Sehnsucht nach Ewigkeit

9. Dezember 2023. Kurz vor Beginn der Pandemie kam die schräge Zukunftsvision von Yael Ronen und Dimitrij Schaad am Thalia Theater in Hamburg heraus – die Zeiten haben sich verändert. Aber reichlich Beziehungskonflikte lassen sich auch heute noch in dem Stoff entdecken.

Von Michael Laages

"(R)Evolution" © Ute Lewandowski

9. Dezember 2023. Stücke gibt’s, und gar nicht wenige in der zeitgenössischen Theater-Produktion, die sind sehr viel deutlicher als sonst mit den Persönlichkeiten von Autorin oder Autor, Regisseurin oder Regisseur verbunden. Der vertraute Begriff der "Uraufführung" verliert da merklich an Bedeutung – denn wer hätte je eine Theater-Phantasie von, sagen wir mal, Christoph Marthaler nach-inszeniert, oder von den drei pfiffigen Theater-Geistern, die unter der Marke "Rimini Protokoll" produzieren. Sehr selten gelangten Projekte von Falk Richter in anderer Regie als von ihm selbst in den Spielplan, und nur einmal eins von René Pollesch – die Arbeit am eigenen Entwurf hatte den Monomanen damals derart erzürnt, dass er sich jede weitere Fremd-Beschäftigung mit Pollesch-Texten verbat.

Zukunfts-Comedy

Auch die Autorin und Regisseurin Yael Ronen gehört tendenziell zu diesem Verein der Unikate. Kurz vor Beginn der Pandemie allerdings hatte das Hamburger Thalia Theater sie gewonnen für eine Auswärts-Produktion; den Schauspieler Dimitrij Schaad brachte sie als Co-Autor mit vom Berliner Stammhaus, dem Maxim-Gorki-Theater. Die Hamburger Arbeit hat seither, eher ungewohnt auch für Ronen-Arbeiten, schon einige Folge-Versuche erlebt – im österreichischen Villach etwa und in Erlangen. Jetzt hat sich am Theater in Osnabrück Intendant Ulrich Mokrusch mit der "(R)Evolution" beschäftigt.

Er entdeckt für die kleine Spielstätte, das "emma"-Theater, vor allem ein "well made play", eine Schlag auf Schlag und effektsicher funktionierende Zukunfts-Comedy. Vom politisch-sozialen und gesellschaftlichen Kontext der "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert", der Projekt-Vorlage also vom israelischen Historiker Yuval Noah Harari, ist hier allerdings nichts zu hören und zu sehen (und im Programm-Faltblatt auch nichts zu lesen); bestenfalls aus einigen Details in der Fabel sind Rückschlüsse möglich – auf den Stand der Dinge anno 2040.

Revolution 2 805 Uwe LewandowskiRaphael Akeel, Nientje C. Schwabe, Stefan Haschke, Amaru Albancando, Lua Mariell Barros Heckmanns © Uwe Lewandowski

Ganz Holland steht mittlerweile unter Wasser, die Bevölkerung floh; unentwegt werden Menschen abgebaut, und an den Arbeitsplätzen sind Maschinen mit Computer-Power installiert - mittlerweile bekanntermaßen ja auch durch KI, durch "Künstliche Intelligenz". Die Debatte darüber war vor dreieinhalb Jahren noch nicht so präsent wie heute. Eine angeblich terroristische Gruppe gibt’s, die sich "Die Naturalisten" nennt; direkte Bezüge zu "Fridays for Future" (wie zur Zeit der Uraufführung) oder zum "Letzte Generation"-Aktivismus muss sich das Publikum in Osnabrück schon selbst zusammenphantasieren.

HALs gruseliger Enkel

So schnurrt das Stück auf die drei Beziehungsgeschichten zusammen, die jenseits vom intellektuellen Überbau den Kern markieren – Lana und René sind zu Besuch bei Doktor Frank im Reproduktionslabor, weil sie das zweite Kind diesmal besser planen wollen; das erste, mit dem sie offenbar nicht so zufrieden sind, taucht nicht auf. Alle gen-basierten Eigenschaften des Paares werden analysiert, registriert und "Alecto" übergeben, den Computer-Geist, der von nun an das Leben des Paares organisiert – bis hin zum Kühlschrank, der neuerdings mit der Stimme von Renés Mutter spricht und ihm auf die Finger haut, wenn er nachts zum Naschen kommt. "Alecto" ist ein komischer, aber genau so gruseliger Enkel von HAL, dem mörderischen Computer in Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker "2001 – Odyssee im Weltraum".

Revolution 5 805 Uwe LewandowskiLua Mariell Barros Heckmanns, Raphael Akeel © Uwe Lewandowski

Auch Doktor Frank pflegt eine Beziehung – zum Partner Ricky. Diese Beziehung aber leidet an starken Trends zur Entfremdung. Ricky beginnt sich "trans" zu empfinden, aber nicht transsexuell, sondern "transhuman". Nicht das Weibliche spürt er in sich, sondern die Sehnsucht nach Ewigkeit – "reiner Geist" will er werden, den Körper braucht er dafür nicht mehr. Sein Ziel: aufzugehen in einer Art mensch-gewesener Computer-Intelligenz. 

Amüsanter Fake-Effekt

Tatjana erlebt derweil ein ganz anderes Drama mit "Alecto" – sie, die gerade den Job und viele andere Lebens-Gewissheiten verloren hat, wird plötzlich zu einer Art Sex-Objekt für den Computer; er möchte ganz grundsätzlich eindringen in die Frau, als faden-dünner Chip präsent sein in Tatjanas Hirn. Tatsächlich aber spioniert das Helferlein die Frau nur aus – auf einmal gilt sie als Gefolgsfrau der "Naturalisten", also als potenzielle Terroristin … und das nur, weil sie Holländerinnen und Holländer mag. Die Verhör-Szene zwischen Tatjana und zwei mit Revolvern herum fuchtelnden Polizisten ist sicher die stärkste Szene im Szenario, wie es Mokruschs Inszenierung zeigt.

Der Abend funktioniert gut; das Ensemble lässt sich sehr animiert treiben durch’s computerisierte Absurditäten-Kabinett. Margrit Flogner hat für das Quintett ein paar große Spiel-Kästen auf die winzige "emma"-Bühne gestellt, abstrakt, beweglich und in den Rahmen beleuchtet; einmal liegt ein wenig noch abstrakteres Video-Flimmern über der Szene. Und als Intro hat das Team einen amüsanten Fake-Effekt hinzu erfunden – unter oder in den 100 Stühlen im Saal seien KI-Sensoren versteckt, wird behauptet, die die Reaktionen des Publikums ermitteln und so einen Spielplan entwickeln können, der noch publikumskompatibler ist als bisher … Das ist schon deshalb ulkig, weil die "emma"-Stühle immer noch genauso aussehen wie vor Urzeiten, als dieser Raum noch die Aula war im Obergeschoss einer Schule. Auf solchen Stühlen wuchs kaum genug natürliche Intelligenz – wie sollten gerade sie wohl künstliche befördern?

(R)Evolution
von Yael Ronen und Dimitrij Schaad
Inszenierung: Ulrich Mokrusch, Bühne und Kostüme: Margrit Flogner, Video: Manuel Kolip, Dramaturgie: Kundry Pauline Reif.
Mit: Raphael Akeel, Amaru Albancando, Stefan Haschke, Lua Mariell Barros Heckmanns, Nientje C. Schwabe.
Premiere am 8. Dezember 2023
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-osnabrueck.de

 

Kritikenrundschau

Das "witzige, gut gebaute und gallebittere Stück" von Ronen/Schaad "amüsierte" das Premierenpublikum, berichtet Christine Adam in der Neuen Osnabrücker Zeitung (9.12.2023 | Paywall). Ulrich Mokrusch setzt "ganz im Komödienstil auf ein hohes, anfangs noch nervös wirkendes Spieltempo", aber "allmählich kristallisieren sich Qualitäten der einzelnen Spieler heraus". Die Rezensentin moniert "den aktuellen Trend im Schauspiel, Texte leicht überpointiert wie im Kinder- und Jugendtheater zu deklamieren und mit körperlicher Akrobatik zu garnieren", der auch hier zu verfolgen sei ("großes Schauspiel sieht anders aus"). "Sehenswert und inhaltlich herrlich brisant" sei der Abend aber "allemal".

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