Über Monster sprechen

15. Juni 2024. In Braunschweig starten die Theaterformen. Das Festival setzt auf Begegnungen und Kommunikation. Möglichst für alle. Das zeigt sich auch in den Auftakt-Inszenierungen, aus Argentinien, Südafrika oder von den Philippinen.

Von Jan Fischer

"Soliloquio" beim Festival Theaterformen, das in Braunschweig und Hannover läuft © Humberto Araujo

15. Juni 2024. Es geht um Sprache. Oder besser: Es geht ums Verstehen. Untertitel gibt es, klar, sogar in zwei Sprachen, aber auch: Leichte Sprache. Gebärdensprache. "Wir sind ein exklusiv inklusives Theaterfestival", sagt die künstlerische Leiterin Anna Mülter. So viele Menschen wie möglich sollen verstehen, was in den nächsten Tagen während der 25. Ausgabe der Theaterformen auf den Braunschweiger Bühnen vor sich geht. Und auch in den ersten Inszenierungen geht es um das Finden einer Sprache. 

Gleich das Eröffnungsstück "Hatched Ensemble" der südafrikanischen Tänzerin Mamela Nyamza tanzt sich von einer fremden Sprache frei. Mit den nackten Rücken zum Publikum stehen und liegen die Tänzer*innen, während sie sich – gaaanz langsam – zur Bühnenmitte bewegen, mit Drahtkonstruktionen von Hähnen, Bäumen, Windrädern und Rindern eine ländliche Idylle mit sich schleppen.

Von der Leine befreien

Als sie dann zu tanzen beginnen, klappern die Wäscheklammern an den weißen Kleidern ebenso wie die Spitzenschuhe auf dem Bühnenboden. Hier wird sich freigetanzt von der westlichen Formensprache des ballett blanc, aber die Einflüsse auch nicht ganz aufgegeben. Vielmehr entsteht im Zusammenspiel mit anderen Tanzformen etwas Neues, das sich aber auch immer wieder beweisen muss.

Das Stück "Hatched Ensemble" aus Südafrika: Befreiung aus den Zwängen des Balletts © Mark Wessels

Ein eindrückliches Bild, vielleicht das Kernbild der Inszenierung ist, als die Tänzer*innen in roten Plastikregenmänteln, die auf einer in der Mitte der Bühne aufgespannten Wäscheleine aufgehängt sind, versuchen, sich zu bewegen. Und sich am Ende der Leine entreißen. Eine Opernsängerin und ein Live-Musiker sind dabei auch mit von der Partie, musikalisch vaganbundiert die Inszenierung zwischen klassischer westlicher Musik und zeitgenössischer südafrikanischer Musik mit starken Call-and-Response-Elementen.

In der Welt der Monster

Mit einer anderen Art des Sprechens befasst sich der Serbe Dalibor Šandor in "Dis_Lecture on Something very special". Zu Beginn der Lecture Performance spielt Šandor eine Szene aus Frankenstein nach und beginnt, über Monster zu sprechen: Seine Lieblingsmonster in Filmen seien die, Missverstanden, die eigentlich die Guten sind. "So wie viele meiner Freunde." Für Šandor sind die Monster das Fremde, das Andere – deshalb hätten Menschen Angst vor ihnen, genau wie vor Menschen mit Behinderungen. Šandor, der selbst eine Behinderung hat und Mitglied der inklusiven Theatergruppe Per.Art ist, nutzt dafür Film- und Videospielkultur. Frankenstein hat einen Auftritt, Dracula, aber auch Monster aus Anime und aus dem Videospiel "Fallout 3". "Monster sind interessanter als Menschen", sagt er, "weil sie alle unterschiedlich sind, ihre Welt ist diverser".

Something very special Photo by Dieter HartwigDalibor Šandor in "Dis_Lecture on Something very special" © Dieter Hartwig

Das ist eindringlich, weil es hier auch um Verständnis dafür geht, eine gemeinsame Art der Kommunikation zu finden. Voraussetzung ist eben, dass man erst einmal keine Angst voreinander hat, sich als gleichberechtigte Wesen begreift. Das ist es, was Šandor hier über den Umweg der Monster versucht: In einem minimalen Setting – es gibt ein Rednerpult, einen Stuhl und hin und wieder ein Video – wirbt er nicht nur für Verständnis, sondern für gegenseitigen Respekt.

Kampf um die Utopie

Disruptiv wiederum arbeitet der Argentinier Tiziano Cruz in "Soliloquio (I woke up and hit my head against the wall)", das eine Art autofiktionale linksanarchistische Tirade mit verzweifelten Karnevalselementen ist. Die Performance beginnt auf dem Braunschweiger Schlossplatz – aus Zufall oder Absicht direkt über dem auf dem Boden ausgelegten Heinrich-Heine-Zitat, "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Über dieses Zitat wird von der lateinamerikanischen Community Braunschweigs zunächst ein Potpourri aus lateinamerikanischen Tänzen getanzt, die Truppe bricht – inklusive Zuschauer – ins Schloss in Richtung Theater auf. Hinter der Fassade ist das Braunschweiger Schloss ein Einkaufszentrum, die tanzenden Menschen stören dort erst einmal den Ablauf, werden mit einem Lächeln gefilmt, blockieren die Wege zwischen den Geschäften.

Im Theater dann ist die Party vorbei: "Welchen Platz hat Körperlichkeit in einem Land, in dem mein Körper verschwindet, weil die Gesellschaft sich wünscht, weiß zu sein?" steht riesig als Hintergrund auf die Bühne projiziert – am Ende war der ganze Karneval vorm Schloss nichts als Fallhöhe, und Cruz – bekleidet nur mit Unterhose und Artefakten, die sein Vater in mühevoller Arbeit aus abgelegenen argentinischen Dörfern geholt hat – breitet sich aus: Seine Schwester ist gestorben, getötet, sagt er, vom argentinischen Gesundheitssystem. Seine Bevölkerungsgruppe aus dem ländlichen Argentinien ist ausgegrenzt, er als indigener Homosexueller sowieso, die Lämmer seiner Mutter wurden vom Wolf gerissen.

Soliloqio2 c Humberto AraujoErzählung von Ausgrenzung im ländlichen Argentinien: "Soliloquio" © Humberto Araujo

Er selbst möchte als Künstler nichts mit dem Staat und staatlicher Förderung zu tun haben, nichts mit dem Kapitalismus, nichts mit der billigen Zensur der Institutionen, muss sich aber verkaufen, um zu überleben: Es ist harter Tobak, den er in kraftvollen, poetisch formulierten Geschichten ausbreitet und erzählt, während er sich immer weiter entkleidet, am Ende nackt um eine Utopie, um irgendwas, ringt, mit dem er leben kann. In "Soliloquio" geht es eher um das Versagen einer gemeinsamen Sprache, der Kunst: Denn die ist so sehr institutionalisiert, dass sie nichts mehr zu sagen hat. Und, in letzter Konsequenz, Cruz dann eben auch nicht mehr.

Dekonstruktion eines Pop-Konzerts

Viel zu sagen hat dagegen "The Filipino Superwoman Band" der Choreografin Eisa Jocson. Denn, wird erklärt, viele Musiker*innen aus den Philippinen touren in Bands mit Coversongs westlicher Musik über den asiatischen Kontinent – dazu kommt noch eine Menge anderer Arbeitsmigration: Menschen aus den Philippinen sind Krankenschwestern, Haushälterinnen, Kindermädchen. Hier wird eine bekannte Sprache – die der Musik, des Pop – aufgebrochen, um darin etwas anderes zu erzählen: Der Song "Superwoman" von Karyn White wird immer wieder neu betextet, unterschiedliche Worte in den Lyrics geschwärzt, sodass er eine Liebeshymne wird, ein Arbeiterlied, ein Selbstermächtigungssong.

TheFilipinoSuperwomanBand c Joyies StudioThe Filipino Superwoman Band © Joyie's Studio

Hauptsächlich machen die drei Sängerinnen auf der Bühne aber Party, befragen das Publikum nach ihrem Gehalt, ihren Hobbys, ihrer Herkunft. Oder lassen es Weihnachtslieder singen, oder aufstehen und klatschen. Nicht nur die Sprache der Popmusik wird hier dekonstruiert, sondern auch die von Konzerten: Klar, es ist alles da, all die Seidihrgutdraufs, IhrseiddastollstePublikumderWelts, diese Dinge. Aber an einer Stelle – zwischen den Sets – stehen die drei apathisch da, trinken ihr Wasser, nur um dann schnell wieder gut gelaunt aufzutauchen und weiterzufeiern. In die Feierlaune drückt sich die Realität der harten Arbeit hinein.

So starten die diesjährigen Theaterformen in den ersten beiden Tagen mit vier Produktionen, die einerseits auf ihre Art Anschluss suchen, andererseits aber auch versuchen – mal mehr, mal weniger erfolgreich – eine eigene Sprache zu entdecken, zu erfinden, oder eine bestehende umzudeuten. "Es ist nicht Aufgabe der Kultur, die Probleme der Politik zu lösen", sagt Anna Mülter in ihrer Eröffnungsrede. Man setze lieber auf Begegnungen. Eindeutig ist da zwar nichts. Und einfach sowieso nicht. Aber immerhin können viele verstehen, worum es geht.


Festival Theaterformen 2024

Hatched Ensemble
Konzept, Choreografie, Regie: Mamela Nyamza
Mit: Tänzer*innen: Kirsty Ndawo, Amohelang Rooiland, Itumeleng Chiloane, Khaya Ndlovu, Thamsanqa Tshabalala, Kearabetswe Mogotsi, Noluyanda Mqulwana, Thimna Sitokisi, Zandile Constable, Tania Mteto, Operngesang: Litho Nqai, Traditionelle Live-Musik: Given "Azah" Mphago
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Dis_Lecture on Something very special
Autor: Dalibor Šandor, Künstlerische Mitarbeit: Marcel Bugiel, Frosina Dimovska, Saša Asentić, Produktion: Saša Asentić
Mit: Dalibor Šandor
Dauer: 1 Stunde

Soliloquio (I woke up and hit my head against the wall)
Text, Regie, Performance: Tiziano Cruz
Dramaturgie, Regieassistenz: Rodrigo Herrera Film Matías Gutiérrez, Sounddesign, Komposition: Luciano Giambastiani, Lichtdesign: Matías Ramos, Kostümdesign: Uriel Cistaro, Realisation Kostüm: Vega Cardozo Luisa Fernanda, Luciana Iovane
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

The Filipino Superwoman Band
Konzept, Choreografie, Performance: Eisa Jocson, Künstlerische Mitarbeit, Performance: Bunny Cadag, Cathrine Go, Künstlerische Mitarbeit, Sound Design, Musikalische Leitung: Teresa Barrozo, Künstlerische Mitarbeit, Videoprojektion, Produktionsmanagement: Franchesca Casauay
Dauer: 1 Stunde

www.theaterformen.de


Kritikenrundschau

Spitzentanz mit Verstörungspotenzial, schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (15.6.2024) über "Hatched Ensemble". Technisch bewege sich das alles auf hohem Niveau, "inhaltlich ist es zuweilen verstörend". Die Choreografie von Nyamza habe Kraft und Selbstbewusstsein, und "man erkennt das Anliegen: Stereotypen sollen hinterfragt, Zwänge überwunden werden. Aus den langsamen Bewegungen wird ein opulenter Befreiungstanz".

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