In der Messerverbotszone

15. Februar 2025. Und auch am Theater Bremen gibt es eine neue "Kohlhaas"-Inszenierung. Felix Krakau hat Kleists Novelle mit Schockmomenten auf die Bühne gebracht. Mit einem Kohlhaas, der seinen Kampf im Namen der Gerechtigkeit verteidigt und Scheinwerfern, die vom Himmel fallen.

Von Andreas Schnell

"Kohlhaas (No Limits)" nach Kleists Novelle inszeniert von Felix Krakau am Theater Bremen © Jörg Landsberg

15. Februar 2025. Auch wenn die Geschichte des um sein Recht gebrachten Pferdehändlers, der zum Racheengel wird, schon ein paar hundert Jahre auf dem Buckel hat, gehört ja nicht viel dazu, in Kleists Novelle "Kohlhaas" inhaltliche Dringlichkeit zu entdecken. Man muss nicht nur an Amokläufer oder -fahrer denken oder an gewaltbereite Wutbürger einerseits, an Willkürherrschaft und Vetternwirtschaft andererseits – das Rechtsempfinden ist schnell verletzt, und Rachefantasien sind kein Privileg radikaler Geister. Knapp acht Jahre nach dem letzten Bremer "Kohlhaas" bringt Felix Krakau nun eine neue Fassung auf die Bühne des Bremer Theaters.

Das Thema ist komplex, aber zunächst geht es recht launig zu: Das spielfreudige vierköpfige Ensemble führt plaudernd ins Thema ein, garniert mit ein bisschen Sekundärliteratur. Allerdings erst, nachdem Alexander Swoboda mit Bilderbuch-Vokuhila und kleiner Verspätung die Bühne betreten hat – wo er sich erst noch die Schuhe zubinden muss. Die wenigen Minuten... Aber es gab doch eine Verabredung! Und zack: Ist der erste Punkt gemacht.

Scheinwerfer krachen zu Boden

Weitere Regeln folgen sogleich: Das Mitführen von Hieb- und Stoßwaffen, aber auch Schusswaffen ist strengstens verboten, Fremdgetränke sind auch nicht okay. So sind die Vorschriften. Okay, also, Anwesenheitsliste, schlägt Karin Enzler vor. Dauert zu lange. Schwierig auch wegen Datenschutz. Also die Kurzversion: "Seid ihr alle da?"

Kohlhaas 1 Guth Swoboda Lehmann Enzler Foto Joerg LandsbergMit gutem Move: Lisa Guth, Alexander Swoboda, Ferdinand Lehmann, Karin Enzler in "Kohlhaas" am Theater Bremen © Jörg Landsberg

Auch wenn immer mal wieder dieser humorige Ton angeschlagen wird, oft im Chor, gibt es kein Kasperltheater zu sehen. Die Geschichte wird in ihrer Drastik performt, mit Splatter und Feuerwerksprojektionen, das natürlich nur auf den beiden Vorhängen, aber laut. Sehr laut. Und kurz vor Schluss hat Krakau dann noch einen echten Schocker parat: Ein Scheinwerfer löst sich aus seiner Verankerung und baumelt über der Bühne – dann fällt mit viel Getöse ein weiterer nach dem anderen zu Boden.

Justice-Schriftzug und andere Gerechtigkeit-Forderungen

Die Eskalation des Kohlhaas, der Wittenberg niederbrennt und es mit Leipzig immerhin versucht, bildet sich in den tollen Bildern, die Florian Schaumberger erschafft, ebenso ab, wie die Kammerspiel-Intensität des Besuchs von Kohlhaas' Frau Elisabeth aus dem Jenseits in Kohlhaas' Zelle. In einem rot leuchtenden quadratischen Rahmen erörtern die beiden die Sinnhaftigkeit seiner Rebellion. Die Musik von Timo Hein grundiert das Geschehen mit markanten Elektro-Beats und atmosphärischen Flächen.

Kohlhaas 7 Ferdinand Lehmann Foto Joerg LandsbergViel Rot: Ferdinand Lehmann in "Kohlhaas" © Jörg Landsberg

Kohlhaas hält daran fest, dass es ihm um Gerechtigkeit geht, allerdings längst nicht mehr um die für ihn – wenn niemand dafür kämpft, sagt Kohlhaas, ändert sich nichts. Sein Kampf ist politisch geworden, er selbst ein Popstar. Was Ferdinand Lehmann in einem markigen Song schon früh am Abend angedeutet hat. Dass auch Martin Luther, der sich in den Konflikt einschaltet, eine schillernde Figur seiner Zeit ist, macht Karin Enzler ihrerseits mit Song klar. Nicht zwingend, aber toll gesungen. Den Bogen zwischen Pop-Appeal und Mittelalter schlagen auch die Kostüme, deren technoider Ballonseiden-Schick mit glitzernden "Justice"-Schriftzügen zugleich auf mittelalterliche Rüstungen verweist.

Salopper Ton

Viel zu sehen also. Aber am Ende geht es natürlich um die große Frage der Gerechtigkeit, um die Funktionalität gesellschaftlicher Verabredungen und Regeln. Wo schlägt man da, um ein Bild aus dem Text zu zitieren, die Pflöcke ein? Was, wenn es irgendwann so viele Pflöcke sind, dass sich niemand mehr zurechtfindet? Dass Krakau das Schwere von der Kleistcrew wieder in dem nunmehr schon bekannten saloppen Ton diskutieren lässt, ist ein schöner Move. "Kohlhaas (No Limits)" verweigert sich – wenig überraschend – einer Antwort. Wobei jene, die in der Welt da draußen die Fäden ziehen, sicherlich weit weniger skrupulös zu Werk gehen als Krakaus Inszenierung.

Kohlhaas (No Limits)
von Felix Krakau nach Heinrich von Kleist
Regie: Felix Krakau, Bühne, Video und Licht: Florian Schaumberger, Kostüme: Jenny Theisen, Musik: Timo Hein, Licht: Marius Lorenzen, Dramaturgie: Sonja Szillinsky.
Mit: Karin Enzler, Lisa Guth, Ferdinand Lehmann, Alexander Swoboda.
Premiere am 14. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

Kritikenrundschau

Felix Krakau gelinge die „Rahmung eines klassischen deutschen Textes. Er bringt ihn – ohne auf Insiderwissen zu setzen – auf den Punkt, ohne ihn zu bagatellisieren, schafft also eine szenische Einführung in 'Michael Kohlhaas' und stellt dessen Inhalt zugleich szenisch zur Debatte", berichtet Detlev Baur für die Deutsche Bühne online (15.2.2025). "In der Abstimmung der eng miteinander verzahnt agierenden Darsteller:innen ist noch etwas Luft nach oben; auch ihre Kontakte mit dem Publikum wirken etwas zaghaft. Die Inszenierung kann also durchaus etwas reifen."

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