Die Herzen der anderen

2. März 2025. In Alize Zandwijks Inszenierungen liegen Familien- und Weltgeschichte, Liebe und größtes Leid immer dicht zusammen. Mit David Safiers Roman "Solange wir leben" hat sie sich nochmal einen besonderen Stoff gesucht. Und bringt ihn in Bremen ergreifend auf die Bühne. 

Von Jan-Paul Koopmann

"Solange wir leben" nach David Safiers Roman von Alize Zandwijk am Theater Bremen inszeniert © Jörg Landsberg

2. März 2025. Unter all den zarten Bildern und Korrespondenzen dieses Theaterabends bleibt der eindrücklichste ein kleiner Zufall, der nicht mal zum Stück gehört: ein Papierkorb am Ausgang voller verheulter Taschentücher. Die weißen Knäuel erinnern sonderbar an das, was auf der Bühne eben noch von zwei, drei oder vier Lebensgeschichten übrig blieb: ein Berg zerknüllter Bettlaken nämlich, der hier so symbolträchtig wie beiläufig entstand, als sich Katastrophe an Katastrophe reihte. Laken runter, neu beziehen, weitermachen.

"Solange wir leben" ist keine heitere Geschichte. Weder David Safiers im April 2023 bei Rowohlt erschienener Roman, noch Alize Zandwijks soeben zur Uraufführung gebrachte Inszenierung des Stoffs am Bremer Theater. Es ist die Geschichte von Safiers Eltern Waltraut und Joschi. Und dass sie biografisch ist, also wahr, muss man wissen. Denn ausgedacht müsste einem diese Handlung zu dicke vorkommen, zu unglaubwürdig.

Liebes- und Leidensgeschichte

Es lohnt, kurz bei der Form zu bleiben, weil hier zwar alles von der Liebe handelt, aber nichts so funktioniert wie eine Liebesgeschichte. Schon, bis die beiden einander auch nur begegnen, braucht der Roman gut 200 Seiten, auf der Bühne dauert es eineinhalb Stunden. Ineinander verschränkt zwar, aber doch streng chronologisch erzählt der Text bis dahin zwei Biografien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und in denen keiner dem anderen fehlt. Hier zielt nichts aufeinander, keine Bestimmung oder sowas, und fürs Erste gehen hier noch ganz andere Liebschaften ins Land.

Beginnen tut's in Wien, in den späten 1930er-Jahren, als der Jude Joschi sich zum ersten Mal verliebt, während seine Nachbar:innen die anrückenden Nazis mit offenen Armen empfangen. Thomas Ruperts Bühne ist ein großer, aber karger Raum mit Blättermuster und Stockflecken auf der Tapete, auf der Rückwand dreht sich unbeirrbar die blasse Projektion eines Riesenrads, als zwischen Rendezvous am Prater der Antisemitismus eskaliert.

Solangewirleben3 1200  Joerg Landsberg uEin Paar, aber eine Liebesgeschichte ganz anderer Art: Lieke Hoppe und Guido Gallmann in "Solange wir leben" © Jörg Landsberg

In diesen frühen Szenen, die für ein oder zwei Tragödien schon gelangt hätten, erzählt Guido Gallmann als Joschi zittrig und mit glasigen Augen, wie er seinen Vater in einer Arrestzelle zurücklassen muss – und ihn nie wieder sieht. Oder vom jüdischen Kommilitonen, den Burschenschaftler aus dem Unifenster werfen und der schreit, bis er auf dem Pflaster aufschlägt.

Immer nur kurzes Glück

Parallel zeigt Shirin Eissa emphatisch und eigenwillig komisch, wie die junge Waltraut in Bremen-Walle groß wird. Im Arbeiterquartier an der Weser ist man nicht reich und wurde im Krieg schwer ausgebombt. In den ersten Jahren der Bundesrepublik versucht das junge Mädchen, ihren Traum vom sozialen Aufstieg wahr zu machen: mit einer Ausbildung bei Karstadt. Hier bahnt sich das sogenannte Wirtschaftswunder an, dort beginnt mit dem Unabhängigkeitskrieg ein neuer Abschnitt von Welt- und Lebensgeschichte. So geht es weiter und immer weiter. Auf erste Ehen folgen furchtbare Verluste und immer neue Verletzungen.

Solangewirleben1 1200  Joerg Landsberg uUnd zwischendurch der Traum vom Aufstieg und Wirtschaftswundergeschichte: Shirin Eissa als junge Waltraut in "Solange wir leben" © Jörg Landsberg

Mit außerordentlich präzisem Tempo dramatisiert John von Düffel den Stoff, in Zandwijks ruhiger und schwermütiger Handschrift verdichten sich große und kleine Rückschläge wie unter dem Brennglas zur conditio humana. "Leben heißt Leiden", lautet Waltrauts melodramatisches Motto, und die Verhältnisse scheinen ihr Recht zu geben.

Schneidend dichte Atmosphäre

Wahrscheinlich rührt die allgemeine Ergriffenheit im Publikum auch daher, dass hier wohl jeder:r bei irgendeinem Unglück anknüpfen kann. Es geht um Alkoholismus, Suizide, Krebs, Gewalt in der Beziehung, Überlastung, Pleiten, Pflege im Alter – um Kinder, die sterben, und um Kinder, die nie geboren werden. Und obwohl sich Joschi und Waltraut wirklich wacker schlagen, tun sich auch bei ihnen moralische Abgründe auf: Joschi etwa verlässt seine betrogene erste Frau in Israel auch deshalb, weil er ihre ständigen Albträume aus Auschwitz nicht mehr erträgt.

Zum Schneiden dicht ist die Atmosphäre, melancholisch, manchmal brutal – dann aber plötzlich auch wieder unglaublich schön: wenn es doch mal was zu feiern gibt, oder Menschen einander ins Herz schließen. Sogar lustig ist es zwischendurch. Weit mehr als bloße Untermalung ist die Livemusik von Matti Weber, der singt, Klavier spielt und Gitarre: vom zeitgenössischen Schlagerschwulst mit BRD-Noir-Vibes bis zum musikalischen Kommentar aus Off wie Claude Elys Gospel "Ain't No Grave (Gonna Hold This Body Down)".

Weltgeschichte

Dass Safiers so schonungsloser wie anspruchsvoller Text in fast vier Stunden, nicht eine Sekunde langweilt – dabei aber dennoch kein Quäntchen übersteuert – ist schlichtweg eine meisterliche Ensembleleistung. Nicht nur, dass hier acht Menschen in fast 20 Rollen mehr als ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte miteinander greifbar machen, sondern sie beweisen wie nebenbei auch, dass man von der Shoah und dem deutsch-jüdischen Verhältnis erzählen kann, ohne dem Wahnsinn einen narrativen Sinn zu verpassen.

Am Ende steht das – nicht gerade für seine Begeisterungsstürme bekannte – Bremer Publikum geschlossen im Parkett: Standing Ovations mit Tränen vor und auf der Bühne. Ein Höhepunkt (mindestens) der Spielzeit, (mindestens) in Bremen.

Solange wir leben
nach dem Roman von David Safier in einer Fassung von John von Düffel
Regie: Alize Zandwijk, Bühne: Thomas Rupert, Kostüme: Sophie Klenk-Wulff, Licht: Mark Van Denesse, Musik: Matti Weber, Video: Wim Bechtold, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg.
Mit: Martin Baum, Shirin Eissa, Guido Gallmann, Nadine Geyersbach, Lieke Hoppe, Susanne Schrader, Paul Schröder, Matti Weber.
Uraufführung am 1. März 2025
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theaterbremen.de

Kritikenrundschau

Von einer grandiosen Uraufführung schreibt Iris Hetscher im Weserkurier (3.2.2025). "Es ist eine Geschichte wie ein wüster Wirbel, vollgestopft mit dem, was die Zeitläufte Menschen im 20. Jahrhundert zugemutet haben, hinzu kommen private Schicksalsschläge." Acht Schauspielerinnen und Schauspieler seien in 18 Rollen zu sehen, "und wie immer bei Zandwijk trägt das Ensemble wesentlich den Abend. Herausragend sind die beiden Hauptdarsteller." In seiner schonungslosen Beschreibung von all den Glücks- und Unglücksfällen, die ein Leben bieten kann, ist dieser Abend aus Sicht der Kritikerin "eine emotionale Zumutung und daher ein großer Theater-Glücksfall."

"Alize Zandwijk ist mit ihrer gefühlvollen Inszenierung dieser Familiengeschichte sehr gerecht geworden“, so Christine Gorny von Bremen Zwei (3.3.2025). Weiter heißt es: "Noch mehr Spielszenen statt Erzählen hätten der Inszenierung vielleicht auch gutgetan. Zumal das Bremer Ensemble großartig agieren kann. Das haben gestern Abend allen voran Guido Gallmann und Shirin Eissa in den Hauptrollen bewiesen."

"Shirin Eissa ist eine überragende, absolut authentische Besetzung für Waltraut. Guido Gallmann gelingt es, sowohl den jungen als auch den alten Joschi mit großer Ausdruckskraft auf die Bühne zu bringen“, schreibt Katia Backhaus von der Kreiszeitung (4.3.2025). Dem Ensemble und Regisseurin Zandwijk sei ein äußerst eindrücklicher Abend gelungen. Besonders rage die musikalische Gestaltung von Matti Weber heraus.

"Das Tempo ist fein kalibriert, immer wieder ziehen Jahre in fast schon nüchternem Erzählton in wenigen Minuten an uns vorbei, bis Zandwijk das Ensemble in die Szenen eintauchen lässt, in denen neben den Dramen auch das lebendig wird, was Joschi und Waltraut immer wieder neuen Mut fassen lässt: die Liebe, die sie füreinander haben und die nicht leicht errungen ist", schreibt Andreas Schnell in der taz (15.3.2025).

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