Sabotage - Schaubühne Berlin
Woody Allen schafft's nicht nach Gaza
5. Dezember 2025. Der jüdische Dokumentarfilmer Jona Lubnik will die Deutschen einem Liebestest unterziehen: Was gilt euch ein Jude, der nicht mehr mitspielt? Der die israelische Politik filmisch kritisiert? Das ist der Startpunkt von Yael Ronens Komödie "Sabotage". Nur leider kommt Lubnik die Psychotherapie in die Quere.
Von Janis El-Bira
Yael Ronens Komödie "Sabotage" an der Berliner Schaubühne © Ivan Kravtsov
5. Dezember 2025. In der Psychologie, zu der dieser Abend ein inniges Verhältnis pflegt, würde man vermutlich von "Reaktanz" sprechen: Vor fast genau zwei Jahren, kurz nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem Beginn des Gaza-Krieges, hatte Yael Ronen an der Schaubühne mit "Bucket List" noch eine Inszenierung gezeigt, die sich so ganz der Konkretion zu entziehen schien. Kein Wort fiel damals, das sich direkt auf die traumatische Gegenwart hätte münzen lassen – und gleichzeitig wirkte alles auf sie bezogen. Es war ein bis zur Sprachlosigkeit mit Trauer vollgesogener Abend. Und eine berührende Gegenteilsreaktion auf die an ihn gerichteten Erwartungen.
Reparaturbedürftige Welt
Ronens neuestes Stück legt nun los, als platze der Autorin geradezu das Gegenteil vom Gegenteil heraus. Kaum fünf Minuten steht Dimitrij Schaad da in einem eröffnenden Monolog auf der Bühne, schon ist von Genozid und Gaza, von Holocaust und Auschwitz die Rede. Erstes Seufzen im Publikum. Dabei ging das doch alles gemütlich los. Lange nämlich und unterlegt von smoothem Jazz hatte das Ensemble beim Einlass am Bühnenbild von Magda Willi herumgewerkelt, hier einen Ikea-Stuhl eher dekonstruiert als montiert, dort eine Blumenvase gekittet. Die Metapher zieht sich durch: Es ist ein fragiles, ja reparaturbedürftiges Konstrukt, mit dem wir es zu tun haben. Menschlich, politisch und, wie sich bald zeigen wird, auch theatral.
Therapiestunde: mit Dimitrij Schaad und Eva Meckbach © Ivan Kravtsov
Dimitrij Schaads Figur heißt Jona Lubnik, ist jüdischer Dokumentarfilmemacher und – von der dicken Hornbrille bis runter zu den übergroßen Sneakern – unumwunden ein Woody-Allen-Verschnitt. Die Depression ist ihm zweite Natur, Psychotherapie gibt's viermal wöchentlich bei Eva Meckbach, die so großartig betont "spiegelnd" spricht, dass man Gänsehaut kriegt.
Vor allem aber hat Jona eine Idee: Einen neuen Film will er endlich drehen. Ausgerechnet über den israelischen Gelehrten Jeschajahu Leibowitz, der zu Lebzeiten ein scharfer Kritiker der israelischen Politik und besonders der Besatzung palästinensischer Gebiete war. Seine Frau – Carolin Haupt macht das Beste aus einer recht flach auf die deutsche Eisprinzessin hin verengten Rolle – findet das gar nicht toll, weil sie ihre Chefärztin-Karriere gefährdet sieht, sollte ihr Mann durch seinen Film unter Antisemitismusverdacht geraten.
Nicht ohne mein Sitzkissen!
Das sind die Mittel, mit denen die große Sprengmeisterin Yael Ronen den verbauten, ja "sabotierten" deutschen Israel-Diskurs nicht nur auf die Couch legen, sondern als böse Komödie direkt mal aus den Angeln heben will. Jona Lubnik, der seit der Gaza-Invasion "einen Riss im Herzen" spürt und sich sogar der schweigenden Mittäterschaft am – wie er sagt – "Völkermord" bezichtigt, wird dabei von Dimitrij Schaad mit herrlich hyperaktivem Armgerudere zwischen alle Stühle gespielt. Von den deutschen Freunden als "Vollzeitjude" vereinnahmt und zu jeder Art Positionierung aufgefordert, leidet er vielleicht mehr noch als am Nahen Osten an sich selbst und einer schmerzhaften Steißbein-Fistel, deretwegen er immerzu ein entwürdigendes Sitzkissen mit sich herumtragen muss. Auch das so eine Metapher: Alles, vor allem aber Jona Lubnik, ist ganz schön am Arsch.
Komödienarbeit an Schmerzpunkten: Carolin Haupt und Eva Meckbach © Ivan Kravtsov
Nun ist das nicht komplett unheikel, weil Jona tatsächlich – und für die Prämissen des Stücks notwendig – eine jüdische Intellektuellen-Karikatur ist. Derart verschalt von Projektionen (nicht zuletzt den eigenen) und Klischees, kommt dieser neue Stadtneurotiker nicht einmal in der Psychotherapie bei sich an. Ausgerechnet mit seinem israelkritischen Leibowitz-Filmprojekt will er die deutsche Gesellschaft und ihre stolze Vergangenheitsbewältigung einem Liebestest unterziehen: Was gilt euch der Jude, der nicht mehr mitspielt? Der ausbricht aus der Rolle? Und wenn ihr ihm die Liebe entzieht, ihn einen "selbsthassenden Antisemiten" nennt, muss er dann fort? Nach Israel?
Wimmelbild mit blinden Flecken
Darin hätte "Sabotage" Potenzial, einige Schmerzpunkte zu drücken. Dass es nur ansatzweise gelingt, liegt daran, dass Ronen rund um die Jona-Figur einen kruden Plot aus Spiegelungen, schrägen Liebesverstrickungen und tiefenpsychologischem Klimbim konstruiert, in dem sich die ganze Sache trotz blendender Unterhaltungswerte ziemlich verheddert.
Am meisten saftabdrehend wirkt ein Nebenstrang um den Bruder (Konrad Singer) der Psychotherapeutin, der nach einem Schlaganfall glaubt, unentwegt von Jesus verfolgt und gefilmt zu werden. Tatsächlich versucht sein Gehirn lediglich, einen "blinden Fleck" infolge des Sehverlusts durch Halluzinationen auszugleichen. Ronen suggeriert eine motivische Parallele zu Jonas Projektionen: Sind die Bilder in seinem Kopf, von sich und seinem deutschen Publikum, letzthin bloß Hirngespinste? Wo nichts wäre, ließe sich auch nichts aufsprengen. Es bliebe von diesem Abend so lediglich eine Art Wimmelbild: Der Anschein von Bewegung, nur von der Stelle kommt man nicht.
Sabotage
von Yael Ronen
Regie: Yael Ronen, Bühne: Magda Willi, Kostüme: Amit Epstein, Musik: Yaniv Fridel, Ofer (OJ) Shabi, Video: Stefano Di Buduo, Dramaturgie: Martín Valdés-Stauber, Licht: Marcel Kirsten, Künstlerische Mitarbeit: Irina Szodruch.
Mit: Carolin Haupt, Eva Meckbach, Dimitrij Schaad, Konrad Singer.
Uraufführung am 4. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.schaubuehne.de
Kritikenrundschau
"Das ist unterhaltsam und pointiert – in Yael Ronens Kosmos allerdings eine doch eher schwache neue Arbeit." Denn: "Yael Ronens große Kunst, die Menschen in ihrer guten wie bösen Vielgesichtigkeit zu zeigen, ihre Widersprüche aufzuspießen, bis man sich selbst schmerzhaft entlarvt fühlt in allen Selbstbelügungstaktiken – gerade das fehlt diesem Abend. Nicht nur sind die Figuren leicht durchschaubar, das Stück zieht auch klare, simple Lehren: Die jüdischen Künstler:innen beschäftigen sich zu sehr mit sich selbst, die Deutschen fliehen vor jeder wahren Selbstanalyse." So berichtet Barbara Behrendt für rbb|24 (5.12.2025).
"Die Aufführung rast mitten hinein ins private Leben, in die Weltpolitik, wer kann das heutzutage trennen!", so Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (online 5.12.2025). "Doch was dann folgt, gleicht einer Implosion in Zeitlupe." Schaad spiele den Stadtneurotiker unserer Zeit, "jedes Wort ist ein Hilferuf. So richtig ernst nehmen kann man ihn aber nicht". Das große Thema Krieg und Moral, Israel und Gaza komme dem Stück abhanden. "Komödien brauchen Klischees. Komödien leben von unerwarteten Wendungen. Nur funktioniert das hier kaum."
Ernste Fragen der Weltpolitik würden hier mit einer "liebenswürdigen, kuscheligen, humoristischen Grundhaltung" verhandelt, erzählt André Mumot in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (4.12.2025). Dimitrij Schaad halte das Stück mit "Charme und der Komik, die er so wunderbar beherrscht" zusammen. "Wobei man sagen muss, dass es dann irgendwann auch sehr arg überzogen wird mit der Komödie" und dann gäbe es "klamaukige Momente", wo das "sehr feine Gleichgewicht" verloren gehe, das Yael Ronen in anderen Stücken so gut zu wahren wisse. Die "wunden Punkte" würden in diesem betont leichten Stück nicht berührt.
Zweifel an dieser "Boulevardkomödie" meldet Wolfgang Höbel vom Spiegel (5.12.2025) an: "Man darf die politische Entschiedenheit von Yael Ronen, die ihren Helden über einen von Israels Regierung verantworteten 'Völkermord' an Palästinensern zürnen lässt, bewundern. Man mag Ronens Begeisterung für Schaads Schauspielkunst teilen und ihre Lust an deutlich ironischem Musikgedudel und mitunter albernen Clownsnummern belächeln. Und man kann sich bei allem Amüsement trotzdem fragen, ob der von Halluzinationen und Neurosen heimgesuchte jüdische Held hier merkwürdig ausblendet, dass die epochale Bedrängnis, die ihn zittern lässt, ihren Anfang nahm durch den Schock des am 7. Oktober 2023 verübten Massenmords von Hamas-Terroristen an Juden."
Dieser "etwas zu nette Theaterabend" ist Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (6.12.2025) keine Ovationen wert. "Vom Tempo, der Intelligenz, dem sarkastischen Witz der großen Ronen-Inszenierungen ('Third Generation' oder 'Slippery Slope') ist diese Harmlosigkeit etwa so weit entfernt, wie die schlechteren Woody-Allen-Filme von Charlie Chaplin oder Claude Lanzmann – also sehr weit."
Positiver sieht Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (6.12.2025) das Ganze: "Zwar bleiben neben dem blutvollen Dimitrij Schaad die drei anderen Figuren blass, doch ist Ronen und ihrem Ensemble hier eine so leichte wie politisch scharfzüngige Gegenwartskomödie gelungen, die auf dem dünnen Eis, das sie auslegt, sicher und pfiffig ihre Pirouetten dreht."
Felix Müller von der Berliner Morgenpost (6.12.2025) registriert eine "Überfülle der Motive, Ideen und Absichten, die sich am Ende nicht zu einem Ganzen fügt. Die Probleme eines Mannes in der Midlife-Crisis, das Lebensgefühl eines israelkritischen Juden in Deutschland, die Gaza-Debatte insgesamt, die Dreiecksgeschichte mit zwei Frauen und einem Mann, die Untiefen einer therapeutischen Beziehung, der neurologische Nebenstrang und die Gegenwartsdiagnose zum Leben mit Künstlicher Intelligenz: Das ist für dieses Stück ein bisschen viel Ballast."
Yael Ronen wolle "mit schwarzem Humor das Unheil der Welt bannen", berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.12.2025). "Aber die Aufführung wirkt verspannt und bei aller neckischen Oberfläche innerlich hohl. Zum großen Spaß werden weder der Nahostkonflikt noch die deutsche Vergangenheitsbewältigung."
"Mit Spiegelungen des immer selben Motivs eines blinden Fleckes produziert 'Sabotage' letztendlich seine eigene Echokammer, mündet in jener Überpsychologisierung und spiegelnder Selbstvergewisserung, die es eigentlich kritisieren will. Gewissermaßen sabotiert es sich damit selbst. Das kann man Yael Ronen als Manko vorhalten – oder als äußerst konsequente Inszenierung würdigen", schreibt Luca Klander für die taz (9.12.2025).
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Mit den Mitteln einer Screwball-Comedy beleuchtet sie die Fallstricke der deutsch-israelisch-palästinensischen Konflikte. Die Rolle des fiktiven Dokumentarfilmers Jona Lubnik hat Ronen Dimitrij Schaad auf den Leib geschrieben, ihrem neben Orit Nahmias, die hier nicht dabei ist, aber im Gorki Studio ein Solo zum seLben Thema wagte, markantesten Schauspieler.
Dieser Lubnik ist eine unverkennbare Schaad-Figur. Wer sonst schafft es, sich so charmant mit einem fast nie versiegenden Redestrom durch einen Abend zu plaudern, der scheinbar alltagsbanal ist und sich im nächsten Moment sehr klar zu den heillos verhedderten Weltkonflikten positioniert? Dass es sich beim Gaza-Krieg als Vergeltung des Hamas-Terrors aus ihrer Sicht um einen Genozid handelt, macht die israelische Regisseurin schon zu Beginn des Abends deutlich. Außerdem ist dieser Lubnik eine mit seiner Hornbrille, seiner Slapstick-Schusseligkeit und seiner Therapiebedürtigkeit eine von Woody Allen inspirierte Figur.
Dass dabei noch nicht alles wieder zu 100 % sitzt, ist geschenkt: Der Abend wäre noch bissiger und konzentrierter, wenn er von 115 auf 90 Minuten komprimiert würde. Die Nebenfigur des Bruders der Therapeutin (Konrad Singer), die den "blinden Fleck" verkörpert, bringt wenig Mehrwert für die Konstellation und in der zweiten Hälfte wird das Beziehungsdreieck etwas zu boulevardesk-albern. Dennoch ist das Glas mindestens halb voll.
Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/12/07/sabotage-yael-ronen-schaubuehne-kritik
An einer Stelle erklärt die Therapeutin, warum die Karriere-Ärztin vielleicht „wirklich“ Angst vor dem Skandal haben könnte, den der Dokumentarfilm über Rabbi Leibowitz (allein für dessen Entdeckung hat sich der Abend schon gelohnt!) entfachen mag: Sie müsste sich dem Selbstbetrug der guten Deutschen stellen, die ihre Lektion gelernt habe aus dem Holocaust. Führe ich hier in Deutschland seit Jahren also nur ein Gedächtnistheater auf (Czollek)? Oder führt der Selbstzweifel darüber mich nur in die Irre? Ist es böse zu unterstellen, dass sehr viel Abwehr gegen diese Fragen in den Kritiken sichtbar wird? Und geht es denn nur um den deutschen Israeldiskurs? Ich hatte das Gefühl, es ginge weniger um Israel als darum, wie man sich misstrauen sollte, ohne sich zu blockieren, also um Nähe, Menschlichkeit. „Kann man nichts machen“ sagt der Bruder der Therapeutin am Schluss, nachdem sein halluzinierter Jesus verschwunden ist, sein blinder Fleck aber geblieben. Aber das ist ebenso als Frage gestellt das Thema des Stücks, so zumindest mein Eindruck. Ich habe ne Menge gelernt im Publikum. Ist auch nur meine Projektion, schon klar.
Aber mich hätten genaue Beobachtungen und die persönlichen Assoziationen der Kritiker_innen dazu (wie immer) sehr interessiert. Ich hätte etwas auch von ihnen lernen können. Hier kam es nicht dazu. Schade.
Für mich eines der besten Stücke von Yael Ronen. Und Dimitrij Schaad zuschauen zu dürfen, ist ohnehin immer eine Freude.