Schwestern im Ungehorsam

7. November 2024. Die Container-Ersatzspielstätte ist abgebaut, das Theater an der Parkaue spielt wieder im sanierten Hauptgebäude. Zum Auftakt gibt es mit "Antigones Vermächtnis" die Frage nach der Kaft und Motivation von Heldinnen – in der Antike und in unseren Tagen.

Von Sophie Diesselhorst

"Antigones Vermächtnis" von Athena Farrokhzad an der Parkaue Berlin © Sinje Hasheider

7. November 2024. She's legend. Das ist klar, lange bevor sie das erste Mal die Bühne betritt. Die Rede ist von Antigone: Weil sie sich mutig dem Verbot ihres herrschenden Onkels widersetzt hat, den eigenen Bruder würdig zu bestatten, wurde sie selbst lebendig begraben und hat sich das Leben genommen, bevor die Todesstrafe wirken konnte.

Im Stück "Antigones Vermächtnis" der iranisch-schwedischen Autorin Athena Farrokhzad, das im Theater an der Parkaue uraufgeführt wurde, wird Antigones Schwester Ismene auf die Antigone-Probe gestellt, indem sie die gleiche Entscheidung treffen muss wie vorher ihre stets mutigere große Schwester. Ismene entscheidet sich dafür, den Akt des zivilen Ungehorsams zu wiederholen.

Ein Symbol aus Fleisch und Blut

Athena Farrokhzads Stück hat am Schluss eine klare Message, die aber keineswegs von vornherein feststeht. Denn Ismene wächst erst im Laufe des kurzen Abends in ihre Rolle hinein. All das Zaudern oder auch: die "gesunde" fehlende Lebensmüdigkeit, auf die diese Schwesternfigur traditionell festgenagelt wird, ohne allzuviel Komplexität aufbauen zu dürfen, kommt auch hier zum Ausdruck, und die Wunden bleiben offen. Noch kurz vor ihrem finalen Empowerment klagt Nina Niknafs als Ismene: "Ich will keine tote Heldin zur Schwester. Ich will eine Schwester aus Fleisch und Blut. Die ganze Welt braucht Antigone, als Symbol des Widerstands. Aber ich brauche eine Schwester, die lebt und mir die Haare kämmt."

"Ich werde überleben": der Chor der kämpfenden Frauen und Ismene (Nina Niknafs) © Sinje Hasheider

Farnaz Arbabi (Intendantin des Kinder- und Jugendtheaters "Unga Klara" in Stockholm) nimmt in ihrer Inszenierung die sprachliche und dramaturgische Schnörkellosigkeit des Stücks auf – bis auf ein paar Requisiten, über die bisweilen spielerisch der antike Ursprung des Stücks angedeutet wird, ist die Bühne leer, umkränzt von rollbaren Scheinwerfern, die das Licht der Aufmerksamkeit hier umverteilen.

Ein dreiköpfiger "Chor der kämpfenden Frauen" mit langen weißen Zöpfen grundiert die Atmosphäre zunächst überraschend abgeklärt – auch wenn eine von ihnen immer weiter an einem riesigen "Fuck Zeus"-Banner strickt, so betonen sie doch immer wieder, dass sie nicht in die Geschichte eingreifen können, und nehmen damit eher die Rolle der antiken "Moiren", der Schicksalsgöttinnen, ein, die die menschlichen Schicksale nach Mustern weben, die ihren unsterblichen Händen eingeschrieben sind.

Antigones Rückkehr von den Toten

Kein Wunder, dass Ismene zunächst gelähmt ist von ihrer Trauer und sich im Wühlen in den Habseligkeiten ihrer großen Schwester zu verlieren droht. Es braucht den kampfsport-tänzerischen Auftritt von Antigone selbst, der Theresa Henning eine Vitalität verleiht, die die Schicksalsgöttinnen erst einmal noch älter aussehen lässt. Doch dann treten sie in einen interessanten Dialog darüber, warum Antigone getan hat, was sie getan hat. Aus Liebe zum Bruder? Oder aus Liebe zur Gerechtigkeit? Und ist das eine wertvoller als das andere?

Antigone lässt sich nicht vom Chor vereinnahmen, der sie zur Heldin stereotypisieren will, sondern besteht auf dem privaten Motiv der Loyalität zum Bruder, beschreibt sich außerdem als ohnehin müde eines Lebens mit sowenig Spielraum. Erst dadurch wird ihr Vermächtnis so recht lebendig, nicht ohne dass der Chor am Ende doch recht behält: Ihre Handlungen waren so selbstzerstörerisch wie inspirierend und öffnen ihrer Schwester die Augen.

Porträt der iranischen Frauenbewegung

Antigone hat einem Widerstand den Weg bereitet, der sich jetzt nur noch verselbständigen muss, um am Ende doch etwas zu bewirken. Und so klingt Ismenes Vision auch etwas anders als das mission statement ihrer Schwester: "Ich werde überleben, ich werde meine Schwester im Tageslicht begraben. Ich werde mich dem Chor der kämpfenden Frauen anschließen, ohne dass der Tod mich holt."

Antigone 2 Sinje HasheiderKämpferische Rückkehr: Antigone (Theresa Henning) inspiriert ihre Schwester und den Chor der Frauen © Sinje Hasheider

Am Ende schließt sich dieser Chor eher ihr an als umgekehrt. Auch die drei Schicksalsgöttinnen brauchen Ereignisse und Geschichten, um in ihrem Glauben neu beseelt zu werden. Der Kampf ist lebendig, und natürlich spielt die Inszenierung auf die Freiheitsbewegung in Iran an – wenn die fünf Frauen am Ende zusammen tanzen, ist das eine Hommage an das ikonisch gewordene Video aus Teheran. Vielleicht kann man den Abend sogar als eine Art Porträt der iranischen Bewegung sehen, ein Wägen der Kräfte, die hier wirken, wo ja auch der Tod einer Frau eine beispiellose Welle des Muts zu Freiheit und Solidarität losgetreten hat.

 

Antigones Vermächtnis
von Athena Farrokhzad
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Regie: Farnaz Arbabi, Bühne und Kostüme: Jenny Kronberg, Musik: Shida Shahabi, Dramaturgie: Leila Etheridge, Künstlerische Vermittlung: Bárbara Galego.
Mit: Birgit Berthold, Caroline Erdmann, Elisabeth Heckel, Theresa Henning, Nina Niknafs, Denis Pöpping.
Premiere am 6. November 2024
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.parkaue.de

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  • In der Reihe "Play Time" auf nachtkritik.plus sprach Regisseurin Farnaz Arbabi vom Stockholmer Theater "Unga Klara" zusammen mit Jetse Batelaan und Veerle Kerckhoven über junges Theater in Benelux und Skandinavien. Hier können Sie das Gespräch nachschauen.

Kritikenrundschau

Das Stück habe einen empowernden Anspruch, es gehe um einen Geist des Ungehorsams, der anstecken solle. "Oder, wie es in dieser starken, klug verdichteten und gespielten Sophokles-Fortschreibung heißt: 'Die Welt braucht Antigone als Widerstandssymbol'", schreibt Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (7.11.2024)

"Ein kraftvoller Auftakt im runderneuerten alten Haus", so beschreibt Katja Kollmann von der taz (8.11.2024) die Produktion. Der antike Mythos bleibe präsent und werde druch den Zusammenprall der beiden Schwestern ins Jetzt geholt.

Kommentare  
Antigones Vermächtnis, Berlin: Behutsame Fortschreibung
Der pessimistische Grundtenor dieser Antigone-Fortschreibung ist, dass der Kreislauf der Gewalt unerbittlich voranschreitet und die jungen Heldinnen Antigone/Ismene zwingt, sich eindeutig zu positionieren.

Auf der bis auf wenige Scheinwerfer äußerst kargen Bühne 2 des frisch sanierten Theaters an der Parkaue hat Ismene drei ständige Begleiterinnen, den „Chor der kämpfenden Frauen“ (Birgit Berthold, Caroline Erdmann, Elisabeth Heckel), die ihre Gedanken kommentieren und sie in ihrem Entschluss bestärken, gegen den autokratischen Herrscher in Anzug und Krawatte aufzubegehren. In der Schlusschoreograhie stampfen und wüten alle vier gemeinsam und tragen den Protest der Antigone weiter.

Nach den Ankündigungen, die explizit auf die „Frau Leben Freiheit“-Proteste junger Iranerinnen im Herbst 2022 Bezug nahmen, und angesichts der Herkunft der Autorin war es überraschend, das „Antigones Vermächtnis“ eine behutsame Fortschreibung statt einer ins heute verlegten Überschreibung ist. Die Figuren und das Setting der antiken Tragödie bleiben klar erkennbar, vor allem in der zweiten Hälfte werden markante Sophokles-Passagen wörtlich eingeflochten, ausdrückliche Aktualisierungen und Querverweise auf die Proteste im Iran oder andere Widerstandsbewegungen hat der Abend bewusst ausgespart.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/11/07/antigones-vermaechtnis-theater-an-der-parkaue-kritik/
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