Der Keim - Theater Bremen
In der Scheune des Bauern Li
5. April 2025. Wo sitzt er, der Keim, aus dem plötzlich Gewalt entsteht? Dieser Frage geht der 1970 verstorbene norwegische Schriftsteller Tarjei Vesaas in seinem gleichnamigen Roman nach. Ruth Mensah entdeckt ihn in Bremen für die Bühne und hat mindestens ein Ereignis in petto.
Von Michael Laages
Der Keim" in der Regie von Ruth Mensah am Theater Bremen © Jörg Landsberg
5. April 2025. Das ist ein Fall für Skandinavistinnen und Skandinavisten! Die kennen das Werk des norwegischen Schriftstellers Tarjei Vesaas bestimmt ganz gut. Schon 1970 ist er gestorben, 73 Jahre alt. Für den Rest der Welt aber ist "Der Keim", so der Titel des Vesaas-Romans von 1940, eher ein "böhmisches Dorf". Der Autor selbst beschreibt ein norwegisches, sehr einsam auf einer Insel vor der Küste gelegen. Urplötzlich wütet hier die Gewalt – die deutschsprachige Erstaufführung im Bremer Theater ist eine Entdeckung, aber voller Komplikationen.
Sonderbare Menschen drängen sich da zunächst durch das Publikum im Foyer vom Kleinen Haus am Bremer Theater. Angezogen sind sie, als kämen sie aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt: bäuerlich schlicht, als hätte es sie in die Stadt verschlagen aus einem Dorf in der Wesermarsch. Und aus einer Zeit, die weit vor unserer gelegen haben mag. Ein bisschen zu laut sind sie, fallen also auf – und bemühen sich, uns einzugemeinden. Wir sollen uns mit ihnen verwandeln in eine Dorf-Bevölkerung, wie es sie gegeben haben könnte vor 85 Jahren auf einer sehr einsamen Insel vor Norwegens Küste, und wie sie der Autor Tarjei Vesaas beschrieben hat. In die Scheune des Bauern Li bitten sie uns mit spürbarer Dringlichkeit – in dieser großen Scheune findet sicher das ganze Dorf Platz.
Zwanghafte Gemeinschaft auf engstem Raum
Drinnen dann, im Theater, wird ein Fall verhandelt, der das Zeug hat, die Gemeinschaft zu zerreißen. Um Rache geht es, um Lynchjustiz und um ein totes Kind. Der Bauer Li, eine Autorität im Dorf, weigert sich aber zunächst lautstark, uns, dem Publikum und dem Dorf, mehr zu erklären über den Fall – der betrifft ihn ja doppelt und dreifach: Lis Tochter ist ermordet worden, Lis Sohn hat seinerseits den Mörder gejagt und getötet. Außerdem hat er gerade ziemlich viele Schweine verloren.
Die Fabel, die Vesaas erzählt, steckt voller Rätsel. Und ohne Antwort zu geben, fragt sie im Titel, was denn wohl "Der Keim" sein könnte für das, was in diesem Dorf geschieht, in dieser zwanghaften Gemeinschaft auf engstem Insel-Raum, die kaum jemand jemals verlässt. Rolv allerdings, der Sohn vom Großbauern Li, will wohl weg, verspricht aber zurückzukehren auf die Insel, irgendwann. Am Ende wird er zwangsweise gehen – das Polizeiboot holt ihn ab.
Ein Abend der Schauspielerinnen und Schauspieler: Karin Enzler, Ferdinand Lehmann und Ruben Sabel auf Yuni Hwangs Bühne © Jörg Landsberg
Zu Beginn war mit einem Boot ein Fremder auf die Insel gekommen: Andreas. Offenbar ein eher labiler Mensch – auf dem Hof des Bauern wird er Zeuge einer Schlacht der Schweine. Zwei Sauen beginnen miteinander zu kämpfen auf Leben und Sterben; sie stürzen in den Brunnen des Hofes. Die dritte beginnt daraufhin, die eigenen Ferkel zu fressen – und der sonderbare Fremde dreht offenbar durch: Er bringt eher zufällig Inga um, die Tochter vom Bauern Li.
Während die Dorf-Granden zur "Nachtwache" für die Tote antreten (diesen Titel trug der Vesaas-Romen gelegentlich auch), bricht Ingas Bruder Rolv auf zur großen Verfolgungsjagd – das ist die dramatischste Szene des Abends. Auf die Trommeln eines Schlagzeugs eindreschend, ziehen die Dörfler mit der Musik von Lukas Weber los – und rächen Ingas Tod am Eindringling. Wo kommt sie her, diese plötzliche Bereitschaft zu fundamentalster Gewalt? Ist die Gemeinschaft, ist das Dorf selber "Der Keim"?
Zwei Temperaturen, zwei Geschwindigkeiten
Bauer Li, offenbar schon immer moralische Autorität und Ordnungsstifter auf der Insel (immerhin werden ja in seiner Scheune – und mit uns im Theater – die Dinge des Dorfes verhandelt!), reagiert fundamental und verstößt den Sohn, der zum Mörder wurde. Der intellektuelle Kampf zwischen beiden markiert den zweiten Teil der Fabel. Und spätestens jetzt entwickeln sich Text und Inszenierung sozusagen in zwei Geschwindigkeiten, in verschiedenen Temperaturen, in unterschiedliche Richtungen. Von Beginn an war das zu spüren; aber jetzt, wo die dörfliche Gemeinschaft endgültig zu zerfallen scheint, will der Text nicht mehr recht zur Fabel passen.
Er verbreitet nämlich eine Art von pathetischem Realismus, der zwar immer die Oberflächen abbildet, aber nicht mehr die Abgründe ausloten kann, in die diese kleine Gesellschaft zu stürzen droht, dieses "Volk" – immerhin stammt der Roman von 1940, und "das Volk" versteht zu dieser Zeit auch in Norwegen (speziell in den entlegensten Regionen!) diesen Begriff eher "völkisch". Und die Inszenierung heute kann gar nicht anders, als diesen Unterton der Geschichte so zu akzentuieren, als wäre dies eine Volksgemeinschaft von heute.
Das Ereignis des Abends: Jorid Lukaczik (r.) als Tochter Inga und Sohn Rolv in einem, hier mit Karin Enzler © Jörg Landsberg
Diese komplizierte Transformation ins Gegenwärtige aber kann der Ton des Schriftstellers Vesaas nicht leisten. Die Wieder-, ach was: die Neuentdeckung des Textes ist zwar ziemlich interessant, führt aber gerade nicht dahin, wohin sie heute wohl führen müsste; bleibt stattdessen historisch, ja irgendwie alt. Und Regisseurin Ruth Mensah, erstmals in Bremen tätig, verdichtet das Material zwar zu spürbarer Sogwirkung. Der Transformation ins Heute steht der Sound des Textes aber letztlich im Wege, trotz aller Regie-Energie.
Fatale Begegnungen
Da bleibt ein Unbehagen; aber umso interessanter ist dieses Ensemble in diesem Raum. Yuni Hwang hat eine Art Deichkrone quer auf die Insel-Bühne gestellt; auf ihr finden die fatalen Begegnungen statt. Aus der Unterbühne kommt später das Wohnzimmer des Bauern Li heraufgefahren, darin ist nur ein starker Ast mit Äpfeln dran – die Bilder liefern einige Poesie zum eher wenig poetischen Text. Den aber durchdringen in allem übersteigerten Realismus die Schauspielerinnen, neben Judith Goldberg und Karin Enzler vor allem Irene Kleinschmidt, Stütze und Säule der Bremer Truppe seit der Zeit des Intendanten Klaus Pierwoß: Irene Kleinschmidt "ist" das Bremer Theater. Und neben Ruben Sabel und Ferdinand Lehmann findet Alexander Swoboda starke Haltungen für den in sich zerrissenen Moralisten Karl Li, den starken Stamm im Insel-Inferno.
Das Ereignis des Abends aber ist Jorid Lukaczik, Tochter Inga und Sohn Rolv in einem und extrem mitreißend in Haltung und Spiel. Mit Hausregisseur Felix Rothenhäusler wird Jorid Lukaczik wohl demnächst nach Freiburg wechseln: ein Gewinn fürs Theater dort – und für Bremen ein Verlust.
Der Keim
von Tarjei Vesaas
In der Bühnenfassung von Sonja Szillinsky und Ruth Mensah
Regie: Ruth Mensah, Bühne, Yuni Hwang, Kostüme: Shayenne Di Martino, Video: Philipp Stello, Choreographie: Waithena Lena Schreyeck, Musik: Lukas Weber, Licht: Marius Lorenzen, Dramaturgie: Sonja Szillinsky.
Mit: Karin Enzler, Judith Goldberg, Irene Kleinschmidt, Friedrich Lehmann, Jorid Lukaczyk, Ruben Sabel, Alexander Swoboda.
Deutschsprachige Erstaufführung am 4. April 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.theaterbremen.de
Kritikenrundschau
Manches bleibe in der Inszenierung "eher unvermittelt, auch wenn das Ensemble für schöne Szenen sorgt", schreibt Andreas Schnell in der Kreiszeitung (9.4.2025). Die Handlung werfe für das Publikum, das "zum Teil der Dorfgemeinschaft" geworden sei und "sich nun mit dem Gewaltexzess auseinandersetzen" müsse, Fragen auf: "Sind wir zumindest zusehend Teil einer Gewaltdynamik geworden? Beharren wir auf Einhaltung der Gesetze? Eine Auflösung bieten weder Vesaas noch Mensah. Der Keim bliebt verborgen."
"Präsentiert wird die Gemengelage in einer schweren Sprache, im Sinne von gewichtig, die in der Dramatisierung mitunter hölzerner wirkt als in der Vorlage. Auch in Sachen Schauspiel tritt die Besetzung vor allem durch präzise Arbeit an der Distanz – zueinander und zum eigenen Selbst – in Erscheinung. Wirklich lebendig wird es nur kurz und das ausgerechnet in den finstersten Momenten", schreibt Jan-Paul Koopmann in der taz (29.4.2025). Seine allegorische Dichte sei gleichermaßen Stärke und Schwäche des Abends, "weil die Konstruktion im Ganzen vielleicht doch ein bisschen zu schlau ist für die allzu menschlichen Dimensionen des Abgrunds, der sich da auftut".
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