Faust I - Marc Beckers Inszenierung fürchtet sich vor dem Gretchen
Margarethe als Komödien-Gift
von Alexander Schnackenburg
Dieser Beitrag ist Teil des nachtkriktik.de-Archivs. Er entspricht Layout und technischem Stand vor November 2021.
Zum Glück! Denn mit dieser Szene ist ihm nicht nur eine liebevolle, augenzwinkernde Hommage an das ganze Stück gelungen, sondern eine wunderbare kleine Satire praktischer Theaterarbeit obendrein.
Faust 1 zu vieren
Keine anstrengende kunstästhetische Diskussion schickt er dem "Prolog im Himmel" voraus, sondern lässt seine Figuren statt dessen – sehr kurzfristig! – die dringlichsten Besetzungsfragen des Abends klären: Man ist, den cholerischen Theaterdirektor (Denis Larisch) eingerechnet, gerade einmal zu viert, hat sich trotzdem den "Faust" vorgenommen und stellt nun zu allem Überfluss auch noch fest, dass das Gretchen gar keine professionelle Schauspielerin ist, sondern eine 15-jährige Göre, die hier, am Theater, ihr "freiwilliges kulturelles Jahr" absolviert. Der notgeile Dramaturg des Kindertheaters hat das Mädchen angeschleppt – wer sonst?
Gretchen bleibt Gretchen bleibt Gretchen
Wer nach diesem Einstieg glaubt, dass der Regisseur das Gretchen (Rika Weniger) der Lächerlichkeit preisgeben würde, sieht sich bald getäuscht. Im Gegenteil: Becker nimmt es viel ernster als alle anderen Figuren, womöglich zu ernst. Fast scheint es gar, als fürchte sich der Regisseur ein bisschen vor dieser Rolle. Während Faust (Till Weinheimer) und Mephistopheles (Jens Ochlast) zwischendurch immer wieder zurückspringen in die Rollen der Schauspieler spielenden Schauspieler, bleibt Gretchen immer das Gretchen.
Komödie geht nicht
Einerseits – man kann es im Auditorium geradezu spüren – ist das genau richtig. Die Leichtigkeit, mit welcher Faust und Mephistopheles bei Becker auf der Bühne einen Slapstick an die nächste Zirkusnummer reihen, würde dem Gretchen kaum bekommen: Die Dramaturgie des Stücks wäre zerstört. Andererseits leidet die Inszenierung an diesem Gretchen. Nicht, weil Rika Weniger kein Charisma hätte – im Gegenteil –, sondern vielmehr, weil der Witz, die feine Ironie, durch die weite Strecken der Aufführung bestechen, in dem Moment verloren zu gehen drohen, da das Mädchen die Bühne betritt. Denn dann wird klar, dass es einfach nicht geht. Man kann den "Faust" nicht von Anfang bis Ende als Komödie inszenieren. Spätestens mit der Liebesgeschichte erfolgt der Bruch. Und so bleibt Marc Beckers "Faust I" mehr Kommentar zum Stück als eine runde Inszenierung desselben. Ein solch pfiffiger Kommentar allerdings, dass man ihn so bald kaum vergessen wird.
Faust I
von Johann Wolfgang Goethe
Inszenierung: Marc Becker, Ausstattung: Peter Engel, Dramaturgie: Johanna Wall.
Mit: Till Weinheimer, Jens Ochlast, Rika Weniger, Denis Larisch.
www.staatstheater.de
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