilton "Paris" gerufen wird und bald selbst – im Alter von 15 Jahren – von drei Männern zu einem Porno-Dreh gezwungen wird.

Mit ihrem Stück führt Thönnes eine Reihe von Arbeiten zu sexualisierter Gewalt fort. An der Schaubühne zeigte sie 2023 "In Memory of Doris Bither", eben erst radikalisierte sie in Freiburg Kleists "Der zerbrochne Krug". Dass sie gerade einmal vier Tage später wieder eine Premiere in Berlin ansetzen kann, verdankt sich dem Umstand, dass "Call me Paris" bereits im Frühjahr bei der Theaterbiennale in Venedig herauskam.

Lookalikes mit Kopf: Alina Stiegler, Jule Böwe © Philip Frowein

Der Abend selbst hat etwas von einem Exemplum. Der Missbrauch ist a priori gesetzt, alles richtet sich nach ihm aus, alles wird durch das Brennglas des Pornos angeschaut. Er gilt quasi als Archetyp der Geschlechterbeziehungen. Julia erfährt sich als Teenagerin nurmehr als Abbild von Paris Hilton und als Lustbild der Jungs um sie herum. Mutter und Großmutter eichen sie auf den Objektstatus der Frau: dulden, Mund halten, durchstehen.

Unbehagen am Voyeurismus

Sobald ein Mann die Szene betritt, egal ob als Vater, Lover oder whatever, entpuppt er sich als versoffenes Schwein oder als Porno guckendes Schwein. Jedenfalls als Schwein. Das macht die Handlung redundant. Soll aber fraglos genau so sein. Quälend, monoton, bleiern. Das Unbehagen an der voyeuristischen Teilhabe, die dem Publikum dabei aufgenötigt wird, ist Teil der Pointe. Zu welchem Zwecke, bleibt jedoch offen. Denn dass das geschilderte Missbrauchsschema schlimm ist, bedarf ja kaum einer hämmernden Beweisführung.

Den Spieler*innen, die zu den feinsten im Schaubühnen-Ensemble zählen, fällt die undankbare Rolle von Sprechpuppen unter Blondhaar-Perücken zu. In glitzernden "It-Girl"-Kleidern (Kostüme: Elke von Sievers) umkreisen Jule Böwe, Ruth Rosenfeld, Alina Stiegler sowie Holger Bülow auf runder Spielfläche ein King Size-Bett mit rosa Satin-Bettwäsche (Bühne: Katharina Pia Schütz) und exekutieren dabei den Erzähltext. Ihre Entfaltungsmöglichkeiten entsprechen denen einer Ballerina auf der Spieluhr. Nur folgerichtig biegt der Abend im Finale ins reine Hörspiel ab.

Rotstift der Regie

Besonders für Wert befundene Sätze werden beharrlich wiederholt. "Jeder sollte Spaß an meinen Bild haben, weil auch ich Spaß daran habe!" – "Halt deinen Mund und mach kein Ding draus!". Im Ganzen sieht man durch das rosarote Setting den Rotstift der rigorosen Regie-Lehrkraft durchscheinen. Alles ist doppelt unterstrichen, alles sorgsam eingetrichtert. Und im Zuschauerraum hockt man mit gesenktem Kopf, entlaubt und erschöpft.

Call me Paris
von Yana Eva Thönnes
Regie: Yana Eva Thönnes, Bühne: Katharina Pia Schütz, Kostüme: Elke von Sievers, Musik: Ville Haimala, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Marcel Kirsten.
Mit: Jule Böwe, Holger Bülow, Ruth Rosenfeld, Alina Stiegler.
Berlin-Premiere am 29. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

Kritikenrundschau

"Gedanklich ist der Abend reichhaltig", so Barbara Behrendt im rbb (30.10.2025). "Er zeigt die unverhohlene Misogynie der 2000er Jahre. Er zieht die Eltern zur Verantwortung, die ihre Tochter derart vernachlässigen (...) Er fragt nach dem Verhältnis zwischen Image und Person." Doch was auf dem Papier ergiebig klinge, erstarre auf dem Bühnenrund mit Barbie-Bett zur Kunst-Installation, "eine starre Plastik-Barbiewelt, die das Mädchen, das uns hier seine Geschichte erzählt, gehörig auf Abstand hält". 

"Was auch als Melodram einer dysfunktionalen Familie erscheinen könnte, bekommt durch die Anheftung an die Vorstellungsräume der Nullerjahre eine gesellschaftliche Tragweite", so  in der Zeit online (30.10.2025). "Etwas Unheimliches durchdringt die Inszenierung." Das liege zunächst an den körperlichen Ausbrüchen von Julia, gespielt von Alina Stiegler, "die Bruchstücke des Traumas, das langsam aufgerollt wird, sind der Schauspielerin in Leib und Körper übergegangen". Thönnes verknüpfe das Persönliche mit den popkulturellen Vorstellungen der Nullerjahre, "legt die misogynen Alltäglichkeiten einer Zeit offen, die fortwirken, aber in ihrer Bedeutung abgewehrt bleiben." 

"Glaubt man dem Programmheft, hat Thönnes mit diesem Abend viel vor", so Christine Wahl im Tagesspiegel (31.10.2025). "Auf der Bühne lassen sich viele dieser Themen bestenfalls erahnen. De facto wird in einer bewusst redundanten Trauma-Erfahrungs-Struktur abendfüllend der Missbrauch erinnert; die Protagonistinnen schrumpfen auf dieses Erlebnis zusammen." Fazit: "Man schaut sich das über 100 Minuten mit entsprechender Beklemmung an und ist einmal mehr froh, dass sexualisierte Gewalt – und dass überhaupt Geschlechterrollen – in der Öffentlichkeit inzwischen anders verhandelt werden als vor 20 Jahren."

Über die Veröffentlichung von "One Night in Paris" habe Paris Hilton einmal gesagt, "jener Moment der Veröffentlichung habe sich angefühlt, als sei sie 'elektronisch vergewaltigt' worden." Der Theaterabend "geht diesem Gefühl jetzt nach, umkreist den Vorgang aus unterschiedlichen Perspektiven der Moralanklage", schreibt Simon Strauß in der FAZ (online 31.10.2025). Die erotische Entseelung einer Frau werde nachgestellt, ohne dass dabei auch nur ein einziger sexueller Vorgang zu sehen wäre. 

"Das hätte hochinteressant werden können, zumal kaum etwas ausgedacht ist an dem Stoff", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (1.11. 2025). "Leider verzettelt sie sich heillos in ihrer unorganisierten Schnipseltechnik. Zwar schieben sich surreal schön Figuren unter dem Bett hervor und wieder zurück, viele Gedankenstränge werden angerissen, doch bleiben sie alle als Kabelsalat zurück."

Kommentare  
Call me Paris, Berlin: Überraschend konventionell
Schön beschrieben!

Spannend war die Reaktion des Premieren-Publikums. Welten treffen an diesem Abend im Globe der Schaubühne am Lehniner Platz aufeinander. Im Zentrum, auf der schmalen Spielfläche, arbeiten sich drei Schauspielerinnen des Ensembles (Jule Böwe, Ruth Rosenfeld, Alina Stiegler) daran ab, ein It-Girl der 2000er Jahre vor den Augen des Publiums wiederauferstehen zu lassen. Der Look ist bewusst hypersexualisiert (Kostüme: Elke von Sivers), die begleitende Tonspur erschreckend banal (Text und Regie: Yana Eva Thönnes).

Im Halbkreis sitzt gut situiertes, überwiegend älteres, Ku´damm-Klientel-Publikum um die Bühne herum. Schon früh wird klar: Inszenierung und ein Großteil des Publikums finden nicht zueinander. 100 Minuten lang Grummeln, Tuscheln und Kopfschütteln im Auditorium, während die hochkarätigen, unterforderten Spielerinnen den Missbrauch des It-Girls nacherzählen, das von Upskirting-Stalkern gejagt und mit einem in der Frühphase des Internets viral gegangenen Sex Tape-Video ihres Ex-Freunds bloßgestellt wurde.

Worum es der jungen Regisseurin Yana Eva Thönnes geht, wird im umfangreichen Programmheft ausführlich dargelegt und auch in den 100 Minuten überdeutlich ausbuchstabiert: die Nuller Jahre waren aus der Sicht von Thönnes, die 1990 geboren ist und als Teenagerin Zeitzeugin war, eine furchtbar misogyne Zeit. Gespiegelt wird der Missbrauch an Hilton, die sich – O-Ton ihrer Autobiographie „electronically raped“ – fühlte, durch eine fiktive junge Frau aus Bergisch Gladbach, die Paris Hilton ähnlich sieht und eine sehr ähnliche Missbrauchserfahrung machen muss.

Der Theaterabend, der als Koproduktion mit weiteren Bühnen aus Litauen und Italien schon am 1. Juni bei der renommierten Biennale di Venezia Premiere hatte, erzählt dies alles überraschend konventionell. Ganz anders als in der düster-raunenden, ein Trauma seance-artig verarbeitenden ersten Schaubühnen-Abend „In Memory of Doris Bither“ vor zwei Jahren.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/10/29/call-me-paris-schaubuehne-globe-kritik/
Call me Paris, Berlin: Lehrtheater
Das Thema ist so wichtig. Sexuellgewalt im 2000 wichtig und unverarbeitet. Auf der Bühne sprechen die Spielerinnen opferig und leidend, immer ausgeliefert- einfach gesagt- ""traumatisch"". ja darum geht es, aber man kann es einfach nicht so abend ganz behaupten platt vor sich hin. das macht das ganze irgendwie gleich und ähnlich. braucht es dann empowerment? vllt. vllt ein kampf? wenn es auf der bühne so gelitten wird, bekommt die zuschauende person gar keinen raum, sich reinzufühllen, sich zu erschrecken, zu verbinden. die vorgänge auf der bühne sollten unrealistisch, keine situationen beschreiben. dann was bleibst da? poetryslamm mit tauschbare moves auf der bühne? einen kuchen von links nach rechts tragen? die poesie tauchte zwar ab und zu unter dem bett auf, blieb aber vor allem in der behauptung, es sei poetisch. vor mir saßen eine klasse- theaterkurs köpenik. coole kids. es hätte sie so doll abholen können, ich glaube wirklich daran, aber sie müssten durchgängig kichern, waren gelangweilt, weil auf der bühne Peinliches unternommen worden. und das ende vor allem. wo es gerade eine situation gebe könnte, flieht man in hörspiel. man entkommt dem drama. wo wir doch im theater sind, um uns mit dollen und unbequemmen sachen zu begegenen gekommen sind. der text ist sehr stark, das thema sau wichtig, die spielerinnen sind großartig, aber die inszenierung macht daraus eine sehr trockene suppe. leider leider leider. deutsches Lehrtheater.
Call me Paris, Berlin: Triggerwarnungen?
Ich sah das Theaterstück mit meiner Theatergruppe , und musste das Stück frühzeitig verlassen.
Es wird leider weder auf der Website noch vor dem Beginn, noch in der Einführung Triggerwarnungen zu Sexueller Gewalt oder Vergewaltigungen gegeben. Mann wird nicht darauf vorbereitet wie Detailiert es Dagestellt wird.
Call me Paris, Berlin: Wie ein Styroporkulissenblock
Man nehme also einen polarisierenden Mediennamen – selbstverständlich Paris Hilton, denn warum sollte man es sich nicht bequem machen – und verrühre ihn mit einem angeblich „gewagten“ Bühnenkonzept, das so tut, als würde es sexualisierte Gewalt kritisch verhandeln, in Wahrheit aber nur die altbekannte, halbreflektierte Ästhetik der Schockpose reproduziert. Dazu ein nostalgischer Seitenhieb auf die 00er Jahre, denen man nun wirklich alles anhängen kann: Reality-TV, frühe Social-Media-Exzesse, Selbstinszenierungsfuror, you name it. Fertig ist die halbgar angerührte Soße, die sich Theater nennt.

Der Text hohl wie ein Styroporkulissenblock, die Schauspieler*innen brabbeln ihre Sätze, als würden sie den Teleprompter im Dunkeln suchen, und die Inszenierung reitet selbstgefällig auf Diskurswellen, die längst in den Feuilletons gebrochen wurden.

Und dann führt man auch noch die ältere Schaubühnen-Ikonen der 00er Jahre – Jule Böwe – vor, als sei sie eine lebende Fußnote einer vergangenen Theaterepoche, die man aus dem Archiv gezerrt hat, um einen „Meta-Kommentar“ zu legitimieren. Es wirkt eher wie ein unbeholfener Versuch, Relevanz zu simulieren. Das Kratzen aus Jule Böwes Hals ist der einzige Moment, in dem dieser Abend unverhofft Tiefe gewinnt. Für einen kurzen Augenblick klingt darin mehr Wahrheit als in all den aufgeblasenen Behauptungen auf der Bühne.

Das eigentlich Bittere:
Dass Paris Hilton, die damals mit bemerkenswerter Geschäftstüchtigkeit ihr mediales Image monetarisierte, die ersten Mechanismen der aufkommenden sozialen Medien begriff und darin – bei aller Oberflächenhaftigkeit des damaligen Popmoments – eine clevere Unternehmerin war, wird unter diesem gewollten Diskursgewitter völlig begraben. Stattdessen stilisiert die Inszenierung sie zum Abziehbild einer Epoche, die sie wesentlich komplexer mitgestaltet hat, als es dieser pseudokritische Bühnenabend ihr zugesteht.

Ein Spektakel, das vorgibt, etwas zu dekonstruieren, das es selbst nicht verstanden hat. Schrecklich. Wirklich schrecklich.
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