Der Zauberer von Öz. Eine Fußballtragödie - Theater Bremen
Unterm Streitwagen der Politik
17. Oktober 2025. Öz steht für Mezut Özil, den großen Fußballzauberer. Erst Publikumsliebling, fiel er in Ungnade, als er sich als deutscher Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan ablichten ließ. Akın Emanuel Şipal hat über Özil ein Stück geschrieben. Aram Tafreshian bringt es in der Stadt zur Uraufführung, in der Özil sein erstes Bundesligator schoss.
Von Andreas Schnell
"Der Zauberer von Öz. Eine Fußballtragödie" von Akın Emanuel Şipal am Theater Bremen © Jörg Landsberg
17. Oktober 2025. Zeit und Raum, so heißt es einmal sinngemäß in Akın Emanuel Şipals Stück "Der Zauberer von Öz", das seien die eigentlichen Domänen dieses "Fußball-Mozarts", zu dem die spanische Presse Mesut Özil einst kürte. Nicht das einzige, was Fußball und Theater verbindet. Inszenierung, Identifikation, Identität – das sind weitere Gemeinsamkeiten, die im Zentrum dieses Abends stehen, weshalb die Causa Özil natürlich ganz klar auf die Bühne des Theaters Bremen gehört.
Erstens wegen Bremen, wo er sich in die Nationalmannschaft spielte, zweitens wegen der schillernden Vita Özils, der vom Publikumsliebling zum Buhmann wurde. Wobei es da wahrscheinlich stark auf die Perspektive ankommt. Denn unter den Anhängern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan dürfte Özil gar nicht so umstritten sein. Womit wir auch schon mittendrin sind im "Zauberer von Öz", in dem es eigentlich gar nicht so sehr um Özil selber geht, und um Fußball auch eher nur vermittelt.
Einwanderungsland Deutschland
Was Autor Şipal und Regisseur Aram Tafreshian hier ausbreiten, ist ein historisch weit ausgreifender Blick auf Deutschand als Einwanderungsland. Özils Vita liefert da noch einen weiteren schönen Punkt: Der gebürtige Gelsenkirchener schaffte es beim dortigen Verein Schalke 04 in die Bundesliga. Ein Verein, der schon vor dem Ersten Weltkrieg als "Polackenverein" geschmäht wurde, was hier in schriftlicher Form überliefert wird, wie die Leinwand überhaupt reichlich zum Einsatz kommt, mal, um in Nahaufnahme die beengten Wohnverhältnisse der Gastarbeiterfamilie Özil abzubilden, mal, um die mit Lego-Figuren nachgestellten Szenen mit Jogi Löw sichtbar zu machen.
Party-Patriotismus in schwarz-rot-gold © Jörg Landsberg
Dann gibt es noch ein Plateau, unter dem über weite Strecken Ella Olivia Bender Semerci dem Abend an Klavier und Computer die Tonspur besorgt, mal atmosphärisch, mal mit betörenden türkischen Weisen. Bender Semerci liefert auch in einem Prolog erste philosophische Überlegungen über das Foto an sich, bevor ein Chor in schwarz-rot-goldener Fan-Tracht den berühmt-berüchtigten Party-Patriotismus zelebriert und mit Schlagworten in die Zeit um 2010 führt, in der Özil mit einem Tor gegen Ghana seine Mannschaft ins Achtelfinale der WM in Südafrika schoss. Das Ende der Kohl-Ära, Multikulti, der Islam, der Islam, der zu Deutschland gehört, Schuldenbremse, die Gründung der AfD und so weiter, illustriert mit allerlei Bildern jener Zeit – Sarrazin, Stoiber, Putin und einige mehr werden kurz auf die Bildschirme projiziert. Dabei gerät man auch ins Staunen, wie lange das alles schon her ist, wie weit weg.
Verschärfte Rhetorik
Das ist also das Setting, in dem Özil Karriere macht, die wichtigsten Stationen seiner Karriere müssen schon erzählt werden, die Erfolge, die Enttäuschungen, die Schmutzkampagnen, als er sich mit Erdoğan ablichten lässt. Şipal hat hier offenbar auch gut recherchiert. Aber es geht, wie gesagt, um mehr. "Der Zauberer von Öz", vollgepackt mit Verweisen – auf Lyman Frank Baums Kinderbuch "Zauberer von Oz", auf Harry Potter und andere Märchen, auf Goethe und sein Verhältnis zum Islam, auf den "Polackenverein" Schalke 04 –, kreist um Fragen der Identität, erkundet die Durchlässigkeit einer Gesellschaft, die gerade heute wieder mit verschärfter Rhetorik diskutiert wird. Gerade erst brüstete sich ja der amtierende Kanzler Merz mit einer Reduktion der Zuwanderung.
In diese nach wie vor relevanten Diskussionen werfen sich Aram Tafreshian und das sicherlich nicht zufällig sehr diverse Ensemble auf allen Ebenen, denen Susanne Brendel ein entsprechend vielschichtiges Bühnenbild bereitet hat, das durch die Live-Kamera noch weitere, oft recht trippige Dimensionen gewinnt, wobei die Inszenierung den gesellschaftlichen Verhältnissen übrigens auch mit Übertiteln in Englisch, Türkisch und Deutsch Rechnung trägt.
Stolpern im Zeichenwald
Unter die Räder "des Streitwagens der Migrationspolitik" sei er gekommen, sagt der einstige deutsche Nationalspieler Özil im Stück. Einerseits. Andererseits tilgte er selbst Israel in einem Social-Media-Beitrag von der Landkarte, trat später der Erdoğan-Partei AKP bei, in deren Vorstand er seit diesem Jahr ist, tat also selbst nicht wenig für die Entfremdung. Wolle man Özil verstehen, könne man nur scheitern, sagt Şipal im Programmblatt. Worum es stattdessen geht, deutet die toll beknackt-kluge Fabel an, mit der Sofia Iordanskaya den Abend rundet: Wer schaut hier eigentlich wen wie an – und warum?
Mag man auch als Fußball-Ignorant im Zeichenwald, der nicht nur im Text wuchert, sondern in Form von Maisfeld, großen Gräsern und Riesenpilzen auch auf der Bühne des Kleinen Hauses steht, gelegentlich den Durchblick verlieren, lässt sich hier ein Abend erleben, der mit viel Lust am Spiel einen Blick nicht zuletzt auf uns selbst ermöglicht.
Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie
von Akın Emanuel Şipal
Uraufführung
Regie: Aram Tafreshian, Bühne und Kostüme: Susanne Brendel, Video: Rafael Ossami Saidy, Musik: Ella Olivia Bender Semerci, Licht: Joachim Grindel, Dramaturgie: Franziska Benack, Lea Goebel, Outside Eye: Marianne Seidler.
Mit: Seyrane Ay, Martin Baum, Manolo Bertling, Arian Bünnagel, Yelda Dinc, Judith Goldberg, Lisa Guth, Sofia Iordanskaya, Ruben Sabel, Ella Olivia Bender Semerci, Rainer Steinhaus, Asya Utku, Sumeyra Uygun, Bernd Wellbrock.
Premiere am 16. Oktober 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.theaterbremen.de
Kritikenrundschau
"Im Grunde läuft der Theaterabend wie die Karriere des Fußballsportlers Mesut Özil", schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel online (17.10.2025). "Er beginnt sehr stark, offenbart tolle Technik und Spielfreude, präsentiert zahlreiche grandiose Treffer und verstört durch schwer verständliche politische Bekenntnisse. Und er endet in einem Zustand der Zerfaserung."
"Um die vielen unterschiedlichen Themen zu fassen, wechselt die Inszenierung ständig Ton und Form. Lieder, Sprechchöre, Albträume, Videos – jede Episode wird anders erzählt", sagt Christine Gorny auf Bremen 2 (17.10.2025). "Die wilde Mischung aus Figuren und Szenen, aus historischen und popkulturellen Referenzen führt zu einem etwas schwer zugänglichen Assoziationsreigen. Zu Mesut Özils überraschendem Spiel und seinem wechselvollen Leben passt das irgendwie. Am Ende bleibt der Eindruck: viel Projektion und etwas zu viel Ambition", so die Kritikerin weiter.
"Eine vielschichtige Angelegenheit, multiperspektivisch erzählt" sah Thomas Kuzaj und schreibt in der Kreiszeitung (18.10.2025): "In den Fragen, die Şipals Stück am Beispiel Özils zu den Themen Identifikation und Integration stellt, reicht der knapp zweistündige, pausenlose Abend weit über den Fußball hinaus – in unsere Gegenwart."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >